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Grabstätte im Internet : Eine Community für Tote

  • -Aktualisiert am

Kerzenschein: Hier kann man ein Gedenklicht für Peter Alexander anzünden. Bild: Archiv

Dutzende Friedhöfe im Internet, immer mehr Online-Foren für Trauernde: Auch im Netz will jeder ewig bleiben. Nur: Was währt schon ewig im schnelllebigen Internet?

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          Matthias Krage guckt von seinem Schreibtisch auf einen katholischen Friedhof. Aber nicht der Blick auf die Grabstätten habe ihn auf die Idee von „Stayalive“ gebracht. „Der Gedanke kam mir nach dem Tod eines Freundes“, sagt der Internetunternehmer aus Oberhaching. „Ich wollte den Kontakt nicht einfach aus meinem Outlook-Account löschen.“ Aber wie gedenkt man verstorbener Internetfreunde? Und wie verewigt man sich selbst im Netz? „Mit einer Online-Community von Lebenden und Verstorbenen.“

          Kunden von „Stayalive“ können nicht nur für verstorbene Angehörige und Freunde, sondern auch für sich selbst prophylaktisch eine virtuelle Gedenkstätte errichten. „So kann jeder selbst bestimmen, wie er in Erinnerung bleiben möchte.“ Mit Fotos, Videos, Musik und Dokumenten vom Stammbaum bis zum Lieblingskochrezept setzt man sich selbst ein virtuelles Denkmal, das im Todesfall für einen zuvor bestimmten Personenkreis freigeschaltet wird. „Denn ganz weg“, sagt Krage, „will niemand.“

          Helmut Markwort als Geld- und Ideengeber

          Mehr als 17.000 Gedenkstätten verzeichnet „Stayalive“ mittlerweile. Zum Start damals gab es einigen Medienrummel. Helmut Markwort, der ehemalige Chefredakteur von „Focus“, ist als Geld- und Ideengeber beteiligt. „Stayalive“ als „Portal für die digitale Unsterblichkeit“ zu bewerben war Markworts Einfall. Matthias Krage ist das eigentlich zu pompös. „Community für Tote“ findet er treffender. „Aber das war Markwort viel zu negativ.“ Jedenfalls geht es um digitale Hinterlassenschaft, um virtuelles Nachleben und Gedenken im Internetzeitalter.

          Grabesruhe: diese Website ist sepulkralkulturell noch ausbaufähig.

          Was mit dem Tod verschwindet und was bleibt, das war noch nie einfach zu beantworten. Mit der Präsenz im Internet wird es noch verzwickter. Was passiert mit der virtuellen Existenz in Netzwerken wie Facebook, Xing und StudiVZ? Wie soll man mit Blog- und Chatroom-Einträgen verfahren? Mit privaten Internetseiten, Aufträgen bei Online-Bezahldiensten, der Registrierung auf kommerziellen Internet-Plattformen und Mail-Konten? Noch ist die Internetgemeinde recht jung, Facebook-Nutzer sind durchschnittlich 33 Jahre alt. Da liegt der Gedanke noch fern, den digitalen Nachlass zu regeln. Aber zunehmend nutzt auch die Großelterngeneration soziale Netzwerke und Online-Dienste. Und die Jüngeren, für die ein Leben offline undenkbar ist, bewältigen auch Todesfälle mit Hilfe des Internet.

          Junge Unternehmer und ältere Theologen

          Eine digitalisierte Gedenkkultur wie in den Vereinigten Staaten, wo Verstorbene in Trauergottesdiensten schon mal mit Power-Point-Präsentationen gewürdigt werden, hat sich in Deutschland zwar noch nicht etabliert. Aber auch hierzulande haben Tod und Trauer mittlerweile etliche virtuelle Facetten. Es gibt Dutzende Friedhöfe und Gedenkstätten im Internet, Portale mit Gesprächsforen und Online-Seminare für Trauernde sowie Dienste für digitale Hinterlassenschaften. Junge Unternehmer, aber auch ältere Theologen versuchen sich auf einem Markt zu etablieren, auf dem viel experimentiert, aber gegenwärtig insgesamt wenig Geld verdient wird. Bei „Stayalive“ will man noch nicht damit herausrücken, ob sich das virtuelle Gedenken rentiert. Die Preise reichen von 19,90 Euro für ein „Einzelgrab“ bis zu 499 Euro für das „Ewigkeitspaket“ mit 99 Gedenkstätten, das vor allem für Bestatter gedacht ist.

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