https://www.faz.net/-gum-12t5j

Island : Der einzige Walfänger

  • -Aktualisiert am

Kristjan Loftsson ist Walfänger aus Leidenschaft Bild:

Kristjan Loftsson ist der am meisten gehasste Isländer der Welt. Seit seinem dreizehnten Lebensjahr jagt er Wale - zunächst für „wissenschaftliche Zwecke“, jetzt darf er wieder kommerziellen Walfang betreiben.

          Kristjan Loftsson stellt sich vor das Steuerrad seines Schiffs, aber die Hände bleiben brav in den Jackentaschen. Kein Streicheln des Holzes, kein wehmütiges Drehen. Die Sonne strahlt über Reykjavík, und Loftssons blaue Augen verschwinden hinter Falten. Der Blick geht in die Ferne, aber nicht in Richtung Meer, sondern auf Island. Seit Jahren sei er nicht mehr in See gestochen, sagt Loftsson, zu viel Arbeit in der Stadt. Seine Haare sind plattgedrückt, als ob er gerade noch eine Mütze getragen hätte. Wie er so gebeugt das Deck entlanggeht, sieht er aus wie ein rühriger Seemann. Tatsächlich ist dieser 65 Jahre alte freundliche Herr der am meisten gehasste Isländer auf der ganzen Welt.

          Loftsson repräsentiert Islands Finnwalfänger, besser: Loftsson ist Islands Finnwalfänger. Zwergwale werden auch von anderen Firmen gejagt, aber die großen Finnwale jagt nur er. Er ist erst der zweite seiner Art – sein Vater war 1947 der erste. „Davor hatten die Isländer im Gegensatz zu den Norwegern gar nicht die technischen Möglichkeiten, so große Wale zu jagen.“ Die Geschichte von der jahrhundertealten Tradition isländischen Walfangs sei ein Mythos. Bis in das 19. Jahrhundert hinein seien in Island fast ausschließlich Wale verwertet worden, die an der Küste gestrandet waren. Der isländische Begriff für „angeschwemmter Wal“ stehe auf der Insel noch heute für einen unverhofften Glücksfall, sagt Loftsson und kratzt sich am graumelierten Bart. An seinem Schlüsselanhänger baumelt die Mini-Attrappe einer Handgranate.

          Der Jäger von Moby Dick

          Er mag den gleichen Beruf wie sein Vater ausüben, aber die Tätigkeit ist heute eine andere: „Ich bin mehr Politiker als Walfänger.“ Seine Karriere auf See hatte im Alter von dreizehn Jahren begonnen, die Laufbahn an Land spätestens 1986, zehn Jahre nach dem Tod des Vaters. Damals stimmte Island einem Moratorium der Internationalen Walfangkommission (IWC) zu und erklärte den kommerziellen Walfang für beendet. Statt auf Fang zu gehen, setzt sich Loftsson seither mit Ministern und Umweltschützern auseinander.

          Mit dieser Harpune geht Walfänger Loftsson auf Jagd

          Die ersten drei Jahre nach dem Moratorium durften Loftsson und andere Waljäger im Auftrag der Regierung noch zu „wissenschaftlichen Zwecken“ weiterjagen – ohne dass dadurch brauchbare Erkenntnisse gewonnen worden wären. Danach lagen seine vier zwischen 434 und 611 Bruttoregistertonnen großen und mehr als 40 Meter langen Schiffe bewegungslos im Hafen von Reykjavík. Millionen haben die Wartung und der Ankerplatz in all den tatenlosen Jahren verschlungen. Erst 2002 – Island hatte die IWC in der Zwischenzeit verlassen, trat der Kommission aber später mitsamt einem Veto gegen das Verbot des kommerziellen Walfangs abermals bei – begann Loftsson wieder zu umstrittenen Forschungszwecken Wale zu jagen.

          2006 schließlich wurde der kommerzielle Walfang wiederaufgenommen. Loftsson reaktivierte eines seiner vier Boote und tötete sieben Finnwale. Da der heimische Absatzmarkt verschwindend klein und der internationale Handel mit Walfleisch verboten ist, wurde das Fleisch in eines der wenigen verbündeten Länder, nach Japan, exportiert, das sich wie Island gegen das Handelsverbot wehrt. Isländische Medien berichteten jedoch, dass damals 179 Tonnen „Schlachtabfälle“, was in etwa der Hälfte des erbeuteten Fleisches entspricht, auf Deponien entsorgt wurden. Loftsson verdient eigentlich genug mit seinen Beteiligungen an Fischereiunternehmen. Seine Firma Hvalur braucht den Wal nicht. Aber Loftsson braucht ihn. So wie Kapitän Ahab, der Jäger von Moby Dick.

          Blutiges Konjunkturprogramm

          Im Maschinenraum läuft die Heizung. Auf diese Weise werde das Schiff instand gehalten, sagt Loftsson, aber es wirkt, als lauere das Schiff auf die nächste Gelegenheit, in See zu stechen. Auf einem Schild an der Dampfmaschine steht „Bremer Vulkan 1952“, in einem der Aufenthaltsräume hängt die „Mona Lisa“. Loftsson spricht vom Warten: erst auf die Jagdgenehmigung, dann auf die Jagdsaison, dann darauf, dass der Gejagte sich zeigt. „Manch einer meiner Männer sieht den Blow des Wals auf zehn Meilen.“ Vor ihm liegt eine orangefarbene Harpune auf dem Boden. Wenn das Schiff sich dem Wal auf etwa 20 Meter genähert hat, wird die Harpune dem Tier ins Fleisch geschossen, wo ihr Granatkopf explodiert. Der tote Wal wird mit Luft vollgepumpt, an zwei Ketten außen am Boot befestigt und nach Hause geschleppt. Im Gegensatz zu den fünf bis zehn Tonnen schweren Zwergwalen, die noch auf dem Boot geschnitten werden könnten, müssten die 40 Tonnen schweren Finnwale innerhalb von 15 Stunden an Land geschleppt werden, sagt Loftsson. „Phantastische Tiere!“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Steinbach und der Fall Lübcke : „Du trägst Mitschuld an seinem Tod“

          Nach dem Mord an Walter Lübcke hat der frühere CDU-Generalsekretär Peter Tauber seinen Vorwurf gegenüber seiner früheren Parteifreundin Erika Steinbach wiederholt. Steinbach sieht darin eine Diffamierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.