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Luftverschmutzung : Peking nicht in Sicht

  • -Aktualisiert am

Verbotene Stadt: Die wenigen, die sich nach draußen wagen, tragen Masken Bild: REUTERS

Dichter Nebel liegt am Wochenende über Peking. Die Behörden warnen davor, sich draußen aufzuhalten. In vielen chinesischen Städten erreicht die Luftverschmutzung dieser Tage extreme Werte

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          An dicke Luft sind die Pekinger so gewohnt, dass viele sie kaum noch zur Kenntnis nehmen. An diesem Wochenende jedoch ist die Luftverschmutzung nicht mehr zu ignorieren. Dicker grauer Nebel liegt über der Stadt, die Luft riecht ätzend nach Rauch und Abgasen. Viele der 20 Millionen Einwohner Pekings klagen über Hals- und Kopfschmerzen, fühlen sich müde und abgeschlagen - und nehmen nun wirklich den Dreck zur Kenntnis.

          Rekordverschmutzung jenseits der Messskala vermelden selbst die chinesischen Messstationen, die gewöhnlich mit ihren Meldungen eher untertreiben. Die Stadtverwaltung weist die Bürger am Samstag an, nicht ins Freie zu gehen, sich nicht körperlich anzustrengen und besonders stark belastete Gebiete zu vermeiden. Der dicke Smog gilt als extrem gefährlich besonders für ältere Menschen, Kranke und Kinder. Er kann, so warnen Ärzte, zu Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Atemwegserkrankungen und Krebs führen.

          Belastung ist „crazy bad“

          Die Belastung der Luft mit Feinstaub PM 2.5 (lungengängiger Feinstaub) erreicht am Samstag nach den Messungen der amerikanischen Botschaft in Peking eine Rekordhöhe von 886 Mikrogramm. Diplomaten bezeichnen das als „crazy bad“. Die chinesischen Messstellen zeigen bis zu 700 Mikrogramm pro Kubikmeter an - das ist weit höher als das Ende der Messskala bei 500. Nach den neuen Richtlinien der chinesischen Regierung gilt ein Wert über 200 als „schwere Verschmutzung“ und gefährlich für Kranke. Alles, was über 300 liegt, gilt als gefährlich für die gesamte Bevölkerung. Erst unter 50 gilt die Luft als gut. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält einen Durchschnittswert von weniger als 25 Mikrogramm über 24 Stunden für unbedenklich.

          Obwohl bereits am Freitag die Verschmutzungswerte hoch lagen, hatten die Behörden an dem Werktag noch keine Gesundheitswarnung ausgegeben. Auch am Samstag werden keine Fahrverbote oder Beschränkungen für Kraftwerke und andere Fabriken verordnet. Umweltorganisationen kritisieren, dass keine weiteren Maßnahmen ergriffen würden.

          Amerikanische Daten liegen noch höher

          Die chinesische Regierung hat erst im vergangenen Jahr begonnen, in der Luftverschmutzung auch die besonders gefährlichen Feinstaubpartikel zu messen und die Daten von mehreren Messstationen direkt bekanntzugeben. Sie tat das erst auf öffentlichen Druck, nachdem die amerikanische Botschaft in Peking auf ihrer Website ihre eigenen Messungen veröffentlicht hatte. Die Messungen der amerikanischen Botschaft und die der chinesischen Behörden gingen bis dahin weit auseinander. Verunreinigungen, die von der chinesischen Regierung als „mäßig verschmutzt“ bezeichnet wurden, deklariert die amerikanische Botschaft als „gefährliche Verschmutzung“. Auch nach den neuen Messrichtlinien liegen die Messungen der amerikanischen Botschaft noch immer höher als die der Stadtverwaltung. Die chinesische Regierung hat die Veröffentlichung der amerikanischen Daten wiederholt als Einmischung kritisiert. Die meisten Pekinger Bürger verlassen sich aber weiterhin mehr auf die amerikanischen Messungen.

          Insgesamt wird am Wochenende in 33 Städten Nord- und Zentralchinas schwere Luftverschmutzung gemessen. Besonders betroffen sind Tianjin, Handan, Shijiazhuang und Baoding in der Provinz Hebei. Dicker Smog liegt aber auch über Teilen der Provinzen Henan, Shandong, Jiangsu und Sichuan. Weil die Sichtweiten sehr niedrig sind, werden viele Autobahnen geschlossen und Flüge gestrichen.

          Regierung trifft keine Maßnahmen

          Obwohl chinesische Städte schon über viele Jahre unter gesundheitsgefährdendem Smog leiden, hat die chinesische Regierung noch immer keine wirkungsvollen Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität verordnet. In der Hauptstadt Peking und ihrem Umland waren vor der Olympiade 2008 einige Fabriken geschlossen oder ausgelagert worden, der private Autoverkehr wurde eingeschränkt. Doch das brachte nur kurzfristig eine Verbesserung. In den letzten Jahren hat die Verschmutzung der Luft wieder zugenommen. Grund ist die weiter rasch fortschreitende Industrialisierung. Auf die Umwelt wird weiter kaum Rücksicht genommen. Zudem nimmt mit wachsendem Wohlstand der private Autoverkehr zu. Es gibt in Peking heute fünf Millionen Fahrzeuge, vor fünf Jahren waren es erst drei Millionen. Im kalten Winter steigt die Luftverschmutzung durch die Heizkraftwerke, die zumeist mit Kohle betrieben werden.

          Nach Angaben der Wetterbehörden wird die extreme Verschmutzung noch bis Dienstag über Peking bleiben. Man wartet wie immer auf die einfachste Lösung: dass ein Wind kommt und alles wegbläst.

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