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Klimawandel : Klimadiplomaten ringen um neues Abkommen

  • -Aktualisiert am

Nicholas Stern: „Das größte Versagen, das die Welt je gesehen hat” Bild: AP

Während Europa über den Stern-Bericht und die Kosten des Klimawandels diskutiert, erarbeiten in Nairobi von diesem Montag an 6000 Regierungsvertreter, Wissenschaftler und Wirtschaftsverbände ein neues Abkommen zum Klimaschutz.

          An diesem Montag kommen in Nairobi rund 6000 Regierungsvertreter, Wissenschaftler, Abgesandte von Umweltorganisationen und Wirtschaftsverbänden aus 189 Ländern zusammen, um die entscheidenden Vorarbeiten für ein neues internationales Klimaschutzabkommen zu leisten.

          Das Kyoto-Protokoll, das die Industrienationen verpflichtet, ihre Treibhausgas-Emissionen von 2008 an um gut 5 Prozent unter den Stand von 1990 zu senken, läuft 2012 aus. Ein Nachfolgeabkommen soll erstmals auch wichtige Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien oder Südafrika einbeziehen - und idealerweise auch die Vereinigten Staaten und Australien, die das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert haben, zum Beitritt animieren.

          Arbeitsprogramm mit konkreten Projekten

          In der kenianischen Hauptstadt wird sich entscheiden, ob die Staatengemeinschaft willens ist, im kommenden Jahr verbindliche Verhandlungen über weiter gehende Reduktionsziele nach 2012 aufzunehmen. Wesentliche Vorbedingung von seiten der Entwicklungsländer dafür ist, daß der Anpassungsfonds in Gang gesetzt wird, der ihnen die Anpassung an die Folgen des Klimawandels erleichtern soll.

          In einem Fünf-Jahres-Arbeitsprogramm sollen außerdem konkrete Projekte festgelegt werden, wie die Folgen des Klimawandels gemildert, die Anfälligkeit verringert und die Anpassung erleichtert werden könnte. Südafrika hat schon seine Bereitschaft signalisiert, Maßnahmen zu ergreifen, die gleichermaßen der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Klimaschutz dienen, sofern diese von den Industrieländern finanziell unterstützt und die erzielten Emissionsminderungen international anerkannt werden.

          Ausmaß mit den beiden Weltkriegen vergleichbar

          Die Debatte über die Folgen des Klimawandels hatte in der vergangenen Woche durch den Bericht des früheren Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern einen deutlichen Schub erhalten. In seiner 700 Seiten starken Studie für das britische Finanzministerium beziffert der Wirtschaftswissenschaftler die Kosten unterlassenen Handelns auf jährlich mindestens 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

          In einer breiteren Abgrenzung der Risiken und Einflüsse könnten die Kosten sogar auf bis zu 20 Prozent des BIP steigen. Anstrengungen, die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren, schlügen dagegen jährlich nur mit etwa 1 Prozent des BIP zu Buche.

          Das Ausmaß der drohenden ökonomischen und sozialen Verwerfungen im Falle von Untätigkeit sei mit den beiden Weltkriegen und der Weltwirtschaftskrise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergleichbar, warnte Stern. Diese Entwicklung wäre dann kaum oder gar nicht mehr umkehrbar.

          Übertrieben hoch und zum Teil widersprüchlich

          „Der Klimawandel ist das größte Marktversagen, das die Welt je gesehen hat“, rügt Stern. Um dies zu korrigieren, müsse die Politik dem Kohlendioxyd-Ausstoß durch Steuern, Emissionshandel oder Regulierung einen Preis geben, die Entwicklung und den Einsatz klimafreundlicher Technologien durch eine Vervielfachung der Forschungsmittel unterstützen, die Energieeffizienz fördern und die Bevölkerung überzeugen, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

          Der Kopenhagener Klima-Ökonom Björn Lomborg kritisierte Sterns Berechnungen in der Zeitung „Wall Street Journal“ als übertrieben hoch und zum Teil widersprüchlich. Außerdem unterstelle Stern, daß keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden.

          Harmonisierte Energiesteuer

          Der Yale-Ökonom William Nordhaus beziffere die Kosten unterlassenen Handelns nur auf 3 Prozent des globalen BIP, argumentierte Lomborg. Mit geschätzten sozialen Kosten von 85 Dollar je Tonne Kohlendioxyd gehe Stern sogar noch über die Prognosen der britischen Regierung hinaus; Nordhaus komme nur auf 2,5 Dollar.

          Auch Nordhaus hatte sich kürzlich in einem Fachaufsatz für eine Begrenzung der Treibhausgas-Emissionen ausgesprochen; diese solle aber nicht durch international verbindliche Reduktionsziele, sondern über eine harmonisierte Energiesteuer erfolgen.

          Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte, die Europäische Union müsse ihre Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. „Das geht nur mit neuen Technologien und mit einer größeren Energieeffizienz, sonst haben wir keine Chance.“

          Berliner Reaktionen

          Der Vorsitzende des Beirats für nachhaltige Entwicklung, Günter Krings (CDU), nannte den Stern-Bericht ein Fanal. Nötig sei eine grundlegende Änderung der Politik, sagte er dieser Zeitung. Die CDU müsse die Klimagefahren zum Top-Thema machen. „Noch haben wir die Zeit, vernünftige und ökonomisch verträgliche Anpassungsschritte zu machen.“

          Der Grünen-Umweltpolitiker Hans-Josef Fell forderte, das Problem an der Wurzel zu packen: „Nicht eine Emissionsreduktion à la Kyoto hilft der Welt, sondern die Beendigung der Emissionen.“ Statt Rußpartikel mit Filtern zurückzuhalten, müsse man Elektroautos einsetzen. Und statt Kohlekraftwerke zu entschwefeln, hätte man auf Windräder setzen sollen, da diese weder Schwefel noch Kohlendioxyd ausstießen.

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