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Seehundzählung an der Nordsee : Auf Briefkastenhöhe übers Watt

  • -Aktualisiert am

Sonnenbank Sandbank: Während des Niedrigwassers sammeln die Tiere Kraft für den nächsten Beutezug Bild: Clemens Latzel

Die Seehundpopulation im Wattenmeer ist auf höchstem Niveau. Das ergab die Abschlusszählung des Jahres an der Nordseeküste Niedersachsens. Mehrmals im Jahr werden Tiere von ehrenamtlichen Mitarbeitern aus der Luft gezählt.

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          „Wo ist der Schlüssel?“ Das ist eine der elementaren Fragen von Wolfgang Herkt, als er am Morgen von seinem Haus am Stadtrand von Osnabrück zum nahegelegenen Verkehrslandeplatz Osnabrück-Atterheide aufbrechen will. Die Suche dauert, denn der Schlüssel sind viele und der Ablagemöglichkeiten ebenso. Auch die Antwort auf die Frage nach der Brille lässt einige Minuten auf sich warten.

          Als Herkt sie schließlich findet, witzelt er: „Mein Optiker verdient gut an mir. Jede Woche verklüngel ich eine Brille.“ Der vielfältig versierte Naturbursche und passionierte Tierschützer, der soeben seinen 70. Geburtstag begangen hat, steigt heute zum fünften und letzten Mal in diesem Jahr mit seiner Cessna 182 auf, um mit seiner Frau Heidi die Seehunde an der niedersächsischen Nordseeküste vom Dollart im Westen entlang der Ostfriesischen Inseln von Borkum bis nach Spiekeroog im Osten zu zählen.

          Drei Tage, vier Länder

          Herkt ist im Auftrag des Landes Niedersachsen unterwegs. Hintergrund des sich alljährlich zwischen Mai und August wiederholenden Monitorings ist das trilaterale Abkommen zur Erhaltung der Seehunde im Wattenmeer, das Deutschland, die Niederlande und Dänemark 1990 in Reaktion auf das große Seehundsterben von 1988 unterzeichneten. In Niedersachsen, wo schon seit 1972 die Bestände vom Flugzeug aus erfasst werden, handele es sich um das exakteste Monitoring von Meeressäugern auf der Welt, sagt Herkt.

          Abflugbereit: Wolfgang und Heidi Herkt in der Cessna 182

          Da ein einzelnes Flugzeug mehr als sechs Stunden benötigen würde, um die gesamte niedersächsische Küste nach Seehunden abzusuchen, gibt es drei Zählgebiete, in denen zur gleichen Zeit die Meeressäuger während des Niedrigwassers gezählt werden. In einem Zeitfenster von drei Tagen werden auch an den Nordseeküsten Schleswig-Holsteins, Dänemarks und der Niederlande die Bestände erfasst, um Doppelzählungen zu vermeiden.

          Die Maschine „auf Briefkastenhöhe“

          Mit vereinten Kräften wird die Cessna aus dem Hangar gezogen. „Heidi, hol nochmal 'ne Dose Öl - zur Sicherheit“, ruft Herkt seiner Frau zu. Dann geht es los Richtung Nordwest zur deutsch-niederländischen Grenze, wo die Zählung an der Emsmündung beginnen wird. Herkt hat seinen 30 Jahre alten Propellerflieger mit Sechs-Liter-Hubraum fest im Griff. Nach gut einer halben Stunde niedersächsischer Wirtschaftskunde ist das Zählgebiet erreicht, das nun die nächsten zweieinhalb Stunden systematisch von West nach Ost überflogen wird.

          Gerade einmal 30 Meter über dem Watt hält er die Maschine „auf Briefkastenhöhe“, wie er sagt - mit Sondergenehmigung, versteht sich, denn sonst dürfte die Mindestflughöhe von 150 Metern nicht unterschritten werden. Jetzt fliegt er stellenweise nur noch 60 Knoten, also rund 111 Kilometer in der Stunde. Langsamer geht es nicht: „Sonst liegen wir im Bach.“ Der Beginn der Zählung ist mit Niedrigwasser Borkum gegen 10.30 Uhr festgelegt. Das sei sehr früh, findet Herkt. „Einen Tag und eine Stunde später wäre besser. Dann liegen fast alle Tiere auf dem Sand. Aber das sind ja alles Leute, die vom Schreibtisch aus planen.“

          Kegelrobben als Service für den Nationalpark

          „Da sind die ersten“, ruft Kopilotin Heidi freudig und deutet wenige hundert Meter südlich des niederländischen Eemshaven auf ein Rudel Seehunde zu ihrer Rechten. Sofort beginnt sie zu zählen. In Zehner- oder Fünferschritten, wie sie sagt. Die Zahlen vermerkt sie direkt auf den Karten auf ihrem Schoß. Mit geübtem Blick macht sie im Vorbeiflug auch gleich noch Kegelrobben ausfindig, die sich mitunter zu den Seehundrudeln legen und nur als „Service für den Nationalpark“ mitgezählt werden.

          Nachdem die Bestände auf dem Borkumriff gezählt sind, vermerkt Heidi „170 + 18 K“, was heißt, dass sich dort zu den 170 Seehunden auch 18 von insgesamt 50 gezählten Kegelrobben gesellt haben. Bei früheren Flügen in der Saison zählt Heidi auch noch die Jungtiere, die im Juni und Juli geboren werden. Doch schon sechs Wochen nach ihrer Geburt könne man sie nicht mehr von ausgewachsenen Seehunden unterscheiden, jedenfalls nicht vom Flugzeug aus.

          „Das Flugzeug ist kein Feindbild mehr“

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