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„Naked Bike Ride“ : Die Nackten und die Roten

In London radeln beim alljährlichen „Naked Bike Ride” Menschen nackt durch die Stadt - wie auch an diesem Samstag Bild: Maike Neuendorff

Rund 1200 Menschen schwingen sich zur größten Nacktradeltour der Welt splitterfasernackt in den Sattel. Nebenan lässt sich Königin Elisabeth II. anlässlich ihres Geburtstags von hunderten Pelzmützen salutieren. Ein Tag in London.

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          Skurrilität ist eine Frage des Standpunkts. Am Samstagvormittag nahm bei strahlendem Frühlingswetter ein älterer Herr mit einer überdimensionalen Pelzmütze auf dem Kopf in einer offenen Kutsche Platz. Neben ihn setzte sich seine Frau in einem türkisfarbenen Kostüm, das nicht so recht zu dem Lindgrün der Blätter der Platanen auf der Mall passen will. Die Kutschfahrt führt durch die breite Allee, die den Buckingham Palace mit dem Regierungsviertel White Hall verbindet, vorbei an einem Spalier von in der Sonne schwitzenden Mützenträgern zu einem Exerzierplatz, auf dem Hunderte weiterer Pelzmützen warten.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn die britische Königin ihren Geburtstag mit der Militärparade „Trooping the Colour“ feiert (dieses Mal - nachträglich - ihren 83.), sind die Regeln eigenwillig. Doch sie werden penibel eingehalten. Bevor sich Elisabeth II. und ihr Mann, Prinz Philip, am Samstag auf den Weg machten, schritt mit ernstem Blick ein Offizier die Reihe der vielen hundert, in Rot und natürlich auch mit Pelzmütze gekleideten Soldaten auf der Mall ab - einen großen hölzernen Zirkel in der Hand. Der Abstand zwischen den Absätzen der blankpolierten Lackstiefel und dem Straßenrand muss Jahr für Jahr exakt stimmen.

          Im Adamskostüm quer durch die Stadt

          Drei Stunden später und nur fünf Gehminuten vom Buckingham Palace entfernt steht Jacques Freeman neben seinem Fahrrad im Hyde Park, und er hat an diesem Samstag in London ein paar Dinge gemeinsam mit Prinz Philip. Zum Beispiel muss es auch ihm auf dem Kopf ziemlich warm sein, denn er trägt eine blonde Lockenperücke, die ihn ein bisschen wie den Sonnenkönig Ludwig XV. aussehen lässt. Dafür hat der 55 Jahre alte Franzose ansonsten nicht viel an, genauer: Er trägt nichts, abgesehen von seinen Schuhen. Auf Dauer ist es zu unbequem, barfuß in die Pedale zu treten. Und wie der britische Prinzgemahl ist auch Freeman mit seinem ungewöhnlichen Aufzug nicht allein. Rund 1200 Nudisten sammeln sich mit ihm im Hyde Park, um zusammen und nackt quer durch die Stadt zu radeln.

          Drei Stunden vor Start der Nackt-Radtour fuhr die Queen am Buckingham Palace zu ihrer Geburtstagsparade auf vier Rädern vor - allerdings vollständig bekleidet

          Es ist der sechste „Naked Bike Ride“ in der britischen Hauptstadt, und es sei zugleich der größte der Welt, sagen die Veranstalter. Beim ersten Mal, vor fünf Jahren, sind nur wenige Dutzend Teilnehmer an den Start gegangen. Doch es werden jedes Jahr mehr Menschen, die im Juni aus ganz Europa nach London kommen, um dort nackt Fahrrad zu fahren.

          Schon viele Mitbürger „gestört“

          Es gehe um das Recht auf „persönliche Freiheit“, sagt Freeman. Eine Uniform mache einen Menschen zum Polizisten, ein Anzug mache ihn zum Geschäftsmann. „Wenn du Kleider trägst, wirst du in eine Rolle gezwungen, du bist dann nicht mehr du selbst“, sagt er. Damit also enden die Gemeinsamkeiten mit der Geburtstagsparade der Queen. Bei ihr war - wie stets - alles formvollendet, es war das perfekte Rollenspiel. Freeman und seine Mitstreiter wollten das genaue Gegenteil.

          Die Nudisten haben es nicht leicht. Da ist zum Beispiel der Nacktwanderer Stephen Gough, ein früherer Soldat, der Großbritannien hüllenlos von Norden nach Süden durchwandert hat. Der Brite sitzt gerade wieder einmal eine zwölfmonatige Gefängnisstrafe wegen Landfriedensbruchs ab. Er ist vor drei Jahren in ein Passagierflugzeug von Southampton nach Edinburgh gestiegen und hat sich unterwegs ausgezogen. Auch vor Gericht wollte Gough ohne Kleider erscheinen. In Großbritannien ist öffentliche Nacktheit zwar nicht grundsätzlich verboten, aber nur zulässig, wenn sich niemand anderes dadurch gestört fühlt. Stephen Gough hat schon viele Mitbürger „gestört“.

          In Paris wäre das nicht erlaubt

          Beim „Naked Bike Ride“ in London gibt es an diesem Samstag keinen Ärger. Die Veranstaltung, die seit einigen Jahren in ähnlicher Form in zahlreichen Städten rund um den Globus stattfindet, ist als Demonstration angemeldet und genehmigt. Es gehe dabei nicht nur um die Freiheit, nackt sein zu dürfen, sondern auch um mehr Rücksicht auf Radfahrer im Straßenverkehr, proklamieren die Veranstalter. Und letztlich richtet sich ihr Protest auch gegen die Abhängigkeit vom Erdöl.

          Jacques Freeman ärgert sich darüber, dass Stephen Gough in einer schottischen Gefängniszelle sitzt. Für ihn ist das Ausdruck von Intoleranz. Im Westen regten sich viele darüber auf, dass in manchen islamischen Ländern Frauen nur mit verhülltem Gesicht in die Öffentlichkeit dürften. „Aber uns wollen dieselben Leute nicht das Recht zugestehen, nackt zu sein.“ Immerhin aber darf der „Naked Bike Ride“ in London stattfinden. In Paris, sagt Freeman, sei das leider nicht möglich.

          So eng wie beim Zielspurt der Tour de France

          Als sich die nackte Fahrradkolonne nachmittags gegen halb vier in Bewegung setzt, regt sich niemand auf. London ist zu dieser Jahreszeit voller Touristen, und die sind begeistert von der entblößten Radlergruppe, die, flankiert von uniformierten Polizisten auf Fahrrädern, an ihnen vorüberzieht. Wo auch immer sie im Tross vorbeikommen, herrscht für einen Augenblick Stimmung wie beim Rosenmontagsumzug in Köln. Die Passanten winken, machen Fotos, filmen, johlen, lachen. Einige applaudieren. Im noblen Café „The Wolseley“ an der berühmten Pracht- und Einkaufsstraße Pall Mall stehen die Gäste staunend hinter den Fensterscheiben. Taxifahrer halten an, um genauer hinzuschauen, Bauarbeiter legen ihr Werkzeug zur Seite und eilen zum Straßenrand. Unterwegs passiert die Gruppe eine Hochzeitsgesellschaft. Die Braut im langen, weißen Kleid posiert mit den Nackten.

          Die knapp zweistündige Nacktradeltour führt vom Hyde Park aus in einer weiten Schleife quer durch die Stadt. Es geht vorbei an den Leuchtreklamen des Piccadilly Circus und der Nelson-Statue am Trafalgar Square, an Downing Street und Westminster, über die Themse und durch das Bankenviertel. Am Oxford Circus im Londoner Einkaufsviertel wird das Gedränge der Zuschauer fast so eng wie beim Zielspurt der Tour de France. „Schaut mal“, ruft einer der Nacktradler im Vorüberfahren, „die haben ja noch alle ihre Kleider an.“

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