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Tschernobyl : Leben in der Sperrzone

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Kurz nach der Evakuierung kehrten sie zurück Bild: Reuters

Tschernobyl ist weniger als 30 Kilometer entfernt. Nach dem Reaktor-Unfall vor 20 Jahren wurden die Menschen aus den umliegenden Dörfern evakuiert. Doch sie sind nach Hause zurückgekehrt, um dort zu sterben. In Einsamkeit.

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          Hanna Semenjenko wohnt allein in einem winzigen Gartenhäuschen in der ukrainischen Ortschaft Illinzi. In der Nachbarschaft der 80jährigen Dame leben nur noch 35 weitere Menschen, die meisten Gebäude des verlassenen Dorfes sind zerfallen.

          Seit 20 Jahren ist Illinzi eine Geisterstadt. Die Einwohner wurden nach dem Super-GAU im rund 15 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Tschernobyl ausgesiedelt. Semenjenko ging damals mit ihrem Sohn nach Kiew, kehrte aber schon 1987 nach Hause zurück. In den ersten Tagen nach der Havarie vom 26. April 1986 wurden rund 200.000 Menschen aus dem unmittelbaren Umkreis des Kernkraftwerks evakuiert. Die Anweisung galt für eine 30-Kilometer-Zone, die weite Teile der damaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Weißrußland umfaßte.

          Das Riesenrad steht noch immer

          Allein in der Ukraine waren rund 80 Ortschaften betroffen, darunter die drei Städte Tschernobyl, Polisske und Prybjat. Letztere war eigens als Arbeiterwohnstadt nur drei Kilometer vom Kraftwerk entfernt errichtet worden. Um Panik zu vermeiden, wurde den 50.000 Einwohnern von Prybjat vor der Räumung mitgeteilt, es handle sich um eine militärische Übung. Deshalb wurde alles Hab und Gut zurückgelassen. Noch heute findet man in den menschenleeren Häusern Möbelstücke vor, soweit diese in der Folgezeit nicht geplündert wurden. Auf dem zentralen Platz steht immer noch das Riesenrad, das für die Feiern zum 1. Mai aufgestellt worden war. Die absolute Stille vermittelt eine gespenstische Atmosphäre.

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          Tschernobyl : Leben in der Sperrzone

          Die Strahlenbelastung in Prybjat liegt je nach Jahreszeit immer noch etwa ein Dreifaches über dem Normalwert. Bei Schnee ist sie wesentlich niedriger, wie Messungen bei einer Journalistenreise des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit und der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) ergaben. Der Boden allerdings bleibt massiv mit radioaktiven Schadstoffen verseucht.

          Die Menschen kehrten auf Schleichwegen zurück

          Der Umkreis von zehn Kilometern um das inzwischen still gelegte Kraftwerk ist deshalb weiterhin absolutes Sperrgebiet. Nur ein bis zwei Mal im Jahr dürfen die einstigen Anwohner die Gräber ihrer Angehörigen besuchen. Am Rande der ebenfalls noch gesperrten, aber geringer verstrahlten 30-Kilometer-Zone sind dagegen einige Dörfer schon seit langem wieder bewohnt. Von den einst 600 Seelen in Illinzi kehrten kurz nach der Havarie rund 260 wieder zurück, im gesamten Sperrgebiet waren es etwa 2.000.

          Viele suchten sich Schleichwege zu ihren Häusern, um nicht von Polizisten abgewiesen zu werden. Heute sind in Illinzi 36 Einwohner übrig geblieben - unter ihnen auch Hanna Semenjenko. Insgesamt leben noch rund 350 überwiegend alte Menschen in sieben Dörfern der 30-Kilometer-Zone. Die Stromversorgung ist gesichert, auch gibt es in jeder Ortschaft ein Telefon. Wasser muß aus Brunnen im Freien gepumpt werden. Ein bis zwei Mal die Woche werden Lebensmittel und andere Versorgungsgüter geliefert, einmal im Monat sieht ein Arzt nach dem Rechten. Viele Dorfbewohner bauen in ihren Gärten Obst und Gemüse an, die Radioaktivität im Boden ignorieren sie. Sie züchten Bienen und gehen in den nahen Wasserläufen angeln.

          „Die Verstrahlten von Tschernobyl“

          Besuch kommt nur selten, da die evakuierte Zone an kein öffentliches Verkehrsnetz angebunden ist und für die Einreise eine Sondergenehmigung benötigt wird. Semenjenko bedauert vor allem, daß sie ihre Enkelkinder nie zu sehen bekommt, denn Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren dürfen das Sperrgebiet nicht betreten. Sie selbst hat nie Angst vor der Strahlenbelastung gehabt und fühlt sich auch heute noch gesund, abgesehen von den üblichen Alterserscheinungen. „Die Füße wollen nicht mehr so wie früher - und der Kopf auch nicht immer“, sagt die lebhafte 80jährige.

          Bei einer Umfrage unter ehemals Evakuierten nach dem Grund für ihre Rückkehr wurden immer wieder dieselben Argumente vorgetragen, wie Sergej Tschernow vom Tschernobyl-Informationsdienst Interinform erläutert: Die Dorfbewohner, die stets im eigenen Häuschen mit Gartengrundstück gelebt hatten, fühlten sich einfach nicht wohl in den städtischen Plattenbauten, in die sie umgesiedelt wurden. Auch waren diese Notunterkünfte so schnell errichtet worden, daß vieles schon bald nicht mehr funktionierte. Hinzu kam laut Tschernow die Unfreundlichkeit der Nachbarn, die die „Verstrahlten von Tschernobyl“ aus irrationalen Ängsten wie Aids-Kranke ausgrenzten.

          „Ja, es ist sehr einsam hier“

          Die Behörden ließen die Rückkehrer schließlich in Ruhe. Es wurde lediglich darauf geachtet, daß keine Kinder und Jugendliche in der Sperrzone lebten. Seitdem sind viele Menschen wieder weggezogen oder gestorben. Hanna Semenjenko will in ihrem Häuschen bleiben, das nur aus zwei Räumen besteht. Im Wohnzimmer stehen ein Bett, ein Tisch und ein paar Stühle. Ein mit Holz beheizter Ofen sorgt bei den eisigen Temperaturen im ukrainischen Winter für etwas Wärme und dient zugleich als Kochgelegenheit. „Ja, es ist sehr einsam hier“, räumt die 80jährige ein. „Aber wo soll ich jetzt noch hin?“

          Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl wurde um das havarierte Kraftwerk eine 30-Kilometer-Sperrzone errichtet. Dabei wurden
          - 200.000 Menschen aus dem Umkreis des havarierten Reaktors evakuiert.
          - rund 80 Städte und Dörfer in der Ukraine und zwölf weitere in Weißrußland geräumt. Rund 2.000 Menschen kehrten später in die Sperrzone zurück, heute leben dort noch etwa 350 überwiegend Ältere.
          - 800.000 so genannte Liquidatoren zu Aufräumarbeiten in der Sperrzone herangezogen, davon 200.000 zu längerem Einsatz.
          - ungefähr zwei Millionen Menschen in Weißrußland und 2,6 Millionen in der Ukraine als Tschernobyl-Opfer anerkannt, da sie länger in kontaminierten Gebieten lebten oder immer noch leben. Etwa ein Drittel der Betroffenen sind Kinder.

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