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Die „Fliege-Essenz“ : Beim zweiten Sprühstoß Liebe

  • -Aktualisiert am

Melanie: Ich habe letztens im Fernsehen gesehen, da gibt es jetzt auch ein Pulver, wenn man sich das über das Essen streut, dann isst man automatisch weniger. Es kostet 60 Euro und ich war kurz davor, es mir zu bestellen (lacht). Aber der Fliege hier, nee, bei den Sprüchen nicht. Ich glaube nicht, dass man Wasser weihen kann, das ist mir zu spirituell.

Dirk: Ich würde sagen, Frauen sind für so etwas generell anfälliger als Männer. Es ist aber vor allem gefährlich für den nicht gefestigten Charakter, weil man sich damit in die Pleite jubeln kann.

Tanja: Der Fliege spielt mit dem Gottvertrauen der Leute. Also gut, gib mal her, ich probiere es aus (sprüht). Ein bisschen sauer. Aber nicht ekelhaft.

Melanie (sprüht auch): Ich kann eigentlich nicht sagen, wie es schmeckt.

Dirk: "Passen Sie gut auf sich auf", steht hier auf der Packungsbeilage. Den Spruch hat er doch auch immer in der Sendung gemacht. Der nutzt die alten Claims, um sein Produkt an den Mann zu bringen.

Kerstin und Peter

Kerstin: Meine Eltern lieben den Fliege, meine Tante auch. Zeig mal her, die Flasche. "Glaube, Liebe, Zuversicht." Oh je - ist das Volksverarschung? Also, ich habe da gleich eine esoterische Assoziation. Aber das passt eigentlich gar nicht zum Fliege, weil er wie so ein greifbarer und bodenständiger Typ wirkt. Aber das hier ist ja ganz offensichtlich Hokuspokus.

Peter: Die Packung ist zu groß. Damit kannste auf Kaffeefahrten gehen.

Kerstin: Die Leute, die den Fliege toll finden, das ist so die Generation 70+, die haben generell wenig Geld, und das ist schäbig, von denen 40 Euro dafür zu verlangen. Wenn er den gesamten Gewinn jetzt spenden würde an ein Projekt, an Leute, die es benötigen, dann wäre es für mich ok.

Peter: Ich probiere das nicht aus. Ich sehe das, und das ist Schrott. Der Arzt sagt mir, was hilft. Und das ist alles mit Tests bewiesen, dass es auch hilft.

Kerstin: Das Esoterische ist mir eigentlich nicht fremd, ich nutze es als Krücke. Die Welt ist unsicherer geworden, die Religion, die Bibel greifen nicht mehr. Aber das hier probiere ich auch nicht. Ich habe den Eindruck, dass hier die Schwäche von Leuten ausgenutzt wird, weil sie ungebildet sind oder alt. Es richtet sich an Menschen, die ein Defizit an Glaube, Liebe und Hoffnung haben, also vielleicht auch verzweifelt sind. Also ich unterstelle dem Fliege: Entweder er glaubt selbst nicht daran, dann ist er ein Scharlatan. Oder er glaubt dran, dann ist er eine noch größere Flasche als ich schon vermutet habe.

Peter: Das ist alles ganz suggestiv aufgezogen. Er verspricht auf der Packungsbeilage nichts, also muss er auch nichts einhalten.

Kerstin: Das ist nicht transparent. Es wird aber unterstellt, dass es hilft. Und dass er da vorne drauf auch noch abgebildet ist! Wenn das Ganze Zitronen-Dattel-Feigen-Essenz hieße, wäre es ja ok, aber so. Der Fliege hat sich mit der Theologie und der ARD über Jahre eine Seriosität aufgebaut und nutzt die jetzt, das ärgert mich.

Lina und Pia

Lina: Fliege? Den kenn ich nicht.

Pia: Ach ja doch, der aus dem Fernsehen. Was ist das für eine Essenz?

Lina: Das kann ich für meine Stiefmutter bestellen, die steht auf das ganze Esoterische.

Pia: Ok, ich probier das mal aus. (macht alles genau nach Anleitung, spricht laut "Glaube, Liebe, Zuversicht", sprüht, verzieht das Gesicht) Uh, das ist ekelhaft.

Lina: Los, jetzt noch drei hinterher, damit es besser wirkt. Steht doch hier.

Pia (sprüht noch 3-mal): Schmeckt irgendwie nach Ginseng. Ach ja, jetzt geht's mir gleich viel besser (lacht).

Lina: Gib mir auch mal (sprüht). Schmeckt ein bisschen wie diese Limonade mit Cranberries oder Quitte. Kaufen würde ich mir das nie, das ist Geldmacherei. Und ich glaube, man kann davon psychisch abhängig werden, weil man glaubt, dass man es jeden Tag braucht.

Pia: Es gibt doch in den Reformhäusern auch jede Menge Bio-Produkte, die man schlucken soll, das ist alles Mist. Wenn ich krank bin, dann gehe ich zum Arzt. Und wenn ich einen an der Waffel habe, dann gehe ich zum Psychologen. Gib mir auch noch mal einen Sprühstoß, Lina. Willste auch noch einen?

Lina: Ach ja, gib mir noch einen.

Pia: Guck mal, wir haben uns jetzt was in den Mund gesprayt, und wissen eigentlich gar nicht, was es ist. Wenn es wenigstens süß wäre, dann würde es wenigstens mein Leben versüßen. Aber es schmeckt ja schon eher bescheiden.

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