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Dürre in Australien : „Fünf Jahre machen dich fertig“

  • -Aktualisiert am

Farmer sind gezwungen, ihr Vieh von den verdorrten Feldern zurückzutreiben Bild: REUTERS

„Jahrtausenddürre“ in Australien: Seit Jahren leiden die Bauern unter ihr, viele begehen deswegen Selbstmord. Ganze Landstriche veröden, weil es immer mehr Landbewohner in die Stadt zieht. Die Regierung belächelte erst die globale Erwärmung, nun versucht sie zu helfen.

          Pat Kennedy sieht so aus, wie man sich einen australischen Bauern vorstellt: kurz, kräftig, wortkarg, zäh. Aber als ihn kürzlich ein Reporter befragte, kamen dem harten Mann fast die Tränen. Seine Tochter Kylie staunte. So hatte sie ihren Vater noch nie gesehen. Die Fünfjährige kennt Feuchtigkeit in den Augen des Vaters genausowenig wie den Regen, den der Vater so verzweifelt herbeisehnt.

          Die Kennedys leiden wie Tausende anderer Bauern unter der schlimmsten Dürre seit Menschengedenken in Australien. Jeden vierten Tag nimmt sich ein Farmer das Leben, die Quote ist doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Die inoffizielle Zahl dürfte vermutlich noch schlimmer sein. Immer wieder wird von Unfällen berichtet, bei denen Autos mit hoher Geschwindigkeit am hellichten Tag von schnurgeraden Pisten abkommen und an Bäumen zerschellen, ohne eine Bremsspur zu hinterlassen.

          Vorschriften für Wasserverbrauch immer strenger

          Aber die Dürre trifft nicht nur die Bauern. Viele kleine Landstädte veröden, weil die Geschäftsleute dort nichts mehr verdienen können. Das Geld der Bauern fehlt. Deren Schulden haben sich in nur drei Jahren verdoppelt. Schafe sind zur Zeit fast nichts mehr wert, immer mehr Züchter müssen ihre Tiere für Centbeträge verkaufen, weil ihr Land kein Futter mehr hergibt. Weil gleichzeitig die Arbeitslosigkeit in ganz Australien zur Zeit mit 4,6 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit mehr als 30 Jahren gelandet ist, wird die Verlockung für die Landbevölkerung immer größer, in die Städte abzuwandern oder dorthin, wo im Bergbau gute Gehälter verdient werden können.

          Die Rekord-Dürre macht Australiens Farmer schwer zu schaffen

          Mancherorts wehrt man sich gemeinsam: Ein Benefizkonzert soll zumindest für ein bißchen Abhilfe sorgen, in vielen Gottesdiensten wird um Regen gebetet. Ob das reicht, muß bezweifelt werden, ein Fachmann hatte vor kurzem gar von einer „Jahrtausenddürre“ gesprochen, obwohl sich mit Sicherheit nur sagen läßt, daß es seit Beginn der europäischen Besiedlung vor knapp 220 Jahren noch nie so lange so trocken war. Aber längst ist die unheimliche Dürre auf dem nach der Antarktis ohnehin zweittrockensten Kontinent der Erde nicht nur auf dem Land von Bedeutung. Den großen Städten, die alle an der Küste liegen, geht das Trinkwasser aus. Seit Jahren werden die restriktiven Vorschriften für den Wasserverbrauch immer strenger. Die Preise für Lebensmittel sind stark gestiegen. Die blühende australische Wirtschaft muß einen Rückschlag hinnehmen, weil die Landwirtschaftsexporte wie zum Beispiel Weizen einbrechen werden.

          Globale Erwärmung wurde belächelt

          Mittlerweile wird sogar zum ersten Mal ernsthaft darüber diskutiert, ob die gegenwärtig betriebene Art der Landwirtschaft in Australien überhaupt sinnvoll ist und eine Zukunft hat. Müßten ausgerechnet im trockenen Australien Reis und Baumwolle angebaut werden, fragen Fachleute. Das verschlinge gewaltige Mengen Wasser. Lange hat sich die konservative Regierung geweigert, überhaupt auf die Schwierigkeiten einzugehen, zudem als einziges entwickeltes westliches Land neben den Vereinigten Staaten die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls verweigert und die globale Erwärmung als Phantasterei grüner Wissenschaftler abgetan.

          Jetzt ist sie aufgeschreckt. Sie unterstützt nicht nur die notleidenden Farmer - sie sind schließlich auch Wähler - mit gewaltigen Summen, sie versucht auch, Veränderungen einzuleiten, die auf lange Sicht Abhilfe schaffen. Vom Handel mit Wasser ist da die Rede, vom größten Solarkraftwerk der Welt und grandiosen Plänen, die schädlichen Kohlenwasserstoffe unter der Erdoberfläche endzulagern.

          Frauen zieht es in die Städte

          All das nützt aber erst einmal weder Pat Kennedy noch all den anderen Bauern. Sie krallen sich verzweifelt an ihre Farmen, die seit Generationen im Familienbesitz sind. Viele Familien haben sich mittlerweile aufgespalten, die Frauen leben in der Stadt, um zusätzliches Einkommen zu schaffen. In nicht wenigen Fällen führt das zur Entfremdung der Eheleute und zur Scheidung - ein Grund mehr für die hohe Zahl depressiver Männer auf dem Land.

          Viele junge Bauern finden gar nicht erst eine Partnerin, weil die Frauen vom Land lieber in der Stadt wohnen und die Frauen aus der Stadt überrascht feststellen, daß es auf dem Lande keineswegs so romantisch zugeht wie in den so beliebten Seifenopern im Fernsehen, von denen viele im „Outback“ spielen. Viele Bauern können die Schande, die Farm ihrer Vorfahren aufgeben zu müssen, nicht ertragen. „Zwei Jahre Dürre sind okay“, sagt Pat Kennedy, „aber fünf Jahre machen dich fertig.“

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