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Naturschauspiel : Die Sonne ist aufgegessen

Man könnte meinen, die Sonne wird aufgegessen Bild: REUTERS

Die längste Sonnenfinsternis des Jahrhunderts hat große Teile Asiens am Vormittag in Dunkelheit getaucht. Das Ereignis war nicht nur ein Himmelsphänomen: Astrologen aus Indien und Burma hatten Unheil vorausgesagt.

          3 Min.

          Langsam und bedrohlich legte sich ein dunkler Schatten auf die Hochhäuser und Schnellstraßen. In vielen asiatischen Millionenstädten war es am Mittwoch für einige Minuten stockfinster. Zur Hauptverkehrszeit mussten die Autos um 9.36 Uhr Ortszeit ihre Scheinwerfer einschalten. In Schanghai blieb fünf Minuten lang das natürliche Licht aus.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Es war so dunkel draußen, dass man hätte meinen können, es wäre tiefste Nacht. Von der Skyline von Chongqing im Südwesten Chinas zeigten sich minutenlang nur schemenhafte Silhouetten. Am Himmel war ein runder schwarzer Ball zu sehen, mit einem leuchtenden Kranz drum herum.

          Tausende Hobby-Astronomen angereist

          Für die längste totale Sonnenfinsternis des Jahrhunderts waren tausende Hobby-Astronomen nach Asien gereist. Erst im Jahr 2132 soll es wieder eine vergleichbare Finsternis geben. In China und Indien wird es noch länger dauern, nämlich ein paar hundert Jahre. Da bedurfte es keiner großen Rechenkünste herauszufinden, dass dieser Mittwoch eine einmalige Beobachtung ermöglichen würde.

          Die Finsternis dauerte je nach Standort unterschiedlich lange

          In Schanghai und einigen anderen Städten störten allerdings Wolken und Regenwetter die Sicht. Das eigentliche Spektakel begann um 5.28 Uhr vor der indischen Westküste über dem arabischen Meer. Eine totale Sonnenfinsternis entsteht, wenn der Mond mit der Sonne auf einer Linie steht und diese vollständig verdeckt. Das war am Mittwoch in einem 250 Kilometer breiten und etwa 15000 Kilometer langen Korridor der Fall, der sich vom Bundesstaat Gujarat in Westindien nicht weit an Bombay vorbei über Nepal, Bangladesch, Bhutan bis nach China erstreckte. Dort folgte der Mondschatten vom südlichen Tibet in etwa dem Verlauf des Jangtse-Stroms. Hinter Schanghai erreichte er das ostchinesische Meer und dann Japan.

          Auf Akuseki war die Finsternis am längsten

          Auf der japanischen Insel Akuseki war die Finsternis mit über sechs Minuten am längsten unter den von Menschen bewohnten Orten der Welt zu sehen. Normalerweise wohnen dort 68 Menschen, deren Zahl schwoll aber durch Fernsehteams, Köche und Ärzte auf mehrere hundert an. Mit sechs Minuten und 39 Sekunden war das Phänomen am längsten vom Pazifik aus zu sehen, auf dem zu den Marshall-Inseln gehörenden Eniwetok-Atoll.

          Die Menschen in Asien nahmen die Sonnenfinsternis mit einer Mischung aus Faszination und auch ein bisschen Furcht auf. Der amerikanische Astrophysiker Fred Espenak sprach unheilvoll von einem „Monster“. Schon seit Tagen hatten die Behörden in China Vorkehrungen gegen Unfälle getroffen. Die Verkehrs- und Flughafenkontrolle waren zeitweise auf Nachtbetrieb umgestellt worden. In der Provinz Jiangxi verteilte die Polizei Flugblätter, um die Verkehrsteilnehmer daran zu erinnern, dass sie besser auf die Straße schauen sollten als in den Himmel.

          Behörden ergriffen Vorsichtsmaßnahmen

          Die Behörden sollten Maßnahmen ergreifen, um Staus einzudämmen, den Touristenansturm zu lenken und die Verbreitung des Schweinegrippevirus zu verhindern, wie die Regierung angeordnet hatte. Die Bevölkerung sollte zudem über den wissenschaftlichen Hintergrund aufgeklärt werden, um Panik zu verhindern.
          In einigen asiatischen Ländern ist mit dem Naturschauspiel traditionell viel Aberglauben verbunden.

          In der indischen Stadt Varanasi versammelten sich Hunderttausende zum reinigenden Bad im Ganges. Dort soll es im Gedränge zu einem Todesfall gekommen sein. In der nördlich von Neu-Delhi gelegenen Kleinstadt Kurukshetra kamen mehr als eine Million Hindus an einem heiligen See zusammen. Schwangeren war geraten worden, nicht hinauszugehen, da die unsichtbaren Strahlen der Sonne den Fötus schädigen könnten.

          „Ein sehr gefährlicher Moment im Universum“

          Astrologen aus Indien und Burma sagten Unheil voraus. Der indische Astrologe Raj Kumar Sharma sagte der Agentur AFP, der 22. Juli sei „ein sehr gefährlicher Moment im Universum“. „Wenn die Sonne, die Anführerin unter den Gestirnen, krank ist, dann bedeutet das, dass es auf der Welt große Probleme geben wird.“ In China hatten Bewohner der Erdbebenregion Sichuan besorgt gefragt, ob mit neuen Beben zu rechnen sei.

          Nach dem alten chinesischen Volksglauben kündigt die Sonnenfinsternis Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen und Epidemien an oder den baldigen Tod des Kaisers. Noch vor wenigen Jahrzehnten sollen ganze Dörfer in apokalyptische Panik ausgebrochen sein.

          Lange Tradition in China

          Aufzeichnungen über Sonnenfinsternisse gibt es in China schon seit mehr als 2000 Jahren. „Die Sonne ist völlig aufgegessen“ (ri quan shi), wird das Phänomen auf Chinesisch genannt. Mal wurde die Sonne laut chinesische Mythologie von einem Hund, mal von einem Drachen verschluckt. In der frühen Kaiserzeit wurden Astronomen, die das Omen nicht vorhergesehen hatten, bestraft, manche sogar mit dem Tod.

          Hunderte Millionen Menschen verfolgten die Sonnenfinsternis allein in China. Schon Tage zuvor hatten Hobby-Astronomen und Profis ihre Teleskope ausgepackt und getestet. Schutzbrillen wurden massenweise verkauft. Einige Regionen verzeichneten eine verzehnfachte Zahl an Touristen. An einem Ort hatten 500 Besucher ein Fußballfeld gemietet, für freien Blick in den Himmel.

          Das chinesische Fernsehen schaltete eine 220 Minuten dauernde Live-Übertragung. In Indien mietete ein Touristenunternehmen ein Flugzeug, das die Sonnenfinsternis verfolgen sollte, mit besonders teuren Plätzen auf der Seite, die der Sonne zugewandt war. Und auch den Wissenschaftlern wurde etwas geboten. Sie erhofften sich neue Erkenntnisse unter anderem über die Korona, die während der Sonnenfinsternis besonders gut beobachtet werden kann.

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