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Im Dschungel Perus : Abgestürzt in den Sinn des Lebens

  • -Aktualisiert am

„Als ich vom Himmel fiel”: Juliane Koepcke, heute Juliane Diller, schreibt knapp 40 Jahre nach dem Ereignis ihre Geschichte auf Bild: Jan Roeder

Vor 40 Jahren überlebte Juliane Koepcke als einzige einen Flugzeugabsturz in Peru. Lange gehörte ihre Geschichte anderen. Nun hat sie ihre Erinnerungen selbst aufgeschrieben.

          6 Min.

          Was denkt ein Mensch, der an einer Flugzeugsitzbank festgeschnallt aus 3000 Metern Höhe auf die Erde fällt? Juliane denkt: Die Baumwipfel des Regenwalds, auf den sie zustürzt, sehen wie Brokkoliköpfe aus. Dann verliert sie das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, ist Juliane am Fuße der Bäume angelangt, mitten im Amazonas-Urwald von Peru. Sie weiß, dass sie in einem Flugzeug saß, und dass es abgestürzt ist. An ihrer Seite war eben noch ihre Mutter. Wo sie jetzt ist, vermag die Siebzehnjährige nicht zu sagen. Sie ist vollkommen alleine, doch Angst spürt sie nicht, nur unendliche Verlassenheit. Dann macht sie sich auf den Weg – aus der Welt der Toterklärten zurück in die Welt der Lebenden.

          Juliane Koepcke ist heute noch unterwegs zwischen diesen Welten, fast 40 Jahre nach dem Tag, an dem sie vom Himmel fiel. Der Ursprung blieb in all den Jahren derselbe: Der Absturz des Flugs 508 Lima–Pucallpa der peruanischen Gesellschaft Lansa am 24. Dezember 1971. 91 Menschen kommen dabei ums Leben, Koepcke überlebt als einzige. Ihre Ziele aber veränderten sich über die Jahre, so wie die Kräfte, die sie auf ihrem Weg antrieben. Als sie sich nach dem Absturz aufmachte, wollte sie Hilfe für die anderen Passagiere holen, von denen sie nicht wusste, wo sie sind und ob sie leben. Dabei führte ihr Überlebenswille sie so lange durch den Dschungel, bis Waldarbeiter sie nach fast zwei Wochen entdeckten.

          Sie folgte dem Wasser

          Nach ihrer spektakulären Rückkehr aber trieben die Medien Koepcke vor sich her, berichteten ausdauernd, oft schlichtweg falsch oder so tendenziös, dass sie sich lange weigerte, Interviews zu geben. Unter dem Titel „Miracles still happen“ entstand in den Siebzigern ein schmalziger Spielfilm. Ende der neunziger Jahre drehte Werner Herzog mit Koepcke zusammen die Dokumentation „Schwingen der Hoffnung“. Für die Dreharbeiten kehrte sie zum ersten Mal an den Absturzort zurück. Doch sollte es noch einmal mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis die inzwischen 56 Jahre alte Biologin ihre Geschichte wieder selbst in die Hand nahm und nun mit ihrer Co-Autorin Beate Rygiert im Buch „Als ich vom Himmel fiel“ aufgeschrieben hat.

          Während über Juliane Suchflugzeuge kreisen, sie im dichten Dschungel aber nicht entdecken, folgt sie einem anderen Geräusch: einem Plätschern. Sie findet eine Quelle, aus der sie ihren Durst löscht. Doch bedeutet das Rinnsal noch mehr für sie. Juliane ist in der peruanischen Hauptstadt Lima geboren, weil ihre Eltern, zwei deutsche Biologen, dorthin Anfang der fünfziger Jahre ausgewandert waren. Mit ihnen zusammen hat sie vor dem Absturz schon einmal für zwei Jahre mitten im Dschungel gelebt. Nun erinnert sie sich an die Worte ihres Vaters: „Wenn du dich im Urwald verläufst, und du findest einen Wasserlauf, dann bleibe bei ihm. Er wird dich zu Menschen bringen.“ Bei dem Absturz hat Juliane ihre Brille verloren, am Körper trägt sie ein dünnes Patchwork-Kleid, an den Füßen nur noch eine einzelne weiße Sandale. Trotzdem geht sie dem Rinnsal hinterher, das langsam breiter wird und schließlich zu einem Bach.

          Eigentlich hätte sie nicht mehr laufen können

          Wer heute mit Juliane Koepcke sprechen will, muss einem Pfeil ins Untergeschoss der Zoologischen Staatssammlung München folgen: „Bibliothek“. Nach ihrem Absturz hat sie in Kiel Abitur gemacht und wie ihre Eltern Biologie studiert. Promoviert wurde sie über Fledermäuse. Heute leitet sie die Bibliothek der Staatssammlung im Stadtteil Obermenzing. Der Zufall will es, dass sie ausgerechnet an der Münchhausenstraße von ihrer wundersamen Rettung erzählt.

          Fassen lässt sich das Wunder ihres Lebens bis heute nicht. „Es gibt sehr vieles an meiner Geschichte, das erklärbar ist“, sagt Koepcke. „Aber es gibt einen Rest, und wie sich alles zusammengefügt hat, ist doch schicksalhaft.“ Dass sie vom Absturz aus drei Kilometern Höhe nur eine Gehirnerschütterung und zwei offene Wunden davontrug: unerklärlich. Der Schock führte wohl dazu, dass die Wunden an Oberarm und Bein kaum bluteten, und verdeckte auch die beiden unsichtbaren Verletzungen: Bei ihrem Fall brach sie das Schlüsselbein. Nach der Wanderung durch den Urwald stellte sich heraus, dass auch ein Kreuzband gerissen war. Später wird ein Arzt sagen, dass sie damit niemals hätte laufen können – schon gar nicht durch einen Dschungel.

          Erklärlich ist aber, dass sie die ganze Zeit über ruhig und zielstrebig blieb: Sie führt es auf Fatalismus und jugendliche Unbedarftheit zurück. „Wegen des Schocks habe ich im Urwald überhaupt nicht reflektiert, was passiert war. Ich war nur darauf fixiert, einen Weg rauszufinden. Das hat mir die Kraft gegeben.“

          „Urwald ist nicht gleich Urwald.“

          Dabei hilft ihr auch ihr Wissen. Ihre Eltern waren nach Peru ausgewandert, weil ihre Mutter, Maria Koepcke, als Ornithologin dort die reiche Vogelwelt erforschen wollte, und ihr Vater, Hans-Wilhelm Koepcke, an ganzheitlicher Ökologie interessiert war, bevor es beide Worte in die Umgangssprache schafften. Die Eltern kauften Land und gründeten darauf die Forschungsstation Panguana. Mit Juliane zogen sie 1968 von Lima aus dorthin.

          Nach zwei Jahren kehrte Juliane alleine nach Lima zurück, um dort zur Schule zu gehen. Bis dahin unterrichteten sie ihre Eltern, und sie lernte von einem Lehrer, der sie ständig umgab: dem Dschungel. „Urwald ist nicht gleich Urwald.“ Aber als sie nach dem Absturz aufwachte, sei ihr die Umgebung bekannt vorgekommen. „Wäre ich ein Stadtmensch gewesen und hätte mich nicht ausgekannt, wäre ich sofort in Panik ausgebrochen.“ Die Stelle, an der Koepcke mit ihrer Sitzbank landete, lag keine 50 Kilometer Luftlinie von der Forschungsstation der Eltern entfernt. Sobald es auf ihrem Marsch durch den Dschungel dunkel wird, sucht Juliane einen halbwegs sicheren Platz. In den Nächten schläft sie oft tief, nur wenn es regnet, friert sie. Nahrung findet sie nicht. Das einzige, was sie zu sich nimmt, ist Wasser und eine Tüte Bonbons, die sie an der Absturzstelle aufgelesen hat. Als es ihr immer schwerer fällt, dem Bachlauf durch das Unterholz zu folgen, geht sie durchs Wasser und stakst mit einem Stock nach gefährlichen Stachelrochen. Als der Bach zum Fluss wird, schwimmt sie. Doch weil ihre Kraft schwindet, lässt sie sich irgendwann nur noch treiben. Vom Wasser aus spielt ihr das Bewusstsein Streiche: Juliane hört Hühner gackern, wo keine sind, und glaubt, am Ufer Häuser oder Boote entdeckt zu haben.

          „Das überwindet man nie“

          Als sie am zehnten Tag einen Schlafplatz gefunden hat, sieht sie wieder ein Boot. Doch diesmal ist es echt. Es gehört fünf Holzarbeitern, die Juliane für einen peruanischen Wassergeist halten und aus Angst beinahe flüchten. Zwei der Männer fahren sie am elften Tag nach dem Absturz in die nächste Siedlung. Sie ist gerettet, die Nachricht geht um die Welt. Am nächsten Tag steht ihr Vater an ihrem Bett, der auf der Forschungsstation auf Mutter und Tochter gewartet hatte. „Na, wie geht es dir denn?“ – „Gut.“ Dann umarmen sie sich. Suchtrupps folgen ihren Hinweisen und finden erste Überreste des abgestürzten Flugzeugs, später die Opfer. Juliane ist die einzige Überlebende, auch ihre Mutter wird tot geborgen.

          Der Tod der anderen Insassen beschäftigt Juliane Koepcke bis heute. „Das überwindet man nie“, sagt sie. „Ich falle auch immer wieder in ein Loch und denke: Ist das nun richtig gelaufen, dass du als Einzige überlebt hast?“ Besonders leidet sie unter dem Tod der Mutter. Beide stiegen in das später abgestürzte Flugzeug, weil Juliane auf den Abschlussball ihrer Schule in Lima gehen wollte. Mutter und Tochter hatten nicht auf den dringenden Rat des Vaters gehört, nicht mit der Gesellschaft Lansa zu fliegen, die als unsicher galt, weil schon einmal eines ihrer Flugzeuge abgestürzt war.

          „Heute muss ich sagen, dass ich mitverantwortlich bin, weil ich auf den dämlichen Abschlussball wollte“, sagt Koepcke ruhig, während ihre Hände nach einer anderen Beschäftigung suchen und einen Krümel vom Schreibtisch in ihrem Büro wischen. „Einen Vorwurf hat mein Vater mir aber nie gemacht.“ Nur einmal. Nachdem sie sich erholt hat, geht sie mit einer Freundin in Lima schwimmen. Dort lauert ihr ein Kamerateam auf. Im Bikini auf einer Schaukel beantwortet sie die Fragen. Der Vater sieht das Interview und schreit: „So trauerst du also um deine Mutter!“

          Die Forschungsstadion als Weg zurück ins Leben

          Bald danach verlässt Juliane auf Geheiß des Vaters ihr Geburtsland Peru in Richtung Deutschland. Ihr Vater folgt ihr einige Jahre später und reist bis zu seinem Tod im Jahr 2000 nicht mehr in den Urwald, in dem er seine Frau verlor. Die Forschungsstation Panguana führt er von Deutschland aus mit Hilfe eines Einheimischen weiter. Nach dem Tod des Vaters übernimmt die Tochter diese Aufgabe. Sie kehrt mehrfach in den peruanischen Dschungel zurück, um dort auf der Station für ihre Diplomarbeit und für ihre Doktorarbeit zu forschen. Seit fast vier Jahren kämpft sie dafür, dass die Forschungsstation der Eltern zum Naturschutzgebiet erklärt wird. Mit Hilfe eines Sponsors konnte sie das ursprüngliche Areal von zwei auf sieben Quadratkilometer vergrößern. Auch die Einnahmen aus dem Buchverkauf sollen in das Projekt zum Schutz des Regenwalds fließen. Die Station ist Koepckes Erbe, die Verbindung zwischen Peru und Deutschland, zwischen ihrem Leben und dem ihrer verstorbenen Eltern.

          Als Juliane nach dem Absturz durch den Dschungel geht, denkt sie oft darüber nach, was sie aus ihrem Leben machen wird. Es sind kurze Gedanken: nichts Weltbewegendes soll es sein, aber etwas Sinnvolles. Sie wäre froh, sagt die Frau, die vor 40 Jahren dieses Mädchen war, wenn die Eltern das noch erlebt hätten: dass ihre Tochter nun mit der Arbeit für den Erhalt der Station auf der Zielgeraden ihres Weges angelangt ist – den sie als Toterklärte begann, und der sie in die Welt der Lebenden zurückgeführt hat.

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