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Problemkuh Yvonne : Die Kuh, die ein Reh sein will

  • -Aktualisiert am

Die Kuh Yvonne streift seit Wochen durch die Wälder - nun soll ein Stier helfen Bild: dapd

In Oberbayern wird nach einer Ausreißerin gefahndet. Problemkuh Yvonne weigert sich seit Wochen, ihre Streife durch die Wälder zu beenden. Tierschützer wollen sie retten - mit Pfeilen, Telepathie und einem ganz seriösen Stier.

          Noch steht nicht fest, wo sich das irdische Schicksal der entlaufenen Kuh Yvonne, die seit Wochen durch oberbayerische Wälder streift und ihre Verfolger narrt, vollenden wird. Sie ist jedenfalls dabei, in der bayerischen Mythologie einen festen Platz zu finden - irgendwo zwischen dem Wildschütz Jennerwein, dem Problembären Bruno und Ludwig II. Denn sie steht für die bayerische Gabe zur großen Oper mit großen Schurken, großen Helden, großen Gefühlen.

          In ihr tritt als erster ein Bauer auf, der Yvonne mästen wollte - aus Sicht mancher Anhänger Yvonnes, die sich jetzt zu Wort melden, schon ein Frevel. Für sie ist Yvonne das Symbol einer missbrauchten Schöpfung, in welcher der Mensch seine Mitkreaturen nicht achtet, sondern sie mästet, um sie dann aufzuessen. Der Bauer taugt zwar wenig als Exponent einer verderblichen Massentierhaltung: Er ließ Yvonne artgerecht auf einer Weide grasen, von der sie sich in die Wälder absetzte.

          Telepathische Kontaktaufnahme schlägt fehl

          Aber ohne Bad Guys kann es keine Good Guys geben. Im Falle Yvonnes sind es Tierschützer, die sich zu ihrer Rettung aufgemacht haben. Dieser Part wird von einer medienerfahrenen Initiative wahrgenommen, die in mehreren Ländern Höfe unterhält, auf denen misshandelte Tiere eine Zuflucht finden. Sie verheißen Yvonne, die sie dem Bauern abgekauft haben, einen Himmel auf Erden, sprich einen Platz in einem Deggendorfer Gnadenhof, wenn sie nur aus den Wäldern kommt.

          Bislang aber finden sie wenig Gehör bei ihrem Schützling, obwohl sie sogar eine Schweizer Tierkommunikatorin eingeschaltet haben, die auf telepathische Kontaktaufnahmen spezialisiert ist. Die Botschaft der Fachfrau klingt zwar ermutigend: Yvonne habe Angst, verstehe aber, dass die Menschen, die nach ihr suchten, ihr nichts Böses wollten. Doch dieser Einsicht Yvonnes, wer die Guten und wer die Bösen sind, folgte bislang kein rasches Ende, sprich: dass sie freudig auf die Guten zuläuft. Auch andere, doch drastischere Versuche, mit Yvonne in Kontakt zu kommen, etwa durch Schützen mit Betäubungspfeilen, sind gescheitert. Nicht einmal eine Futterfalle konnte Yvonne verlocken, ihre einsame Waldexistenz mit einer Starrolle im Gnadenhof einzutauschen.

          Ernst kommt zum Einsatz seines Lebens

          Selbst der psychologische Kniff, in die Wälder in der Nähe des oberbayerischen Zangberg, in denen sie vermutet wird, eine Kuh zu bringen, mit der sie einst die Weide teilte, samt einem Kälbchen, fruchtete bislang nicht - auch wenn er die dramaturgisch gebotene Spannung steigerte. Die schlechte Witterung zwang zum Abbruch des Versuchs, der aber an diesem Mittwoch mit einem anderen, robusteren Darsteller wieder aufgenommen werden soll - mit einem veritablen Stier namens Ernst.

          Ernst wird von den Tierschützern als seriös und ruhig beschrieben. Er ist also genau der Partner, den ein verständiges weibliches Wesen sucht. Zumal er als „sehr schön“ gilt, „aus Sicht der Kühe“. Die erotische Komponente soll allerdings bei seinem Einsatz nicht im Vordergrund stehen, er wird nicht als Romeo in die Zangberger Wälder entsandt. Er soll Yvonne nur daran erinnern, dass sie ein Wesen ist, das sich in Gesellschaft am wohlsten fühlt.

          Problemkuh Yvonne

          In dem Stück um die entlaufene Kuh ist der mästende Bauer selbstverständlich nicht der einzige Bad Guy. Es tritt auch noch ein Mitarbeiter des Landratsamts Mühldorf am Inn auf, der Gefahr im Verzug sah, als Yvonne vor ein Polizeiauto lief. Notfalls, so meinte er, müsse Yvonne abgeschossen werden. Sogleich setzte ein vielstimmiger Chor ein, Yvonne dürfe keinesfalls das Schicksal von Bruno erleiden, der allerdings der Bezeichnung „Problembär“ vor seinem Abschuss durchaus gerecht geworden war - mit blutigen Exkursionen in Schafställe.

          Yvonne meidet seit der kurzzeitigen Bekanntschaft mit dem Polizeiauto den Straßenverkehr. In dieser Hinsicht droht sie nicht zu einer Problemkuh zu werden. Bis zum Eintreffen des Stiers Ernst wird die Szenerie von Experten beherrscht, die über das Da- und Sosein von Yvonne räsonieren, von ihrem Ernährungsstatus bei ausschließlicher Waldkost bis hin zum verborgenen Wunsch einer jeden Kuh, ein Reh zu sein. Womöglich hält es Yvonne aus Furcht, dass ihre letzten Geheimnisse gelüftet werden, länger aus in den Wäldern als ihre Retter - und wird damit vollends zu einer mythischen Figur der bayerischen Geschichte.

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