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Kraftwerksruine in Kalkar : Brüter zu Flugbahnen

Aber schön war’s doch: Stef Beumer, niederländischer Protestveteran, sitzt noch einmal auf dem legendären Sofa in der Scheune des Bauern Maas Bild: Edgar Schoepal

Vor 40 Jahren begann der Bau des Schnellen Brüters in Kalkar. Heute gilt das Atomkraftwerk als größte Investitionsruine in der Geschichte der Bundesrepublik.

          Irgendwie affig findet Willibald Kunisch die Idee. Das Hemd mit dem gelb-roten Anti-Atomkraft-Logo, das ihm Stef Beumer mitgebracht hat, will er nicht überziehen. „Ich verkleide mich doch nicht“, zischt Kunisch und stapft weiter nachdenklich um den alten Stall des Bauern Maas herum. Früher war der Melkstall eine Art Basislager für Kunisch und seine Kameraden, damals, als Kalkar - wie Wyhl, Brokdorf oder später Wackersdorf - einer der Kristallisations-Orte des Anti-Atom-Protests in der Bundesrepublik war.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Kaum mehr als 500 Meter von der Baustelle des Schnellen Brüters entfernt trafen sich die Aktivisten in Maas’ Melkstall, um über Strategien gegen den „Atom-Staat“ zu diskutieren, um zu rauchen, um zu trinken. Für die Demonstrationen, zu denen Zehntausende kamen, stellte Bauer Maas seine große Wiese neben dem Stall zur Verfügung. Josef Maas aus Kalkar-Hönnepel war ein bodenständiger, ein konservativer Mann. Gerade deshalb war er von Beginn an gegen den Schnellen Brüter. Und weil Bauer Maas auch noch hartnäckig vor Gericht gegen den Brüter Klage führte, wurde er in den siebziger Jahren zu einer Symbolfigur der jungen ökologischen Bewegung in Deutschland. 1978 schrieb Liedermacher Frank Baier zur Melodie von „Im Märzen der Bauer“ sogar eine Hymne auf ihn.

          Die Erinnerung im Herzen

          „Mein Gott, vor einem Jahr war das Dach noch dicht“, sagt Kunisch, als er den Stall betritt. An der Wand blättert ein Graffito ab: „Schwerter zu Pflugscharen“. Einen Moment lang starrt er durch die Sparren auf den mit einer Alpenlandschaft bemalten Kühlturm des Brüters. Wasserdampf ist darin nie aufgestiegen. Der Brüter ging nie ans Netz. 1995 kaufte ein holländischer Geschäftsmann das ganze Brütergelände und baute es in einen Vergnügungspark um. Im Kühlturm gibt es jetzt den Vertical Swing, ein Karussell, das hoch und höher steigt, je länger es sich dreht, und die juchzenden Fahrgäste schließlich in einer weiten Flugbahn bis über den Turmrand des Brüters trägt.

          Willibald Kunisch, der aus Duisburg zuzog, weil er in Kalkar eine Stelle als Lehrer fand, gehörte zum harten Kern der Brüter-Gegner. Jeden Montag saß er mit seinen Gesinnungsgenossen im Melkstall zusammen. Der junge Lehrer gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Kalkar. Schon seit 1984 ist er Fraktionsvorsitzender der Partei im Stadtrat. Politisch macht ihm so schnell keiner was vor.

          Endstation: Freizeit in Kalkar

          Aber der Melkstall ist ihm doch ein bisschen unheimlich geworden. An vielen Stellen ist die Zwischendecke durchgebrochen, auf einem Boden liegen Schutt und ein umgestoßener Kühlschrank. Kunisch will schnell wieder vor die Tür. Stef Beumer dagegen, der sich für seine kleine Neuinszenierung auch noch ein Palästinenser-Tuch um den Hals gebunden hat, nimmt gern auf dem zerschlissenen roten Sofa Platz. In den siebziger Jahren kam der Holländer zum Demonstrieren über die Grenze. Heute stellt Beumer Rollstühle her. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und hätte gewiss viele andere Sachen zu tun. Aber die Erinnerung an den Widerstand gegen den Brüter liegt ihm am Herzen. Bei einer seiner privaten Geschichts-Recherchen stieß der Niederländer auf ein Datum, das selbst in der Anti-Atomkraft-Szene kaum jemandem bewusst war: den Tag der Grundsteinlegung des Schnellen Brüters.

          Eine teure Investitionsruine als Mahnmal

          Als vor 40 Jahren, am 24. April 1973, die Arbeiten am Schnellen Natriumgekühlten Reaktor (SNR-300) direkt am Rhein im Kalkarer Ortsteil Hönnepel begannen, hofften Politiker aller damals im Bundestag vertretenen Parteien, den Schlüssel zur Lösung der Energieprobleme gefunden zu haben. Unter dem Eindruck der Ölkrise und in Erwartung einer globalen Expansion der nuklearen Energie-Erzeugung und deshalb vermutlich steigender Nachfrage nach Uran glaubten viele, bei einem Brutreaktor handle es sich um eine Art Perpetuum Mobile, weil er mehr Plutonium produziert als Uran verbraucht. Doch die Brütertechnik birgt viele Gefahren. Zudem kann das produzierte Plutonium für den Bau von Atombomben verwendet werden. Bauer Maas kämpfte schon seit 1972 juristisch gegen den geplanten Brüter vor seiner Haustür. Bald nach Baubeginn nahm der Widerstand zu. 1974 fand eine Demonstration mit mehreren tausend Teilnehmern in Kalkar statt. 1979 drängten sich auf den Wiesen des Bauern dann rund 50000 Männer und Frauen.

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