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Im Dschungel Perus : Abgestürzt in den Sinn des Lebens

  • -Aktualisiert am

Wer heute mit Juliane Koepcke sprechen will, muss einem Pfeil ins Untergeschoss der Zoologischen Staatssammlung München folgen: „Bibliothek“. Nach ihrem Absturz hat sie in Kiel Abitur gemacht und wie ihre Eltern Biologie studiert. Promoviert wurde sie über Fledermäuse. Heute leitet sie die Bibliothek der Staatssammlung im Stadtteil Obermenzing. Der Zufall will es, dass sie ausgerechnet an der Münchhausenstraße von ihrer wundersamen Rettung erzählt.

Fassen lässt sich das Wunder ihres Lebens bis heute nicht. „Es gibt sehr vieles an meiner Geschichte, das erklärbar ist“, sagt Koepcke. „Aber es gibt einen Rest, und wie sich alles zusammengefügt hat, ist doch schicksalhaft.“ Dass sie vom Absturz aus drei Kilometern Höhe nur eine Gehirnerschütterung und zwei offene Wunden davontrug: unerklärlich. Der Schock führte wohl dazu, dass die Wunden an Oberarm und Bein kaum bluteten, und verdeckte auch die beiden unsichtbaren Verletzungen: Bei ihrem Fall brach sie das Schlüsselbein. Nach der Wanderung durch den Urwald stellte sich heraus, dass auch ein Kreuzband gerissen war. Später wird ein Arzt sagen, dass sie damit niemals hätte laufen können – schon gar nicht durch einen Dschungel.

Erklärlich ist aber, dass sie die ganze Zeit über ruhig und zielstrebig blieb: Sie führt es auf Fatalismus und jugendliche Unbedarftheit zurück. „Wegen des Schocks habe ich im Urwald überhaupt nicht reflektiert, was passiert war. Ich war nur darauf fixiert, einen Weg rauszufinden. Das hat mir die Kraft gegeben.“

„Urwald ist nicht gleich Urwald.“

Dabei hilft ihr auch ihr Wissen. Ihre Eltern waren nach Peru ausgewandert, weil ihre Mutter, Maria Koepcke, als Ornithologin dort die reiche Vogelwelt erforschen wollte, und ihr Vater, Hans-Wilhelm Koepcke, an ganzheitlicher Ökologie interessiert war, bevor es beide Worte in die Umgangssprache schafften. Die Eltern kauften Land und gründeten darauf die Forschungsstation Panguana. Mit Juliane zogen sie 1968 von Lima aus dorthin.

Nach zwei Jahren kehrte Juliane alleine nach Lima zurück, um dort zur Schule zu gehen. Bis dahin unterrichteten sie ihre Eltern, und sie lernte von einem Lehrer, der sie ständig umgab: dem Dschungel. „Urwald ist nicht gleich Urwald.“ Aber als sie nach dem Absturz aufwachte, sei ihr die Umgebung bekannt vorgekommen. „Wäre ich ein Stadtmensch gewesen und hätte mich nicht ausgekannt, wäre ich sofort in Panik ausgebrochen.“ Die Stelle, an der Koepcke mit ihrer Sitzbank landete, lag keine 50 Kilometer Luftlinie von der Forschungsstation der Eltern entfernt. Sobald es auf ihrem Marsch durch den Dschungel dunkel wird, sucht Juliane einen halbwegs sicheren Platz. In den Nächten schläft sie oft tief, nur wenn es regnet, friert sie. Nahrung findet sie nicht. Das einzige, was sie zu sich nimmt, ist Wasser und eine Tüte Bonbons, die sie an der Absturzstelle aufgelesen hat. Als es ihr immer schwerer fällt, dem Bachlauf durch das Unterholz zu folgen, geht sie durchs Wasser und stakst mit einem Stock nach gefährlichen Stachelrochen. Als der Bach zum Fluss wird, schwimmt sie. Doch weil ihre Kraft schwindet, lässt sie sich irgendwann nur noch treiben. Vom Wasser aus spielt ihr das Bewusstsein Streiche: Juliane hört Hühner gackern, wo keine sind, und glaubt, am Ufer Häuser oder Boote entdeckt zu haben.

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