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Menschenaffen : Die Heimsuchung der Vettern

Immer einsamer: Gorilla im Urwald Bild: dpa/dpaweb

Jagd und Ebola: Auch im Busch sind die Menschenaffen nicht sicher. „Katastrophale Rückgänge“ haben Forscher beim Bestand von Schimpansen und Gorillas entdeckt.

          Es war eine trügerische Sicherheit, in der sich Naturschützer, Forscher und Behörden gleichermaßen wähnten. Und es wird, so ist zu befürchten, ein Lehrstück für den leichtfertigen Umgang mit Zahlen und Statistiken.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Jahrelang hatten die Wissenschaftler einer fadenscheinigen Hochrechnung geglaubt, die den Menschenaffen wenigstens in den entlegendsten Urwaldregionen Schwarzafrikas eine wenn auch nicht rosige Zukunft, so doch ein einigermaßen gesichertes Überleben als Gattung bescheinigte. Unberührte Wildnis, von dem andernorts um sich greifenden Kahlschlag verschonte Gegenden, sollten als Garanten für den Fortbestand der Schimpansen und Gorillas ausreichen. Ein fataler Trugschluß, wie sich jetzt bei einer Überprüfung an Ort und Stelle herausstellte.

          Bestand mehr als halbiert

          Zwanzig Jahre nach der letzten umfassenden Erhebung in den urwaldreichen Regionen Gabuns leben nicht einmal mehr halb so viele Schimpansen und Gorillas in dem vermeintlichen Refugium. Dabei zählt Gabun mit rund achtzig Urwaldanteil zu den wildnisreichsten Teilen Schwarzafrikas. Zusammen mit dem Kongo, der auf rund sechzig Prozent seiner Fläche größtenteils unberührtem Regenwald umfaßt, verkörperte das Land die Hoffnungen der Artenschützer. Vier Fünftel der Gorilla-Populationen wurden dort vermutet. Von etwa 110 000 Flachlandgorillas und zumindest in diesen menschenfernen Gegenden einigermaßen stabilen Populationen war die Rede.

          Zwei Dutzend Biologen aus Europa und den Vereinigten Staaten dürften diese Hoffnung nun mit ihrer Online-Veröffentlichung in der Zeitschrift "Nature" schlagartig zerstört haben. Wie die Wissenschaftler bei ihren Exkursionen, die sie insgesamt mehr als 4800 Kilometer durch dichtesten Dschungel führte, herausgefunden haben, gibt es sowohl bei den Gorillas wie bei den Schimpansen nach ihren Aussagen "katastrophale Rückgänge". Die Zahl der Schlafnester auf den Bäumen und damit der Tiere ist um durchschnittlich 56 Prozent zurückgegangen.

          Schneisen locken Wilderer

          Früher wurden Rückgänge dieser Dimension immer mit Abholzungen und der Zerstörung des Lebensraum in Verbindung gebracht. Auch bei der neuen Untersuchung zeigte sich, daß die Eingriffe zumindest mittelbar die Menschenaffen beeinträchtigt: Indem die Schneisen, die am Rande der Städte und Siedlungen in den Wald geschlagen werden, die Wilderer locken. Fleisch von Schimpansen und Gorillas - "Bushmeat" genannt - wird immer noch vielerorts von den Afrikanern verzehrt. Und höchstwahrscheinlich war das auch der Pfad, auf dem die tödliche Ebola-Virusinfektion immer wieder vom Tier auf den Menschen übergespringt.

          In den vergangenen Wochen sind in der Grenzregion vom Kongo und Gabun Dutzende Menschen an der jüngsten Ebola-Epidemie gestorben. Aber auch unter den Menschaffen scheint die Seuche furchtbare Verluste zu verursachen. Bei ihren Expeditionen im Urwald fanden die Forscher um Peter Walsh von der Princeton-Universität Hunderte toter Menschenaffen, und bei zahlreichen wurden Ebola-Viren nachgewiesen.

          Wenn man die Restpopulationen retten will, so appellieren die Wissenschaftler an die Politik, müßten die Ausbreitung von Ebola, die sich gegenwärtig nach Süden und Westen richtet, verhindert und riesige Flächen in der Region unter vollständigen Schutz gestellt werden.

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