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Im Dschungel Perus : Abgestürzt in den Sinn des Lebens

  • -Aktualisiert am

„Das überwindet man nie“

Als sie am zehnten Tag einen Schlafplatz gefunden hat, sieht sie wieder ein Boot. Doch diesmal ist es echt. Es gehört fünf Holzarbeitern, die Juliane für einen peruanischen Wassergeist halten und aus Angst beinahe flüchten. Zwei der Männer fahren sie am elften Tag nach dem Absturz in die nächste Siedlung. Sie ist gerettet, die Nachricht geht um die Welt. Am nächsten Tag steht ihr Vater an ihrem Bett, der auf der Forschungsstation auf Mutter und Tochter gewartet hatte. „Na, wie geht es dir denn?“ – „Gut.“ Dann umarmen sie sich. Suchtrupps folgen ihren Hinweisen und finden erste Überreste des abgestürzten Flugzeugs, später die Opfer. Juliane ist die einzige Überlebende, auch ihre Mutter wird tot geborgen.

Der Tod der anderen Insassen beschäftigt Juliane Koepcke bis heute. „Das überwindet man nie“, sagt sie. „Ich falle auch immer wieder in ein Loch und denke: Ist das nun richtig gelaufen, dass du als Einzige überlebt hast?“ Besonders leidet sie unter dem Tod der Mutter. Beide stiegen in das später abgestürzte Flugzeug, weil Juliane auf den Abschlussball ihrer Schule in Lima gehen wollte. Mutter und Tochter hatten nicht auf den dringenden Rat des Vaters gehört, nicht mit der Gesellschaft Lansa zu fliegen, die als unsicher galt, weil schon einmal eines ihrer Flugzeuge abgestürzt war.

„Heute muss ich sagen, dass ich mitverantwortlich bin, weil ich auf den dämlichen Abschlussball wollte“, sagt Koepcke ruhig, während ihre Hände nach einer anderen Beschäftigung suchen und einen Krümel vom Schreibtisch in ihrem Büro wischen. „Einen Vorwurf hat mein Vater mir aber nie gemacht.“ Nur einmal. Nachdem sie sich erholt hat, geht sie mit einer Freundin in Lima schwimmen. Dort lauert ihr ein Kamerateam auf. Im Bikini auf einer Schaukel beantwortet sie die Fragen. Der Vater sieht das Interview und schreit: „So trauerst du also um deine Mutter!“

Die Forschungsstadion als Weg zurück ins Leben

Bald danach verlässt Juliane auf Geheiß des Vaters ihr Geburtsland Peru in Richtung Deutschland. Ihr Vater folgt ihr einige Jahre später und reist bis zu seinem Tod im Jahr 2000 nicht mehr in den Urwald, in dem er seine Frau verlor. Die Forschungsstation Panguana führt er von Deutschland aus mit Hilfe eines Einheimischen weiter. Nach dem Tod des Vaters übernimmt die Tochter diese Aufgabe. Sie kehrt mehrfach in den peruanischen Dschungel zurück, um dort auf der Station für ihre Diplomarbeit und für ihre Doktorarbeit zu forschen. Seit fast vier Jahren kämpft sie dafür, dass die Forschungsstation der Eltern zum Naturschutzgebiet erklärt wird. Mit Hilfe eines Sponsors konnte sie das ursprüngliche Areal von zwei auf sieben Quadratkilometer vergrößern. Auch die Einnahmen aus dem Buchverkauf sollen in das Projekt zum Schutz des Regenwalds fließen. Die Station ist Koepckes Erbe, die Verbindung zwischen Peru und Deutschland, zwischen ihrem Leben und dem ihrer verstorbenen Eltern.

Als Juliane nach dem Absturz durch den Dschungel geht, denkt sie oft darüber nach, was sie aus ihrem Leben machen wird. Es sind kurze Gedanken: nichts Weltbewegendes soll es sein, aber etwas Sinnvolles. Sie wäre froh, sagt die Frau, die vor 40 Jahren dieses Mädchen war, wenn die Eltern das noch erlebt hätten: dass ihre Tochter nun mit der Arbeit für den Erhalt der Station auf der Zielgeraden ihres Weges angelangt ist – den sie als Toterklärte begann, und der sie in die Welt der Lebenden zurückgeführt hat.

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