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Die „Fliege-Essenz“ : Beim zweiten Sprühstoß Liebe

  • -Aktualisiert am

„Ein bisschen sauer. Aber nicht ekelhaft” Bild: F.A.Z. - Hannes Jung

Fernseh-Fliege segnet ein Gebräu, nennt es „Essenz des Lebendigen“ und vertickt es für 39,90 Euro. Es „schenkt unserer Seele ordnende Informationen“, lesen wir. Doch wirkt das Wundermittel? Wir haben das Wässerchen getestet.

          Die Fliege Essenz ist zum Essen da. Das gleich zu Anfang, damit es da keine Missverständnisse gibt. Das geweihte Wasser ist kein Raumspray und auch kein Hautspray. Man soll es "verzehren", wie es in der Packungsbeilage heißt: "Morgens und abends je 3 kräftige Sprühstöße in den Mund geben. Sprechen Sie vor der ersten Gabe das Wort ,Glaube', zum zweiten Sprühstoß ,Liebe' und zum dritten ,Zuversicht' aus. Bei Bedarf wiederholen."

          Der Zügellose wird nun voller Tatendrang sofort losbrabbeln und lossprühen, der Vorsichtige sich lieber noch einmal durchlesen, was auf der Flasche selbst steht. "3-mal täglich vor dem Essen 4 kräftige Sprühstöße in den Mund geben", liest er da, und fragt sich, ob er sich die ganze Nummer nun zwei- oder dreimal am Tag geben soll, und welches Wort er, Himmelarschundzwirn, bloß beim vierten Sprühstoß murmeln könnte. Egal. "Herr Fliege gefährdet mit solchen Empfehlungen die Gesundheit anderer Menschen", sagt Ursula Caberta, Sektenexpertin in Hamburg und gerade mit ihrem neuen Buch "Schwarzbuch Esoterik" in aller Munde, über Jürgen Fliege und seine Essenz, und schon vor dem ersten Verzehr ahnt man, was sie damit meint.

          Das „Wasser des Glaubens“

          Sonst konnte man sich auf den Fernseh-Pfarrer Fliege immer ganz gut verlassen. Er ist ja eher so der vertrauenerweckende Typ mit weicher Stimme und anerkennendem Nicken. Einer für die einfachen Leute und die einfachen Probleme. Auf dem Fläschchen Fliege Essenz, das er für 39,90 Euro plus 5,95 Versandkosten im Internet vertreibt, steht er lächelnd im Grünen, alles scheint gesund und natürlich.

          Glaube, Liebe und Zuversicht: Das verspricht die „Fliege-Essenz”

          Aber mit der Einfachheit hat es sich nun. In der Packungsbeilage des "Wasser des Glaubens", über dem er gebetet hat "wie über Weihwasser", erklärt der Pfarrer Fliege: Die Fliege Essenz "schenkt unserer Seele ordnende Informationen, die unseren Geist und Körper immer wieder neu auferstehen lassen. Wir Menschen bestehen aus Körper, Geist und Seele. Modern ausgedrückt aus Materie, Energie und Information. Da stellt sich die Frage, wie intensiv Informationen wirken, wenn man eine lebendige Essenz hat, die besonders auf Körper und Seele wirkt." Ja, Herr Fliege, diese Frage, und nicht nur die, stellt sich tatsächlich.

          Der große Test

          Also sind wir mit dem Fläschchen, alle Obst-und-Gemüse-Inhaltsstoffe sind selbstverständlich bio, freitagabends in eine gemütliche Frankfurter Kneipe gegangen und haben das Wässerchen ausprobiert:

          Anna und Sven

          Sven: Der Fliege, das ist doch dieser Typ, der immer anderen Menschen erzählt, wie sie zu leben haben. Total amerikanisch. Das ist einer, der den Glauben vertreten will, aber in Wirklichkeit nur seinen Geldbeutel vertritt. Ich finde das gefährlich. Er sollte etwas vorleben, aber, was er vorlebt, ist der Verkauf.

          Anna: Gib mal her, ich probiere das mal aus.

          Sven: Nee, ich nicht. Ich bin aus Bayern, bei uns hätte das schon wegen des Reinheitsgebots keine Chance.

          Anna (sprüht): Schmeckt künstlich. Also, ich bin jetzt nicht erleuchtet oder geheilt. Aber ich bin auch hundertprozentig gesund.

          Dirk, Tanja und Melanie

          Dirk: Fliege? Das ist doch dieser schmierige Fernsehpfarrer, der Leute abzockt auf irgendwelche dubiose Touren.

          Melanie: Ach ja, diese Essenz kenne ich, die habe ich mal in irgendeiner Zeitung gesehen.

          Dirk: Die probiere ich nicht aus. Nie würde ich das machen. Ich sprüh mir doch nicht irgendwas in den Mund, von dem ich nicht weiß, was es ist. Ich habe mir jetzt gerade einen schönen Whisky Sour bestellt, da weiß ich, was ich habe.

          Melanie: Also, ich glaube, wenn ich jetzt gerade ein Problem hätte, und der Fliege würde sagen, diese Essenz hilft genau dagegen, dann würde ich das auch ausprobieren. Ich schmeiß mir ja auch Globulis rein und weiß nicht, wie die wirken. Und die helfen auch.

          Dirk: Ich glaube, wir sind gar nicht die Zielgruppe. Das sind ältere Herrschaften, die ihn kennen und ihm vertrauen. Der hat doch einen Haufen Leute, die ihm alles glauben, seine Opfer. Der ist unter einem seriösen Deckmantel in der ARD aufgetreten, die vertrauen ihm. Das ist ein übles Business.

          Melanie: Ich habe letztens im Fernsehen gesehen, da gibt es jetzt auch ein Pulver, wenn man sich das über das Essen streut, dann isst man automatisch weniger. Es kostet 60 Euro und ich war kurz davor, es mir zu bestellen (lacht). Aber der Fliege hier, nee, bei den Sprüchen nicht. Ich glaube nicht, dass man Wasser weihen kann, das ist mir zu spirituell.

          Dirk: Ich würde sagen, Frauen sind für so etwas generell anfälliger als Männer. Es ist aber vor allem gefährlich für den nicht gefestigten Charakter, weil man sich damit in die Pleite jubeln kann.

          Tanja: Der Fliege spielt mit dem Gottvertrauen der Leute. Also gut, gib mal her, ich probiere es aus (sprüht). Ein bisschen sauer. Aber nicht ekelhaft.

          Melanie (sprüht auch): Ich kann eigentlich nicht sagen, wie es schmeckt.

          Dirk: "Passen Sie gut auf sich auf", steht hier auf der Packungsbeilage. Den Spruch hat er doch auch immer in der Sendung gemacht. Der nutzt die alten Claims, um sein Produkt an den Mann zu bringen.

          Kerstin und Peter

          Kerstin: Meine Eltern lieben den Fliege, meine Tante auch. Zeig mal her, die Flasche. "Glaube, Liebe, Zuversicht." Oh je - ist das Volksverarschung? Also, ich habe da gleich eine esoterische Assoziation. Aber das passt eigentlich gar nicht zum Fliege, weil er wie so ein greifbarer und bodenständiger Typ wirkt. Aber das hier ist ja ganz offensichtlich Hokuspokus.

          Peter: Die Packung ist zu groß. Damit kannste auf Kaffeefahrten gehen.

          Kerstin: Die Leute, die den Fliege toll finden, das ist so die Generation 70+, die haben generell wenig Geld, und das ist schäbig, von denen 40 Euro dafür zu verlangen. Wenn er den gesamten Gewinn jetzt spenden würde an ein Projekt, an Leute, die es benötigen, dann wäre es für mich ok.

          Peter: Ich probiere das nicht aus. Ich sehe das, und das ist Schrott. Der Arzt sagt mir, was hilft. Und das ist alles mit Tests bewiesen, dass es auch hilft.

          Kerstin: Das Esoterische ist mir eigentlich nicht fremd, ich nutze es als Krücke. Die Welt ist unsicherer geworden, die Religion, die Bibel greifen nicht mehr. Aber das hier probiere ich auch nicht. Ich habe den Eindruck, dass hier die Schwäche von Leuten ausgenutzt wird, weil sie ungebildet sind oder alt. Es richtet sich an Menschen, die ein Defizit an Glaube, Liebe und Hoffnung haben, also vielleicht auch verzweifelt sind. Also ich unterstelle dem Fliege: Entweder er glaubt selbst nicht daran, dann ist er ein Scharlatan. Oder er glaubt dran, dann ist er eine noch größere Flasche als ich schon vermutet habe.

          Peter: Das ist alles ganz suggestiv aufgezogen. Er verspricht auf der Packungsbeilage nichts, also muss er auch nichts einhalten.

          Kerstin: Das ist nicht transparent. Es wird aber unterstellt, dass es hilft. Und dass er da vorne drauf auch noch abgebildet ist! Wenn das Ganze Zitronen-Dattel-Feigen-Essenz hieße, wäre es ja ok, aber so. Der Fliege hat sich mit der Theologie und der ARD über Jahre eine Seriosität aufgebaut und nutzt die jetzt, das ärgert mich.

          Lina und Pia

          Lina: Fliege? Den kenn ich nicht.

          Pia: Ach ja doch, der aus dem Fernsehen. Was ist das für eine Essenz?

          Lina: Das kann ich für meine Stiefmutter bestellen, die steht auf das ganze Esoterische.

          Pia: Ok, ich probier das mal aus. (macht alles genau nach Anleitung, spricht laut "Glaube, Liebe, Zuversicht", sprüht, verzieht das Gesicht) Uh, das ist ekelhaft.

          Lina: Los, jetzt noch drei hinterher, damit es besser wirkt. Steht doch hier.

          Pia (sprüht noch 3-mal): Schmeckt irgendwie nach Ginseng. Ach ja, jetzt geht's mir gleich viel besser (lacht).

          Lina: Gib mir auch mal (sprüht). Schmeckt ein bisschen wie diese Limonade mit Cranberries oder Quitte. Kaufen würde ich mir das nie, das ist Geldmacherei. Und ich glaube, man kann davon psychisch abhängig werden, weil man glaubt, dass man es jeden Tag braucht.

          Pia: Es gibt doch in den Reformhäusern auch jede Menge Bio-Produkte, die man schlucken soll, das ist alles Mist. Wenn ich krank bin, dann gehe ich zum Arzt. Und wenn ich einen an der Waffel habe, dann gehe ich zum Psychologen. Gib mir auch noch mal einen Sprühstoß, Lina. Willste auch noch einen?

          Lina: Ach ja, gib mir noch einen.

          Pia: Guck mal, wir haben uns jetzt was in den Mund gesprayt, und wissen eigentlich gar nicht, was es ist. Wenn es wenigstens süß wäre, dann würde es wenigstens mein Leben versüßen. Aber es schmeckt ja schon eher bescheiden.

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