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Hauptstadtflughafen : Unterwegs in einer Geisterlandschaft

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Nichts kreucht, nichts fleucht: Das Terminal des womöglich irgendwann einmal in Betrieb gehenden Berliner Flughafens nach leichtem Schneefall. Bild: dpa

Mit einer Touristengruppe auf der Baustelle: Der Berliner Flughafen sieht aus wie ein Flughafen. Aber wo sind die Menschen? Und die Flugzeuge? Und wo ist der versprochene Blick in die Zukunft?

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          Der Platz vor der Baracke ist schneebedeckt. Kalter Wind treibt dicke weiße Flocken vor sich her. Die drei Männer und zwei Frauen stampfen mit den Füßen auf der Stelle und reiben sich die Hände, während das Schild an der Drehtür hinter ihnen jede Hoffnung auf Wärme zunichte macht: „Die BBI airportworld ist geschlossen.“ Ein kleines Vordach schützt sie vor den Schneeflocken, die an der gelb-rot gewürfelten Fassade vorbei nach unten rieseln. Ein Mann in dicker Winterjacke kommt die Auffahrt heraufgestapft. „Sie sind für die Flughafentour hier?“ Nicken. Der Mann kramt aus seiner Tasche einen Plastikausweis hervor, der an einem langen roten Band baumelt, und hängt ihn sich um den Hals. „Eine der wenigen Gelegenheiten, wo man sich mit dem Ding noch sehen lassen kann.“

          Der Mann heißt Manfred Mikoleit. Auf dem Plastikausweis steht neben seinem Namen und dem Passbild: „BER – Berliner Flughäfen“. Mikoleit ist am Willy-Brandt-Flughafen Fremdenführer der ersten Stunde: Mehr als 1300 Touren hat er seit dem ersten Spatenstich vor sechs Jahren über das Gelände geführt. Flughäfen beschäftigen ihn schon sein ganzes Leben. Der gebürtige Zeuthener begann als Ingenieur bei der DDR-Fluggesellschaft Interflug. Nach ein paar Jahren in der IT-Abteilung eines Versicherungskonzerns kam er zum Berliner Flughafen. „Steigen sie schon mal in den Bus, sonst erfrieren sie ja hier.“ Die Füße wärmen sich im Tourbus langsam wieder auf, und Mikoleit beginnt zu erzählen. Er sei immer der Meinung gewesen, der Flughafenausbau sei eine gute Idee: gut für Berlin, gut für die Region, gut für die Mitarbeiter der Flughäfen. Heute fühlt er angesichts der andauernden Debakel nur noch „Trauer, Ärger und Wut“.

          Die Lichter blinken schon

          Langsam setzt sich der Bus in Bewegung, vorbei an der vor sich hin modernden „airportworld“, dem ehemaligen Besucherzentrum des Flughafens. Das immerhin wurde im vergangenen Sommer rechtzeitig geschlossen – pünktlich zur geplanten Flughafeneröffnung. Rechts kommt der Taxistand des Flughafens Schönefeld ins Blickfeld, der nun länger als erwartet seinen Betrieb fortsetzen muss, links ein neues Hotel. „Seit zwei Jahren ist das fertig. Und ab und zu auch schon ganz gut besucht.“ Der Bus fährt auf die neue Autobahn, auf der die Autos merklich fehlen. Rechts noch ein paar rostige Baracken. Sobald der Flugbetrieb begonnen hat, sollen sie einer vierspurigen Straße weichen, die zum Fluggelände der Bundesregierung führt. Links bedeckt eine geschlossene Schneedecke ein riesiges Feld: „Das wird mal das größte Gewerbegebiet der Region.“ Gebaut wird allerdings erst, wenn die ersten Flugzeuge von hier gestartet sind. Noch fährt der Bus durch eine Geisterlandschaft: Auf dem glatten Asphalt glänzen die frischen Markierungen, an fertigen Bushaltestellen hängen noch die obsolet gewordenen Fahrpläne vom vergangenen Sommer, ab und zu weist ein einsames Schild den Weg Richtung „BBI“ – Berlin Brandenburg International, gedruckt, bevor jemandem auffiel, dass es in Indien schon lange einen Flughafen mit dieser Abkürzung gab. Außer dem Tourbus, der dem Schild „Abflüge“ gemächlich von der Autobahn auf die Schönefelder Allee folgt, keine Spur von Leben.

          „Lassen sie uns lieber losfahren, bevor wir noch alle anfangen zu heulen.“ - der Fremdenführer Manfred Mikoleit.

          Durch die Frontscheibe kommt langsam das Terminalgebäude in Sicht. Der gewaltige Parkplatz vor der Tankstelle mit integrierter Burger-King-Filiale ist leer. Dahinter lenkt Mikoleit den Blick der Besucher auf eine weitere weiße Fläche: „der Taxispeicher“. Daneben ein Frachtzentrum, in dem noch niemand arbeitet. „Aber ihre Weihnachtsfeier haben sie schon da veranstaltet.“ Kurz vor dem Terminal biegt der Bus rechts ab und entlädt die Besucher vor einer Art freistehendem Treppenhaus. „Das ist der Infotower.“ Eigentlich sollte es diesen Turm mittlerweile genau so wenig geben wie das Dorf, das ursprünglich hier stand und nach dem Baubeginn in der Nähe von Königs Wusterhausen wieder aufgebaut wurde. Die Aussicht tut es trotzdem noch: mit dem Erklimmen der letzten Treppenstufe wird der Blick auf das Gelände frei. Geradeaus starten in der Ferne Billigflieger vom Schönefelder Flughafen, im Hintergrund leuchtet der Fernsehturm, links schimmert die Glasfassade des neuen BER-Terminalgebäudes in der Sonne, die mittlerweile hinter den Schneewolken hervorgekommen ist. Die roten Lämpchen an den Passagierbrücken blinken schon, als könnte jeden Moment ein Flugzeug andocken.

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