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Energie : Wasserstoff - eine Vision

Noch in diesem Jahrhundert soll Wasserstoff die fossilen Energieträger ablösen, den Ausstoß von Kohlendioxyd verringern und den Traum von nahezu emissionsfreien Autos wahr werden lassen.

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          Noch in diesem Jahrhundert soll Wasserstoff die fossilen Energieträger ablösen, den Ausstoß von Kohlendioxyd verringern und den Traum von nahezu emissionsfreien Autos wahr werden lassen. Darüber waren sich die rund 450 Vertreter aus Forschung, Wirtschaft und Politik einig, die sich vergangene Woche in Brüssel auf Initiative der Europäischen Kommission zu einem Erfahrungsaustausch trafen. Ihr Ziel: Europa soll zum Motor einer weltumspannenden Wasserstoffwirtschaft werden. Eine Umstellung auf eine dezentrale und umweltschonende, auf Wasserstoff basierende Energieversorgung wäre schon in 20 Jahren denkbar.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Pläne in Brüssel sind ehrgeizig. So will man bis 2020 zwanzig Prozent der Kraftstoffe durch Methan, Biodiesel und Wasserstoff ersetzen und so die Erdöl-Abhängigkeit verringern. Kein leichtes Unterfangen, schließlich gehört Europa zu den drei größten Ölkonsumenten der Welt. Eine zentrale Rolle räumt man den Brennstoffzellentechnik ein, die das Prinzip nutzt, durch die kontrollierte Knallgasreaktion von Wasserstoff mit Sauerstoff Strom und Wärme zu erzeugen, um Motoren anzutreiben oder Wohnungen zu beheizen. In einigen europäischen Städten fahren bereits umweltfreundliche Elektrobusse und Fahrzeuge, in vielen Orten findet man leistungsfähige Brennstoffzellen-Kraftwerke.

          Island als Vorreiter

          Island hat in Sachen Wasserstoff eine Vorreiterfunktion übernommen: Dort will man die vollständige Umstellung der Energiewirtschaft auf regenerative Energien verwirklichen. Seit Ende April wird in Reykjavik mit Unterstützung der EU die weltweit erste öffentliche Wasserstoff-Tankstelle betrieben. Drei Brennstoffzellen-Busse werden bald regelmäßig in der Hauptstadt verkehren. Doch eine flächendeckende Infrastruktur für Wasserstoff in Europa ist noch fern und wird immense Summen verschlingen. Die 600 Millionen Euro aus Brüssel sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Allein in Deutschland müßten 2000 Wasserstoff-Tankstellen geschaffen werden. Das Gas ist als sauberer Brennstoff aber nur dann sinnvoll, wenn man es großtechnisch etwa mittels Elektrolyse von Wasser mit Wind-, Wasser- oder Sonnenenergie gewinnt. Da unsere Breiten nur bedingt dazu geeignet sind, setzt man deshalb in Brüssel auf eine internationale Zusammenarbeit unter anderem mit Ländern, die über reichlich regenerative Energiequellen verfügen. Insgesamt will man alle Anstrengungen in Europa von Industrie, Forschung, Nutzern und Politik bündeln und stärker fördern, und so die Wasserstofftechnik vorantreiben. In steuerlichen Vorteilen, großzügigen finanziellen Förderungen und einer lenkenden Politik sieht man entscheidende Maßnahmen. Brüssel und Washington wollen bei der Brennstoffzellentechnik enger zusammenarbeiten.

          Doch eine zu frühe Umstellung auf eine Wasserstoffwirtschaft könnte auch Gefahren für das Weltklima bergen. Sorgen bereitet Tracey Tromp und seinen Kollegen vom California Institute of Technology in Pasadena der Wasserstoff, der bei der Herstellung des Gases, beim Transport und bei der Lagerung aus Lecks entweicht und wegen seiner geringen Masse in die Stratosphäre aufsteigt. Dort würde er mit Sauerstoff zu Wasserdampf reagieren, was eine Temperaturabsenkung um etwa 0,5 Grad und damit zur vermehrten Wolkenbildung in der Stratosphäre nach sich ziehen könnte. Der Abbau von Ozon wäre die Folge. Wie die Forscher in der Zeitschrift "Science" (Bd. 300, S. 1740) berichten, könnte über dem Südpol drei bis sieben Prozent und über dem Nordpol sogar zwischen fünf und acht Prozent mehr Ozon verlorengehen.

          Wasserstoff - kühne Vision

          Die Voraussagen beruhen allerdings auf der Annahme, daß die gesamte fossile Energiewirtschaft umgestellt würde - ein wenig realistisches Szenario. Weiterhin werden die Wasserstoffverluste durch Lecks mit zehn Prozent eher zu hoch veranschlagt. Unter diesen Voraussetzungen, so Tromp, würde eine Wasserstoffwirtschaft viermal soviel Wasserstoff wie heute freisetzen. Könnte eine vermehrte Verwendung von Wasserstoff also die Bestrebungen durchkreuzen, den Ozonabbau durch eine Verringerung der Emissionen von FCKWs zu stoppen? Für Tromp wäre das der Fall, wenn sich der Übergang zur Wasserstoffwirtschaft in den nächsten zwanzig Jahren vollzieht. Danach sollte die eingeleitete FCKW-Reduktion endgültig gegriffen und die Ozonschicht sich erholt haben, so daß die Folgen einer erhöhten Wasserstoffkonzentration weit weniger schlimm ausfallen würden. Der schnelle Einstieg in eine solche Wasserstoffgesellschaft, wie man es sich in Brüssel vorstellt, ist aber eher eine kühne Vision.

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