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Korea : Die gelbe Gefahr

  • -Aktualisiert am

Kein seltenes Bild: Seoul schützt sich vor dem gelben Sand Bild: AP

Korea leidet unter den Stürmen aus Sand und Gift, die aus China und der Mongolei herüberwehen. Tückisch und unbemerkt treibt der Sand sein Spiel. Er nistet sich einfach überall ein. Aus Seoul berichtet Anne Schneppen.

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          Es hätte ein schönes Frühlingswochenende werden können. Die Luft mild, die ersten Knospen offen, perfektes Ausflugswetter. Doch als die Bewohner Seouls aus den Fenstern schauten, sahen sie eine gelbliche Dunstglocke über ihrer Stadt hängen. Die Berge am nahen Horizont waren im Nebel fast verschwunden. Das geschwungene blaue Dach des Präsidentenpalastes war von der Innenstadt kaum noch auszumachen. Der gelbe Sand fegte über das Land - zum sechsten Mal in diesem Jahr.

          Doch dieser Sandsturm hatte es in sich. Das Wetteramt gibt eine offizielle Warnung heraus, wenn die Konzentration des Staubs in der Luft pro Stunde und Kubikmeter mehr als 800 Mikrogramm beträgt. Für die Hauptstadt wurden 1124 Mikrogramm gemessen, in der Gangwon-Provinz sogar fast 2000 Mikrogramm, mehr als 25 Mal so viel wie normal. Die sonst von Autos verstopften Straßen waren gespenstisch leer, die Parks verwaist. Wer konnte, blieb zu Haus und hielt die Fenster zu.

          Gesichtsmasken, Mundspülung und Augentropfen

          In Apotheken standen dennoch Menschen Schlange, die über trockene Augen, Atembeschwerden, Husten, Hautjucken klagten. Manches Geschäft nahm den Wetterbericht ernst und bot zur Selbsthilfe Gesichtsmasken, Mundspülung und Augentropfen an, im praktischen Set. In einigen Landkreisen blieben Schulen und Kindergärten tags darauf geschlossen. Kaum, dass der Himmel wieder klar ist, kündigt das Wetteramt den nächsten Staubsturm an. 2007 könnte das schlimmste Sand-Jahr der Geschichte werden.

          Wer auf die Straße muss, versucht sich irgendwie vor dem gelben Staub zu schützen
          Wer auf die Straße muss, versucht sich irgendwie vor dem gelben Staub zu schützen : Bild: AP

          Der gelbe Staub, in Korea „hwangsa“ genannt, ist nicht nur ein chinesisches Phänomen, auch wenn er dort seinen Ursprung nimmt. Erosion, Rodung, Überweidung, Überdüngung, Ackerlandgewinnung und Klimaeinflüsse haben dazu beigetragen, dass in der Mongolei sowie im Norden und Nordwesten Chinas die Dürregebiete immer größer werden. Jedes Jahr kommen in China bis zu 3000 Quadratkilometer Wüste hinzu. In der Folge entstehen Sandstürme, die im Frühjahr nicht nur Peking zusetzen, sondern auch das Leben auf der koreanischen Halbinsel und in einigen Gegenden Japans beeinträchtigen. Die jüngsten Winde wurden sogar vom nordkoreanischen Staatsfernsehen vermeldet.

          Gravierende Umweltfolgen für die Nachbarstaaten

          Schon vor mehr als 1500 Jahren wurden Sandstürme in koreanischen Schriften erwähnt. Doch erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde das Präsent aus China zum Problem. Die Zahl der Stürme, die Jahr für Jahr den Staub der Wüste Gobi über Korea blasen, hat zugenommen - und sie werden auch zunehmend unangenehm. Herrschte vor zwanzig Jahren noch durchschnittlich an vier Tagen im Jahr Sand-Alarm, waren es in den Neunzigern schon acht und jetzt rund zwölf Tage. Nach Informationen des UN-Umweltprogramms (Unep) hat sich die Zahl der Sandstürme in Asien seit 1950 verfünffacht.

          Dadurch entstehe in der Region ernsthafter wirtschaftlicher Schaden; von rund 6,5 Milliarden Euro im Jahr ist die Rede. In Südkorea hält man das noch für untertrieben. Besorgt ist die Bevölkerung vor allem wegen der Schadstoffe und Abgase, die der Wind auf seinem Weg mitnimmt, während er über die rauchspeienden chinesischen Industrieanlagen zieht. Der gelbe Staub, sagen koreanische Wissenschaftler, sei belastet durch Schwermetalle und Dioxine. Je größer der industrielle Fortschritt der Volksrepublik, desto gravierender die Umweltfolgen für die Nachbarstaaten.

          Es geht um Schadensbegrenzung

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