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Hauptstadtflughafen : Unterwegs in einer Geisterlandschaft

  • -Aktualisiert am

Nichts kreucht, nichts fleucht: Das Terminal des womöglich irgendwann einmal in Betrieb gehenden Berliner Flughafens nach leichtem Schneefall. Bild: dpa

Mit einer Touristengruppe auf der Baustelle: Der Berliner Flughafen sieht aus wie ein Flughafen. Aber wo sind die Menschen? Und die Flugzeuge? Und wo ist der versprochene Blick in die Zukunft?

          4 Min.

          Der Platz vor der Baracke ist schneebedeckt. Kalter Wind treibt dicke weiße Flocken vor sich her. Die drei Männer und zwei Frauen stampfen mit den Füßen auf der Stelle und reiben sich die Hände, während das Schild an der Drehtür hinter ihnen jede Hoffnung auf Wärme zunichte macht: „Die BBI airportworld ist geschlossen.“ Ein kleines Vordach schützt sie vor den Schneeflocken, die an der gelb-rot gewürfelten Fassade vorbei nach unten rieseln. Ein Mann in dicker Winterjacke kommt die Auffahrt heraufgestapft. „Sie sind für die Flughafentour hier?“ Nicken. Der Mann kramt aus seiner Tasche einen Plastikausweis hervor, der an einem langen roten Band baumelt, und hängt ihn sich um den Hals. „Eine der wenigen Gelegenheiten, wo man sich mit dem Ding noch sehen lassen kann.“

          Der Mann heißt Manfred Mikoleit. Auf dem Plastikausweis steht neben seinem Namen und dem Passbild: „BER – Berliner Flughäfen“. Mikoleit ist am Willy-Brandt-Flughafen Fremdenführer der ersten Stunde: Mehr als 1300 Touren hat er seit dem ersten Spatenstich vor sechs Jahren über das Gelände geführt. Flughäfen beschäftigen ihn schon sein ganzes Leben. Der gebürtige Zeuthener begann als Ingenieur bei der DDR-Fluggesellschaft Interflug. Nach ein paar Jahren in der IT-Abteilung eines Versicherungskonzerns kam er zum Berliner Flughafen. „Steigen sie schon mal in den Bus, sonst erfrieren sie ja hier.“ Die Füße wärmen sich im Tourbus langsam wieder auf, und Mikoleit beginnt zu erzählen. Er sei immer der Meinung gewesen, der Flughafenausbau sei eine gute Idee: gut für Berlin, gut für die Region, gut für die Mitarbeiter der Flughäfen. Heute fühlt er angesichts der andauernden Debakel nur noch „Trauer, Ärger und Wut“.

          Die Lichter blinken schon

          Langsam setzt sich der Bus in Bewegung, vorbei an der vor sich hin modernden „airportworld“, dem ehemaligen Besucherzentrum des Flughafens. Das immerhin wurde im vergangenen Sommer rechtzeitig geschlossen – pünktlich zur geplanten Flughafeneröffnung. Rechts kommt der Taxistand des Flughafens Schönefeld ins Blickfeld, der nun länger als erwartet seinen Betrieb fortsetzen muss, links ein neues Hotel. „Seit zwei Jahren ist das fertig. Und ab und zu auch schon ganz gut besucht.“ Der Bus fährt auf die neue Autobahn, auf der die Autos merklich fehlen. Rechts noch ein paar rostige Baracken. Sobald der Flugbetrieb begonnen hat, sollen sie einer vierspurigen Straße weichen, die zum Fluggelände der Bundesregierung führt. Links bedeckt eine geschlossene Schneedecke ein riesiges Feld: „Das wird mal das größte Gewerbegebiet der Region.“ Gebaut wird allerdings erst, wenn die ersten Flugzeuge von hier gestartet sind. Noch fährt der Bus durch eine Geisterlandschaft: Auf dem glatten Asphalt glänzen die frischen Markierungen, an fertigen Bushaltestellen hängen noch die obsolet gewordenen Fahrpläne vom vergangenen Sommer, ab und zu weist ein einsames Schild den Weg Richtung „BBI“ – Berlin Brandenburg International, gedruckt, bevor jemandem auffiel, dass es in Indien schon lange einen Flughafen mit dieser Abkürzung gab. Außer dem Tourbus, der dem Schild „Abflüge“ gemächlich von der Autobahn auf die Schönefelder Allee folgt, keine Spur von Leben.

          „Lassen sie uns lieber losfahren, bevor wir noch alle anfangen zu heulen.“ - der Fremdenführer Manfred Mikoleit.
          „Lassen sie uns lieber losfahren, bevor wir noch alle anfangen zu heulen.“ - der Fremdenführer Manfred Mikoleit. : Bild: Lena Schipper

          Durch die Frontscheibe kommt langsam das Terminalgebäude in Sicht. Der gewaltige Parkplatz vor der Tankstelle mit integrierter Burger-King-Filiale ist leer. Dahinter lenkt Mikoleit den Blick der Besucher auf eine weitere weiße Fläche: „der Taxispeicher“. Daneben ein Frachtzentrum, in dem noch niemand arbeitet. „Aber ihre Weihnachtsfeier haben sie schon da veranstaltet.“ Kurz vor dem Terminal biegt der Bus rechts ab und entlädt die Besucher vor einer Art freistehendem Treppenhaus. „Das ist der Infotower.“ Eigentlich sollte es diesen Turm mittlerweile genau so wenig geben wie das Dorf, das ursprünglich hier stand und nach dem Baubeginn in der Nähe von Königs Wusterhausen wieder aufgebaut wurde. Die Aussicht tut es trotzdem noch: mit dem Erklimmen der letzten Treppenstufe wird der Blick auf das Gelände frei. Geradeaus starten in der Ferne Billigflieger vom Schönefelder Flughafen, im Hintergrund leuchtet der Fernsehturm, links schimmert die Glasfassade des neuen BER-Terminalgebäudes in der Sonne, die mittlerweile hinter den Schneewolken hervorgekommen ist. Die roten Lämpchen an den Passagierbrücken blinken schon, als könnte jeden Moment ein Flugzeug andocken.

          Auf der Wiese zwischen Landebahn und Terminal ragt ein Flugzeugrumpf in den Himmel, daran proben die Rettungsdienste den Ernstfall. Auf der anderen Seite des Rollfelds zeichnen die Technik-Hangars der Airlines graue Rechtecke in den Winterhimmel. „Die bringen ihre Flugzeuge schon von Tegel zur Wartung hierher“, sagt Mikoleit. Um dann wieder von Tegel zu starten? Ungläubiges Staunen. „Ganz genau.“ Darauf warten also auch die paar Flugzeuge, die gerade verloren vor dem Terminal einschneien. „Lassen sie uns lieber losfahren, bevor wir noch alle anfangen zu heulen.“

          Die S-Bahnen fahren schon - leer

          Auf dem Vorplatz des Terminalgebäudes hält der Bus wieder an. Rechts ist noch Baustelle: vor der spiegelnden Glasfassade liegen Stahlträger und Sichtbetonteile, unter der Aufschrift „Berlin Brandenburg International Willy Brandt“ steht ein Dixi-Klo. Links leuchtet den Businsassen eine helle Steinfassade entgegen. Dezenter Schriftzug: „Steigenberger“. „Das ist seit Monaten fertig. Die Betten haben sie erst mal wieder eingeschweißt“, sagt Mikoleit. Unter den beiden Gebäuden fahren leere S-Bahn-Züge hin und her: der neue Bahnhof, der direkt unter dem Terminal liegt, muss in Betrieb gehalten werden.

          Kein Zutritt für Niemanden: die Baustelle Berliner Flughafen.
          Kein Zutritt für Niemanden: die Baustelle Berliner Flughafen. : Bild: dpa

          Auf der Fahrt in Richtung Rollfeld passiert der Bus die Mitarbeiterkantine, zahllose fertige Bürogebäude, die leeren Parkplätze. Dann das Gebäude mit den Notstromaggregaten und ein hauseigenes Kraftwerk. „Die Leute beschweren sich ja immer, dass der Flughafen Tag und Nacht beleuchtet wird“, sagt Mikoleit. „Aber wir können den Strom, den wir erzeugen, nun mal nicht ins Netz einspeisen.“ Vor einer Feuerwache der nächste Halt. Die Belegschaft ist bereit, innerhalb von drei Minuten ein brennendes Flugzeug zu löschen. Bis der Flugbetrieb beginnt, wollen die leeren Bahntunnel und das verwaiste Terminalgebäude beobachtet werden. Mikoleit drängt zur Eile. „Wir sind spät dran, ich hab mich verquatscht.“

          „Werfen Sie einen Blick auf die Zukunft.“

          Der Rückweg führt vorbei an den wichtigsten Andockpositionen: Hier führt eine Brücke zu C03, dem „Hochrisikoflugsteig“, wo nur Flüge nach Israel und in die Vereinigten Staaten abgefertigt werden sollen, dort schlängelt sich eine Kette überdimensionierter weißer Lampions um die Passagierbrücke zum Gate B15, der Position für den Airbus A380. Der ist im zukünftigen Streckenplan noch nicht vorgesehen, aber man will vorbereitet sein. Passagierbrücken, Leitsysteme – alles betriebsbereit. „Kunst am Bau“, sagt Mikoleit zur Lampionkette. Zwischen den Abflugsteigen erhaschen die Besucher durch die Scheiben ab und zu einen Blick ins Innere des Terminals. Einer fragt nach den herunterhängenden Deckenteilen. „Tja, an den Stellen wurden die Kabel falsch verlegt.“

          Auf der anderen Seite des Terminals sind ein paar einsame Flugzeuge geparkt. „Die braucht gerade keiner, und hier stören sie niemanden. Platz ist ja genug.“ Der Bus passiert noch ein paar nie genutzte Außenpositionen: „Hier kommen die Ergänzungsmodule hin, wenn der Flughafen zu klein wird.“ Im Hintergrund startet ein Flugzeug gen Westen. Links blinkt der Tower, der schon in Betrieb ist und im Augenblick noch den alten Flughafen Schönefeld betreut. Der Bus folgt der Linie, die sich schnurgerade über das leere Rollfeld zieht. Der Himmel hat sich zugezogen. Als der Bus die Passagiere vor dem alten Besucherzentrum zurück in die Kälte entlässt, schneit es wieder. Die Tafel vor dem Gebäude verlangt: „Werfen Sie einen Blick auf die Zukunft.“ Gerne. Aber wo ist sie?

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