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Der Jahrhundertwinter : Vor 30 Jahren kam der Blizzard über den Norden

Selbst für den Schneepflug gab es kein Durchkommen mehr Bild: ddp

Eine Polarfront zog 1979 mit heftigen Schneestürmen über Norddeutschland hinweg und verwandelte es in ein zweites Sibirien: Ganze Häuser verschwanden im Schnee, Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten. Die Geschichte eines Jahrhundertwinters.

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          Der Winter kam am 28. Dezember. Über Skandinavien lag ein Hochdruckgebiet mit Temperaturen um minus 15 Grad. Über dem Englischen Kanal stand ein Tiefdruckgebiet. Dort war es zwölf Grad warm. Beide Gebiete rührten sich nicht vom Fleck und versuchten sich auszugleichen. Die Folge war, dass eine Polarfront angesaugt wurde und von Nordost über Norddeutschland hinwegfuhr. Es war ein Wetterphänomen, das man eigentlich nur aus Amerika kennt und das dort Blizzard heißt. Weihnachten 1978 waren es in Norddeutschland noch milde sechs Grad gewesen, das übliche Schmuddelwetter. Dann aber fiel die Temperatur beinahe schlagartig, begann der Sturm, folgte der Schnee.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Geburt auf dem Transport

          In Schleswig-Holstein schneite es fast fünfzig Stunden lang ununterbrochen. Die Schneeverwehungen waren meterhoch. Ganze Häuser verschwanden im Weiß. Etwa achtzig Ortschaften waren von der Außenwelt abgeschnitten. Eisenbahnzüge blieben im Schnee stecken und blockierten die Strecken.

          Der Schnee schmolz nur langsam: Noch im März prägten hohe Schneewehen die Landschaft
          Der Schnee schmolz nur langsam: Noch im März prägten hohe Schneewehen die Landschaft : Bild: ddp

          Auf den Autobahnen, besonders auf der A 7 von Hamburg nach Dänemark und der A 13 von Berlin nach Rostock, mussten die Menschen aus ihren eingeschneiten Autos gerettet werden. Strommasten knickten um, die Energieversorgung brach zusammen. An der Küste drohte Hochwasser. Die nördlichen Landkreise in Schleswig-Holstein wurden zum Katastrophengebiet erklärt. Dort galt für den privaten Verkehr ein absolutes Fahrverbot. Etwa dreißig Personen kamen damals ums Leben.

          Im Westen schlug die Stunde der Bundeswehr, die sich mit Panzern durch den Schnee kämpfte. Fallschirmjäger auf Ski brachten Lebensmittel an entlegene Orte. Hubschrauber kamen zum Einsatz. Bekannt wurden damals die „Heli-Babys“, im Hubschrauber geborene Kinder. Manches Kind kam auch im Auto auf die Welt, so das erste „Schneebaby“ Julia Dikun, auf dessen Geburtsurkunde als Geburtsort angegeben ist: „Auf dem Transport von Torsballig nach Flensburg in Satrup“. Die Amateurfunker waren auf einmal gefragte Leute, weil die Funksysteme von Bundeswehr und Polizei verschlüsselt waren, so dass nicht jeder mit jedem sprechen konnte.

          Gefangen auf Sylt

          Vergleichsweise harmlos hingegen war, dass viele ihre Ferienorte nicht mehr verlassen konnten. Hans-Ulrich Klose, damals Hamburgs Bürgermeister, kam von der Insel Sylt nicht herunter und verpasste den Neujahrsempfang im Rathaus. Gerhard Stoltenberg, damals Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, wollte sich aus der Luft einen Überblick über die Lage verschaffen. Sein Hubschrauber musste jedoch wegen des Schneesturms notlanden. Wer noch ein mit Batterie betriebenes Radio hatte, bekam per Funk Überlebenshinweise. Man solle in Bewegung bleiben, und es wurde einem erklärt, wie eine provisorische Kochstelle errichtet wird.

          Schlimmer als Schleswig-Holstein traf es den Norden der DDR, der in sibirischen Verhältnissen versank. Der Winter ging in die DDR-Geschichte ein, vor allem der Überlebenskampf auf Rügen, denn die Insel hatte es am schlimmsten getroffen. Nach einigen Tagen normalisierte sich das Leben.

          Allerdings nur bis Mitte Februar, als eine fast gleiche Wetterlage abermals zu einem Wintereinbruch führte. „Waagerecht peitschen die Schneewolken über das Land“ – so schrieb damals diese Zeitung. In Schleswig-Holstein war man diesmal besser vorbereitet und wollte nicht einmal von einer Katastrophe reden, sondern nur von einem schweren Unwetter.

          Katastrophales Theater

          Eines der Hauptprobleme wurde der Schiffsverkehr. Selbst den leistungsstärksten Eisbrechern gelang es kaum, den Nord-Ostsee-Kanal freizuhalten, wo mehrere Schiffe festgefroren lagen. Ungleich schlimmer war es wieder in der DDR. Die Braunkohle in den Tagebauen in der Lausitz fror fest, die Kraftwerke konnten nicht mehr beliefert werden. So musste das noch nicht einmal fertig gebaute Kernkraftwerk in Lubmin bei Greifswald volle Leistung fahren.

          Berühmt damals wurde die Schicht C, die volle zwei Tage im eingeschneiten Kraftwerk ausharren musste. Einige Leute aus der Ablösung, der Schicht D, gerieten damals in Lebensgefahr, als sie versuchten, zu den Eingeschlossenen zu gelangen.

          Das Greifswalder Theater hat der Katastrophe von damals gerade ein Theaterstück gewidmet. Es war ein Jahrhundertwinter. Die Wetterfachleute sagen, so schnell wäre das heute nicht mehr möglich, vor allem weil die Temperaturen über Skandinavien nicht mehr so stark sinken würden.

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