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DDT in Uganda : Der giftige Unterschied

Ratlose Biobäuerin:Weil in ihrer Hütte das Pestizid DDT versprüht worden ist, kann die Uganderin Paska Ayo ihre Ernte nicht mehr an Biofirmen verkaufen. Bild: Biovision

Uganda kämpft mit dem Pestizid DDT gegen Malariamücken. Die Biobauern des Landes werden ihre Produkte nicht mehr los. Denn Spuren von Insektiziden in europäischen Reformprodukten - das wäre unvorstellbar.

          5 Min.

          Wo Alex Fokkens wohnt, sehen die Bauernhütten von Ferne aus wie große hellbraune Pilze, die aus einem fruchtbaren Boden schießen. Ausläufer des Weißen Nils ziehen sich hier, im Norden Ugandas, durch sumpfiges Gebiet. Die britischen Kolonialherren, verschiedene Diktatoren und der derzeit herrschende Machthaber vernachlässigten es trotzdem. Selbst die Rebellen der „Widerstandsgruppe des Herrn“, die bis 2008 wüteten, zogen weiter. Immer noch da aber ist der größte Meuchelmörder im Land. Er ist winzig und heißt „Anopheles gambiae“. Die Stechmücke fühlt sich im Sumpf besonders wohl. Sie überträgt Malaria, eine Krankheit, an der wahrscheinlich mehr Afrikaner sterben als an Aids. Darauf machte auch der Weltmalariatag am Montag aufmerksam. Aber Alex Fokkens kann keine Rücksicht nehmen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Der Holländer hat vielen ugandischen Bauern ein bescheidenes Auskommen mit seiner Biofirma verschafft. Er blieb auch während des Bürgerkriegs und kaufte ihnen naturreine Baumwolle und Sesam ab. Die Bedingung war, dass sie ihre Ware ohne Pestizide produzierten. Für die haben die Kleinbauern ohnehin oft kein Geld. Rein biologischer Anbau ist entweder Zeichen von größter Armut oder von größtem Wohlstand: Beides ist kompromisslos. Wie kompromisslos, das erleben die Bauern zurzeit. Seit drei Jahren lässt Ugandas Regierung die Hütten mit der Chemikalie DDT und anderen Insektenvernichtungsmitteln besprühen. Setzen sich Malariamücken auf eine mit DDT besprühte Hauswand, sterben sie sofort. Seit dieser Zeit kauft Fokkens betroffenen Bauern keine Ware mehr ab. Ihre Felder bleiben von Insektenvernichtungsmitteln zwar unangetastet. Aber die Bauern lagern ihre Ernte in den Hütten. Es könnte also passieren, dass jemand seine Hand an der Wand reibt und anschließend in den geernteten Sesam greift.

          Keine andere Wahl, als kompromisslos zu sein

          Der Agrarwissenschaftler Fokkens zog nach dem Studium an der Universität von Groningen nach Afrika, zunächst in ein Hilfsprojekt, bis er 2001 Produktmanager bei „Shares!“ wurde – einer holländischen Fair-Trade-Firma, die faire Preise zahlt und Kinderarbeit ablehnt. Heute ist Fokkens 38 Jahre alt und wohnt in Lira, 120 Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt.

          Fokkens sagt, er habe keine andere Wahl, als kompromisslos zu sein: „Spurenelemente von Insektiziden in einem Sesamriegel aus dem Reformhaus – das kann sich niemand erlauben.“ Egal, ob die Mittel nun der Gesundheit schadeten oder nicht. Weil Fokkens’ Firma den Bauern 20 Prozent über dem Marktpreis für Baumwolle oder Sesam zahlte, entstand ein kleines Exportgeschäft, wo vorher Krieg und Elend herrschten. Verschiedene europäische Öko-Unternehmen vergaben ihre Gütesiegel an „Shares!“, und gaben Fokkens’ den Weg in die Bioläden Westeuropas frei.

          „Jeder von uns hatte hier schon Malaria“

          „Shares!“ hatte Verträge mit den Dorfgemeinschaften geschlossen, damit diese sich gegenseitig kontrollierten und etwa den Einsatz von DDT verhinderten. Eines dieser Dörfer heißt Barlyec, liegt im Distrikt Oyam und hat 350 Einwohner. Die Witwe Paska Ayo ist eine von ihnen. Ihr fallen die Namen von neun Kindern aus dem Dorf ein, die im vergangenen Jahr an Malaria gestorben sind. In den vergangenen zwei Monaten seien es zwei gewesen. „Jeder von uns hatte hier schon Malaria“, sagt Ayo. Umgerechnet 1,50 Euro kostet eine Dosis Chloroquin, das Gegenmittel – viel Geld für jemanden, der nicht viel mehr am Tag verdient.

          Als 2008 die staatlichen DDT-Sprüher nach Barlyec kamen, besprühten sie auch Ayos Haus mit dem Pestizid. Jeder Familie gaben sie ein Moskitonetz dazu. Zwei Stunden habe sie ihr Haus nicht betreten dürfen, sagt Ayo. „Danach roch es nach gar nichts mehr.“ Sie habe sich nicht viel dabei gedacht. Krank ist auch niemand geworden. Aber auf einmal konnte sie ihre Produkte nicht mehr verkaufen. „Alles, was wir ernten, verstauen wir im Haus, das mochte ,Shares!‘ nicht“, sagt sie. „Wir haben unseren Markt verloren, deshalb lehnen wir DDT ab.“

          Ein angekratztes Image reicht schon

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