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Genmais : Nagende Zweifel

  • -Aktualisiert am

Ohne Hinweis nicht erkennbar: Genmais Bild: ZB

Macht Genfood doch krank? Ein Test mit Laborratten ist heftig umstritten. Jetzt entscheiden die Politiker. Die Verunsicherung der Verbraucher wird bestehen bleiben.

          In heikler Mission werden morgen Spitzenbeamte der für Gentechnik zuständigen Bundesministerien zusammentreffen. Einmal mehr geht es um die grüne Gentechnik. Die steht auch im Mittelpunkt der größten internationalen Konferenz über Agrarbiotechnologie, die diese Woche in Köln stattfindet. Drei Tage lang wird man dort von gentechnisch veränderten Pflanzen als Arzneifabriken schwärmen. Derweil brüten die Beamten über eine zukunftsweisende Entscheidung: Wie soll sich Deutschland bei der EU-Abstimmung zur Zulassung von MON 863 verhalten?

          Das Kürzel steht für eine gentechnisch veränderte Maissorte, der Gentechniker der Firma Monsanto Erbanlagen aus dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis (Bt) eingepflanzt haben. Damit kann die Pflanze ein Insektengift gegen die Larven des Wurzelbohrers bilden: Ein sogenanntes Bt-Protein soll dem Maisschädling Nummer eins den Garaus machen. Weil der Käfer auf amerikanischen Maisplantagen zur echten Plage wird, soll Europa den Import der Genmaiskörner als Futtermittel "Made in USA" zulassen. Doch MON 863 ist in Europa zum Spielball der Politik geworden. Einmal mehr geht es um angebliche Gesundheitsrisiken durch den Verzehr von Gengemüse.

          „Statistisch signifikante“ Unterschiede

          Das Politikum begann, als Gerard Pascal, der Vorsitzende der "Commission Du Genie biomoleculaire" (CGB) des französischen Landwirtschaftsministeriums im vergangenen Herbst zufällig einmal ganze drei Tage Zeit hatte, um sich durch die Details eines mehr als tausend Seiten dicken Dossiers von Monsanto zu kämpfen. Darin hatten die Wissenschaftler der Firma eine neunzigtägige Fütterungsstudie ausgewertet. Auf Wunsch der Franzosen war MON 863 sowie eine Reihe verschiedener herkömmlicher Maissorten dabei an insgesamt 400 Ratten verfüttert worden, um zusätzliche Belege für die gesundheitliche Unbedenklichkeit von MON 863 zu liefern. Pascal aber stutzte. Im Fall von MON 863 fiel dem Experten erstmals in seiner langjährigen Karriere als Gutachter auf, daß sich die Zusammenfassung der Ergebnisse "nicht in Übereinstimmung mit den Daten im Hauptteil des Dossiers befand".

          Pascals Augenmerk richtete sich daher auf viele auffällige, im Fachjargon "statistisch signifikant" genannte Unterschiede im Vergleich zwischen Ratten, die MON 863 gefressen hatten, und Tieren einer Kontrollgruppe, die genetisch fast identischen konventionellen Mais verspeisten. Die Daten, die dieser Zeitung vorliegen, belegen bei männlichen Ratten nach 14 Wochen einen "minimalen Aufwärtstrend bei der Zahl weißer Blutkörperchen im Vergleich zu den Kontrollgruppen". Bei den weiblichen Ratten fand sich die Zahl der Vorläuferzellen roter Blutkörperchen um bis zu 52 Prozent verringert. Auch war bei einigen Tieren der Blutglukosegehalt "leicht erhöht".

          Verschiedene Anomalien in einem Organ

          Besonders erstaunt war Pascal, daß die Nieren der mit Genmais gefütterten männlichen Nager im Durchschnitt um 7,1 Prozent leichter waren als die der Kontrolltiere. Die Organe zeigten zudem vermehrt auffällige pathologische Befunde, eine "geringere Mineralisierung" in den Nierenkanälchen und Anzeichen "lokaler chronischer Entzündungen". Das beunruhigte den Gutachter besonders, tauchten bei mit MON 863 gefütterten Ratten doch erstmals "mehrere verschiedene Anomalien in einem Organ auf".

          Die Zeitung Le Monde machte im April einige der Bedenken des CGB öffentlich. Sofort vermeldete Greenpeace, der Fütterungsversuch mit MON 863 habe "gravierende gesundheitliche Schäden ausgelöst". Die Experten der zuständigen European Food Standard Agency kamen dagegen nach hektisch anberaumten Beratungen zu einem anderen Schluß: Es bestünden weiterhin "keinerlei Sicherheitsbedenken".

          „Keine toxischen Effekte“

          Seither herrscht öffentlich Verwirrung. Hinter den Kulissen aber geht der Biotech-Krimi längst in die nächste Runde. Auf Antrag des französischen CGB beauftragte Monsanto zwei unabhängige Pathologen damit, jede einzelne der nach dem Versuch konservierten Rattennieren erneut auf Schädigungen zu durchmustern - in einem Blindversuch an Gewebeschnitten, bei dem der Untersucher nicht weiß, welche Niere von welchem Versuchstier stammt. Das einhellige Ergebnis der Untersuchung der beiden renommierten Pathologen Gordon C. Hard und Andrea Terron liegt dem französischen Gremium seit kurzem vor. Das Fazit: Alle gefundenen Unterschiede bewegten sich im Rahmen der zu erwartenden, normalen biologischen Variationen bei Ratten diesen Alters. MON 863 induziere "keine toxischen Effekte in den Nieren von Ratten".

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