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Regenwald : Galoppierende Urwaldvernichtung

  • Aktualisiert am

Vergängliches Paradies Bild: Bill Laurence

Neue Statistik vom Amazonas: Die Abholzung der Urwälder geht ungebremst weiter. Der Staat tritt dem Raubbau an der Natur nicht entschieden genug entgegen. Denn auch brasilianische Politiker profitieren vom Kahlschlag.

          2 Min.

          Das brasilianische Amazonasgebiet hat nach soeben veröffentlichten offiziellen Angaben zwischen August 2003 und August 2004 insgesamt 26.130 Quadratkilometer an tropischem Regenwald verloren. Dahinter verbirgt sich eine Zunahme der Entwaldungsrate um sechs Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum in den beiden Vorjahren.

          Das sei weit über den zwei Prozent Zunahme, die sich die Regierung des Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva zum Ziel gesetzt hatte, gab Umweltministerin Marina da Silva zu. Umweltschutzorganisationen kritisierten Lula und seine Umweltpolitik in harschen Worten. Der stärkste Druck auf den Amazonas-Regenwald kommt von Südosten. Fast die Hälfte der entwaldeten Fläche, 48 Prozent, entfällt auf den Bundesstaat Mato Grosso. Von dort dehnen sich Sojafelder immer weiter in Richtung Amazonas-Urwald aus. Hauptverursacher ist ausgerechnet der Gouverneur des Bundesstaats, Blairo Maggi, im Hauptberuf der größte brasilianische Sojaexporteur.

          Die Regierung in Brasilia müsse sich entscheiden, ob sie die Zerstörung des Urwalds bekämpfen oder dem Agrobusiness den Vorrang geben wolle, sagte der Koordinator der Amazonas-Programme von Greenpeace, Paulo Adario, in der Amazonasmetropole Manaus. In den vergangenen Jahren hat sich Brasilien zu einem der wichtigsten Agrarproduzenten und -exportländer entwickelt; die gesamte Sojaproduktion wird für die laufende Saison auf 54,5 Millionen Tonnen geschätzt.

          Holzfäller erschwindeln Besitztitel

          Die zweite große Gefahr droht dem Amazonas-Urwald von den Holzfirmen, die zunächst die wertvollsten Hölzer, vor allem Mahagoni, entnehmen und danach alles fällen, was ihnen verwertbar erscheint. Ein Hektar Regenwald enthält etwa 200 verschiedene Pflanzenarten. Die Holzfäller suchen vor allem den Bundesstaat Para heim, der im Nordosten des Amazonasgebiets liegt. Dort sind von August 2003 bis August 2004 insgesamt 6724 Quadratkilometer Fläche entwaldet worden. Nach Greenpeace-Angaben gehen 40 Prozent des Holzes in den meist illegalen Export in die EU, 30 Prozent in die Vereinigten Staaten, der Rest in die Inlandsmärkte und andere Länder, unter denen China einen immer größeren Anteil hält, inzwischen sind es elf Prozent.

          Nach der gegenwärtigen Gesetzgebung ist es erlaubt, auf 20 Prozent Flächenanteil von Privatbesitz Urwaldhölzer zu fällen. Die Mehrzahl der Landbesitztitel im Amazonasgebiet ist jedoch gefälscht. Das „grilagem“, das Erschwindeln von Besitztiteln, ist neben der illegalen Holzentnahme in der Region eines der am meisten verbreiteten Vergehen. Darunter leiden vor allem die Indiogemeinschaften, deren Territorium, etwa 32 Prozent des Amazonasgebiets, als unantastbar gilt. Sie werden von gewalttätigen Eindringlingen vertrieben, die darauf gefälschte Dokumente präsentieren und das Land in Besitz nehmen.

          90.000 Kilometern illegaler Straßen

          Umweltschutzfachleute verzichten angesichts der Entwicklung längst darauf, pauschal einen Entwaldungsstopp zu fordern. Sie treten vielmehr für eine geordnete, nachhaltige Bewirtschaftung vorhandener Waldflächen an bestimmten Entwicklungspolen ein. Als Gegengewicht müßten absolute Schutzzonen eingerichtet werden, außerdem gelte es das Entstehen wilder Ansiedlungen in noch unberührten Gebieten von vornherein zu unterbinden. Holzfäller und Goldsucher schlagen jedoch immer neue Schneisen in den Urwald, inzwischen soll die Region von 90.000 Kilometern illegaler Straßen durchzogen sein. Auf ihnen rücken Siedler nach und setzen das Zerstörungswerk fort.

          Es fehlt in Brasilien nicht an Gesetzen zur Verhinderung der illegalen Aktivitäten im Regenwald, sondern vor allem an einer wirkungsvollen Überwachung und juristischen Verfolgung der Täter. „Der Staat, der dekretiert, ist auch im Amazonas überall vorhanden“, sagt Hans-Jürgen Krüger, der deutsche Koordinator der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) für das G7-Programm zur Naturressourcen-Politik in Manaus, der Politiker in der Region berät - „er ist nur nicht gut organisiert.“

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