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Kohleindustrie : Schmutzige Blüte

  • -Aktualisiert am

Großer Koksproduzent: Kohlekraftwerk Shengtou in der chinesischen Provinz Shanxi Bild: EPA

Arbeitgeber und Umweltverschmutzer zugleich: Die Kohleproduktion läßt die chinesische Kleinstadt Lishi leben, aber auch leiden.

          Den Himmel sieht man in Lishi nur selten. Die Kleinstadt in der chinesischen Provinz Shanxi ist meist eingehüllt in dicken Smog, der Geruch von Kohle hängt in der Luft. Doch unter der Smogdecke haben Verschönerungen begonnen.

          Ein großer Platz mit einer Konstruktion von griechischen Säulen ziert seit neuestem das Stadtzentrum. Ein Kaufhaus mit einer großen Parfümerie-Abteilung hat eröffnet. Das trübe Rinnsal von Fluß ist aufgestaut worden, damit eine Uferpromenade angelegt werden kann. Ein neues Museum soll Kulturbeflissenheit demonstrieren. Die Stadt Lishi liegt im Kohlerevier der zentralchinesischen Provinz Shanxi und profitiert seit zwei Jahren von der großen Nachfrage nach Kohle und Koks.

          Das schnelle Wirtschaftswachstum braucht Energie, und die kommt in China hauptsächlich aus der Kohle. China ist der größte Kohleproduzent und -verbraucher der Welt. Der wachsende Bedarf an Kohle und Koks in China und auf den Weltmärkten hat in den vergangenen zwei Jahren die Preise auf dem chinesischen Markt nach oben getrieben, von umgerechnet 30 Euro pro Tonne auf 130 Euro pro Tonne.

          Armutsbezirk nach chinesischem Standard

          Die zentralchinesische Provinz Shanxi ist der größte Kohle- und Koksproduzent in China; 80 Prozent aller Koksexporte Chinas kommen aus Shanxi; 48 Prozent der Weltkoksproduktion kommen aus dieser einen Provinz. Doch der Preis für die Umwelt und die Gesundheit der Bevölkerung ist hoch. Koksproduktion erzeugt giftigen Staub und Gase. Abwasser und Öl aus der Koksherstellung verschmutzen Böden und Grundwasser. Nach offiziellen Angaben ist Shanxi eine der Provinzen mit der größten Umweltverschmutzung in China.

          Dennoch sind die Kohleminen und Kokereien willkommen. „Wir sind so arm hier, für uns bleiben nur die dreckigen Industrien“, sagt ein Stadtfunktionär. Die Region um Lishi ist ein Armutsbezirk, das heißt nach chinesischem Standard, daß das jährliche Durchschittseinkommen dort unter umgerechnet 62 Euro pro Jahr liegt. Die Kohleminen, Kokereien und Stahlwerke sind die wichtigsten Arbeitgeber der Region. Nicht nur für die Stadtbevölkerung Lishis, auch für die Bauern der Region ist die Kohle zum wichtigsten Weg aus der Armut geworden.

          Die gefährlichsten Bergwerke der Welt

          Die Bauern wandern aus den Dörfern ab und gehen in die Bergwerke. Der Bauer Chen aus Linxian bei Lishi berichtet, daß er auf seinem Feld auf dem trockenen Hochplateau von Shanxi nur 30 Euro im Jahr verdienen könne; das Essen reiche bei vielen nicht mal mehr zum Überleben. Nun arbeiten seine zwei Söhne in den Kohleminen, dort bekommen sie pro Tag drei Euro; so viel wäre mit der Landwirtschaft nie zu verdienen. Jetzt haben sie Geld für ein Motorrad und zum Heiraten. Da denkt man nicht weiter über das Risiko der Bergwerksarbeit nach.

          Chinas Bergwerke sind die gefährlichsten der Welt. Mehr als 7000 Bergleute kommen jedes Jahr bei Unfällen in Bergwerken ums Leben. Fast täglich gibt es Berichte von Unfällen mit Toten und Verletzten. Seit die Kohle und Kokspreise ständig steigen, sind überall in den Kohlerevieren Chinas neue Minen eröffnet worden.

          Korruption allgegenwärtig

          In den meist privat betriebenen Minen werden Sicherheitsvorkehrungen mißachtet und die Bauern ohne weitere Ausbildung an die gefährliche Arbeit geschickt. Die Regierung schickt Inspektoren, verordnet Sicherheitskampagnen und läßt unsichere Minen schließen. Doch die allgegenwärtige Korruption vereitelt einen Erfolg solcher Maßnahmen. Sicherheitsinspektoren lassen sich bestechen, Betriebsgenehmigungen werden gekauft.

          Die Kohleblüte, die der Stadt Lishi Schmutz brachte, hat ihr aber auch neue Einnahmen gebracht. Steuern von den Minen, Kokereien und Stahlwerken füllen die Säckel der Verwaltung. Drei Fahrstunden von der Provinzhauptstadt Taiyuan, 700 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Peking eifern die Stadtfunktionäre den großen Vorbildern nach: eine Uferpromenade wie in der Provinzhauptstadt Taiyuan muß es geben und einen großen Platz wie den des Himmlischen Friedens in der Hauptstadt Peking.

          Nur oberflächliche Änderungen

          Einige neue Wohnblocks mit Eigentumswohnungen werden gebaut, und als Beitrag zum Olympiafieber in China ist eine großes Sportstadion angelegt worden. Eine Autobahn soll Lishi mit der Provinzhauptstadt verbinden und die Landstraße entlasten, auf der die Lastwagen sich stauen. In dem weitläufigen neuen Museum sind beachtliche Funde aus Gräbern der Han-Dynastie ausgestellt. Großer Stolz der Stadtfunktionäre aber ist ein protziges neues Fünf-Sterne-Hotel.

          Viele Bewohner Lishis klagen freilich, daß die Veränderungen rein oberflächlicher Natur seien. Am Stadtrand wohnen die Menschen noch in den traditionellen Höhlenwohnungen. Weiterhin sei das Leben hart, die Arbeitslosigkeit hoch, und die Einkommen seien niedrig, sagt ein Stadtangestellter. Die Luft sei noch schlechter geworden. Die neue Fußgängerzone hat nur einige bescheidene Läden und ist schmutzig. Und wofür brauche man in einem Provinznest schon ein großes Sportstadion?

          Dicke Luft bleibt

          Richtig reich geworden seien nur die Minenbesitzer und wegen ihrer Bestechlichkeit die Funktionäre. Ein Bewohner führt zu einem auffallenden Neubauprojekt: neben dem Museum ist ein ummauertes Viertel mit für chinesischen Verhältnissen luxuriösen Einfamilienhäusern gebaut worden. „Da wohnen die Kader“, sagt er. „Sollen wir glauben, daß die Funktionäre diese Villen mit einem normalen Gehalt bezahlen können?“

          Die große Sorge der Stadtfunktionäre in Lishi und anderen Städten in Shanxi ist jetzt die Wirtschaftpolitik der neuen chinesischen Regierung. In Peking will man ein nachhaltiges Wachstum, die überhitzte Wirtschaft soll abgekühlt werden. Wenn die Zentralregierung Ernst macht mit ihrer Dämpfung des Wachstums, wird auch der Kohlepreis wieder sinken, und dann könnte es mit der kleinen Blütezeit in Lishi auch bald vorbei sein. Die dicke Luft wird allerdings bleiben, bis ernsthaft in Umweltschutz investiert wird.

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