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Heftiger Winter in Osteuropa : Nicht ohne Not nach draußen gehen

  • -Aktualisiert am

Das Katastrophenschutzministerium in Russland warnt: Ohne Not solle man nicht das Haus verlassen. Bild: REUTERS

Russland verbietet Thermoskannen auf kritischen Demonstrationen, in Rumänien blockieren Eisblöcke die Häfen, in der Ukraine haben durch den starken Frost schon mehr als 40 Menschen ihr Leben verloren.

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          Die Jakuten in Ostsibirien würden sich über den starken Frost, der das europäische Russland erfasst hat, nicht beklagen – und über die deutsche Wintertemperaturen dieser Woche schon gar nicht. Sie sind an Schlimmeres als lächerliche 30 Grad Kälte in der Nacht gewöhnt. Im westlichen Teil Russlands ist man da empfindlicher. Heißwasserleitungen barsten, Zentralheizungen ganzer Stadtviertel blieben kalt, und das Katastrophenschutzministerium warnt vor einer noch stärkeren Kältewelle, die 50 Regionen Russlands erfasst: Man solle nicht ohne Not nach draußen gehen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Russlands außerparlamentarische Opposition, die politisch gesehen aus der Kälte kommt, ist dank unversöhnlicher Kaltluftmassen und einer feindlichen Obrigkeit in ein Wetter-Dilemma geraten. Für Samstag ist eine große Protestveranstaltung gegen das „System Putin“ unter dem Motto „Für ehrliche Wahlen“ geplant. Zum ersten mal seit vielen Jahren dürfen Zehntausende Aufmüpfiger zwar in einem Demonstrationszug durch die Straßen der Moskauer Innenstadt zu einer Protestkundgebung marschieren. Das haben die jüngsten Massenproteste dem System abgetrotzt. Aber zugleich ergriff die Obrigkeit die Chance, die ihr der Wettergott bot, um den Putin-Gegnern doch noch Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Sie entschied: Transparente ja, Thermoskannen mit heißem Tee nein. Marschieren ginge noch an, meinten die Organisatoren der Veranstaltung. Aber es wurde bezweifelt, dass selbst die hitzigsten Redner oder ein Rockstar wie Jurij Schewtschuk den Zuhörern auf der Abschlusskundgebung so einzuheizen vermöchten, dass Lungenentzündungen bei bis zu 20 Grad Kälte ausblieben. Es wurde erwogen, die Kundgebung zu streichen oder auf fünf Minuten zu beschränken. Das Organisationskomitee kam jedoch zu dem Schluss, dass das ein politisches Fiasko wäre, und entschied sich für 50 Minuten Ausharren in klirrendem Frost. Offen blieb, ob die oppositionelle Logistik in der Lage ist, die Menschen mit heißem Tee zu versorgen.

          In Rumänien steht zwar gerade keine größere Demonstration an, aber eisige Kälte herrscht auch hier seit einer Woche. Acht Kälte-Opfer sind bislang registriert. Obwohl es seit Tagen nicht mehr geschneit hat, mussten viele Straßen wegen Schneeverwehungen geschlossen werden, weil der scharfe Wind den Schnee von gestern aufwirbelt. Von der Kälte besonders betroffen sind die Gebiete entlang des Karpatenbogens sowie der Osten und der Süden des Landes. Am kältesten war es im Szekler Land. Im Kreis Covasna wurden in Intorsura Buzaului (Bodzaforduló) minus 31 Grad gemessen. Der Ort ist bekannt als Kältepol: 2005 gab es dort einen Rekord von minus 36 Grad. Extreme Temperaturen um minus 30 Grad herrschten auch im Kreis Maramures, der im Norden an die Ukraine grenzt. Entlang der rumänischen Schwarzmeerküste bildete sich eine Eisschicht, was wegen des hohen Salzgehaltes des Wassers sehr selten vorkommt. Eisblöcke blockierten die Schiffe im Hafen von Tomis. In Bukarest wurden minus 22 Grad gemessen. Wie in Rumänien, so bemühen sich die Behörden auch in der benachbarten Republik Moldau darum, Obdachlose in Sicherheit zu bringen. In der moldauischen Hauptstadt Chisinau kontrolliert die Polizei zudem Wohnungen, in denen sie unversorgte Alte und Kinder vermutet.

          In der ukrainischen Stadt Donetsk sucht eine Obdachlose Unterschlupf in einem der neu eröffneten Hilfszelte. Bilderstrecke

          Der Frosteinbruch hat den Osten Mitteleuropas mit schauerlichen Zahlenreihen konfrontiert. Nicht nur, dass die Temperaturen immer sibirischer wurden, je weiter man östlich vordrang, nicht nur dass es zuletzt von Tag zu Tag kälter wurde, dass das Thermometer in der Ost-Ukraine auf minus 30 sank und erst in der kommenden Nacht der Tiefpunkt erwartet wird – in den letzten Tagen sind auch von Stunde zu Stunde die Opferzahlen gestiegen. In Polen erfroren allein am Dienstag fünf Menschen. Da besonders auf dem Land noch viel mit Kohle und Holz geheizt wird, kamen allein am Wochenende sieben Fälle von tödlichen Kohlenmonoxidvergiftungen durch falsch geheizte Öfen hinzu.

          In der Ukraine, wo der Frost noch deutlich härter ist, waren am Mittwoch Nachmittag schon 43 Opfer registriert, wobei die meisten offenbar Obdachlose waren, die tot auf den Straßen gefunden wurden. Ministerpräsident Nikolai Asarow rief die Bürger dazu auf, Strom, Wärme und Wasser zu sparen, in vielen Landesteilen wurden die Schulen geschlossen. 720 Menschen wurden ins Krankenhaus gebracht. Die Regierung richtete nach Agenturmeldungen im ganzen Land insgesamt 1730 Wärmestuben ein. In den kommenden Tagen sollen die Temperaturen noch weiter sinken. Stettin (Szczecin) im Westen Polens erwartet für die kommende Nacht milde minus 15, Warschau minus 21 und die Ukraine minus 32 Grad.

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