https://www.faz.net/-gum-p9ke

Pottwal : "Die Ostsee bedeutet für ihn Streß und Überhitzung"

  • Aktualisiert am

Bis zu 3000 Meter tief kann der Pottwal tauchen. Bild: AAP

Klaus Harder, Biologe am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, äußert sich im F.A.Z.-Gespräch über den verirrten Pottwal vor Wismar.

          3 Min.

          Seit einigen Wochen irrt ein Pottwal vor der deutschen Küste in der Ostsee herum. Klaus Harder, Biologe am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, hält die Überlebenschancen des Tieres für gering.

          Vergangene Woche wurde abermals ein Pottwal in der Ostsee gesichtet. Nun, am Freitag nachmittag, besagen die letzten Meldungen, er sei angeblich schon tot.

          Das ist wohl nicht der Fall. Nach Meinung aller Walforscher handelt es sich bei dem Tierkadaver, der vor der schwedischen Küste gefunden wurde, um einen anderen Wal. Es scheint ein Finnwal zu sein. Unser Pottwal wurde hingegen Anfang der Woche gleich noch einmal gesichtet - und zwar vor Bornholm.

          Also schon zum wiederholten Mal, denn bereits Mitte Juli hatten Angler den Wal vor Darßer Ort gesichtet.

          Ja, und am vergangenen Freitag hat ihn dann ein Dorschangler in der Wismarer Bucht gesehen. Plötzlich tauchte ein Schwarm Heringe auf und gleich dahinter der Pottwal, der auf der Suche nach Beute war. Der Fischer hat allerdings erst in dieser Woche angerufen. Ich habe ihm ein Bild von einem Pottwal gezeigt, und er hat ihn eindeutig als solchen erkannt.

          Woran erkennt man denn - als Information für alle Segler und Fischer auf der Ostsee - einen Pottwal?

          Vor allem natürlich an der Rückenfinne. Das ist die Flosse auf dem Rücken, die sichelförmig ist und sich in kleinen Buckeln zum Schwanz fortsetzt.

          Man kann ihn also leicht identifizieren?

          Ja, das ist ganz einfach. Außerdem hat er eine typische Kopfform. Aber den Kopf hat bei diesem Exemplar noch niemand gesehen.

          Und wie kommt nun ein solches Tier in die Ostsee?

          Normalerweise jagen die männlichen Tiere im Nordpolarmeer und wandern dann um diese Jahreszeit in Richtung Karibik oder Azoren, weil die Wale dort ihre Jungen zur Welt bringen und aufziehen. Dieses Tier hat sich ganz offensichtlich verschwommen. Normalerweise schwimmen die Verbände westlich der britischen Inseln, schon die Abzweigung in die Nordsee ist also eigentlich falsch.

          Aber nicht so ganz unüblich.

          Das stimmt, in der Nordsee starben 1996 an der dänischen Insel Rømø sechzehn Pottwale. Und 1997 fand man insgesamt 20 tote Pottwale vor den dänischen, deutschen und niederländischen Küsten. Zuletzt verendeten im vergangenen Dezember zwei Pottwale vor Norderney. Einzigartig ist es aber, wenn ein Wal noch weiter abweicht und durch Skagerrak und Kattegat in die Ostsee kommt.

          Was sind die wichtigsten Gründe für die Irrungen?

          Mit ziemlicher Sicherheit der Lärm im Meer. Er hat stark zugenommen. Es ist eine regelrechte Vermüllung der Meere durch Lärm zu beobachten. Die Tiere, die mit empfindlichem Gehör und eigentlich guter Sonarorientierung ausgestattet sind, können sich dadurch nicht mehr orientieren.

          Schuld sind also die Bohrinseln?

          Die machen auch Geräusche. Aber auch die Marine unternimmt Versuche mit Unterwasser-Sonaren . . .

          . . . die in den Vereinigten Staaten drastisch reduziert wurden.

          Ja, im Oktober vergangenen Jahres einigte sich das Militär mit Tierschützern darauf, ein neues Sonarsystem zur Ortung von Unterseebooten nur noch auf dem offenen Meer in Asien zu erproben. Und das ist auch gut so: Nach Versuchen der Nato mit Unterwasser-Sonaren vor den Kanarischen Inseln sind dort zum Beispiel Wale gestrandet. Das hat man eindeutig auf diese Versuche mit hochfrequenten Sonaren zurückgeführt. Die Tiere hatten dadurch traumatische Schäden erlitten.

          Bei dem Pottwal in der Ostsee scheint es sich schon wieder um ein junges Männchen zu handeln.

          Ja, junge Männchen sind nicht so in den Familienverband integriert. Sie schwimmen oft einzeln oder in Schulen. Am 1. Februar 2002 sind zum Beispiel drei junge Männchen in der Melldorfer Bucht in Schleswig-Holstein gestrandet.

          Ganz ungewohnt sind Wale in der Ostsee also nicht mehr?

          Das ist richtig. Eine heimische Walart gibt es ohnehin, den Schweinswal, einen kleinen Zahnwal, der etwa 1,50 Meter lang wird. Und es gibt immer wieder mal Wale, die sich verschwimmen. Aber es ist jetzt das erste Mal, daß ein Pottwal so weit gekommen ist.

          Gibt es keine Hinweise aus dem Mittelalter?

          Es gab Strandungen in der Danziger Bucht von Zahnwalen, aber es ist nicht klar, ob es Pottwale waren. Die Aufzeichnungen waren leider nicht so genau.

          Der Pottwal ist der größte aller Zahnwale und damit die größte Walart überhaupt?

          Ja. Und er ist ein Tieftaucher, der durchaus 3000 Meter tief geht und dort seine wichtigste Nahrungsquelle findet: Tintenfische.

          Die flache Ostsee wird ihm also nicht behagen?

          Die Ostsee kann für ihn Streß und vor allem auch Überhitzung bedeuten, da er nicht in kältere Wasserschichten abtauchen kann. Es ist zu befürchten, daß er das nicht übersteht.

          Zumal er schwer wieder hinausfindet?

          Ja, das ist kompliziert, auch wegen des dichten Schiffsverkehrs. Die Wahrscheinlichkeit, daß er wieder hinausfindet, ist sehr gering.

          Retten kann man ihn nicht?

          Nein, dadurch würde so ein Tier noch stärker in Panik geraten, und Panik kann leicht den Tod bedeuten.

          Sie können also nur beobachten?

          Ja, wir tauschen uns mit den Kollegen in Schweden und Dänemark aus und erforschen das Verhalten. Mehr können wir leider nicht tun.

          Weitere Themen

          Massaker in Mexiko

          24 Tote in Suchteinrichtung : Massaker in Mexiko

          Das Blutvergießen in Mexiko geht weiter: Im Einzugsgebiet eines Drogenkartells wurden 24 Menschen in einer Einrichtung für Suchtkranke erschossen aufgefunden. Dahinter könnte ein persönlicher Rachefeldzug stehen.

          Papstbruder im Alter von 96 Jahren gestorben Video-Seite öffnen

          Georg Ratzinger : Papstbruder im Alter von 96 Jahren gestorben

          Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, ist tot. Das teilte der Vatikan mit. Der langjährige Leiter der Regensburger Domspatzen wurde 96 Jahre alt. Der ältere der Ratzinger-Brüder galt bereits seit vielen Jahren als schwer krank. Noch vor zwei Wochen war der 2013 emeritierte, mittlerweile 93 Jahre alte Papst überraschend nach Bayern gereist, um seinen Bruder zu besuchen.

          Topmeldungen

          Er hat die besten Aussichten, CDU-Vorsitzender zu werden, aber ist er auch der prädestinierte Kanzlerkandidat? Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

          CDU-Vorsitz und K-Frage : Muss Laschet weichen?

          Während Merkel auf der Europawolke schwebt, kommt der Wettbewerb um den CDU-Vorsitz wieder in Fahrt. Die bisherigen Kandidaten sehen dabei alle drei nicht sonderlich gut aus.
          In der Münchner Fußgängerzone wollen zahlreiche Menschen einkaufen gehen.

          Konjunktur : Die Wirtschaft kommt wieder in Fahrt

          Über die Autobahnen rollen wieder mehr Lkw und in den Fußgängerzonen tummeln sich die Passanten. Echtzeitindikatoren zeigen deutlich mehr wirtschaftliche Aktivität in Deutschland. Doch von Normalität ist die Wirtschaft noch weit entfernt.
          Unser Autor: Andreas Ross

          F.A.Z.-Newsletter : Plötzlich April im amerikanischen Süden

          Amerika erlebt in der Corona-Bekämpfung nicht nur einen Rückschlag, sondern einen bösen Anfang. Das macht auch dem Bonner Virologen Hendrik Streeck Sorgen. Was sonst noch wichtig ist, lesen Sie im F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.