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Containerer : In den Mülleimern des Kapitalismus

Hauke wühlt nachts in Abfalltonnen, um nach Lebensmitteln zu suchen Bild: Jesco Denzel

Höhlenlampe, Körbe, Handschuhe: los geht's! Um kurz nach zehn Uhr, wenn Bad Oldesloe schläft, gehen die Containerer um - und suchen Lebensmittel im Müll.

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          Ausgerechnet Butter zieht Hauke aus dem Müllcontainer des Famila-Supermarktes. „Das ist doch hochsymbolisch in Zeiten der Finanzkrise!“ Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht überschritten, die Verpackung einwandfrei. Trotzdem liegt sie im Abfall. „Wahrscheinlich haben sie keinen Platz mehr gehabt, die einzusortieren“, vermutet der 24 Jahre alte Aktivist. Ein bis zweimal die Woche wühlt Hauke im Müll. Nicht, weil er muss, sondern aus Überzeugung. Zehn Pakete Kräuterbutter liegen schon mal in seinem Korb.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Hauke stammt aus einer Bauernfamilie. Für ihn stehen Lebensmittel noch in unmittelbarem Bezug zum Produzieren und Ernten. Ein bis zwei Mal in der Woche zieht er mit seinen Mitstreitern los, um zu „containern“, wie sie es nennen. Das Ziel: sich vollständig aus dem Müll von Supermärkten, Warenhäusern oder Baumärkten zu versorgen.

          Hauke möchte alternativ leben

          Bad Oldesloe ist kein sozialer Brennpunkt, hier herrscht kein Großstadtelend. „Die Metropolenkiddies“, sagt Hauke, mit denen möchte er sich nicht identifizieren. Um wohlfeilen Protest geht es ihm nicht. Er möchte alternativ leben, er möchte sich aus dem Kapitalismus ausklinken, so weit es geht. Geld benötigt er kaum. 100 bis 150 Euro verdiene er im Monat durch Referententätigkeit auf linken Veranstaltungen. „Das reicht dicke.“ Hartz IV bekommt er nicht. „Das wäre auch viel zu anstrengend, es zu beantragen.“ Ein Jahr lang hat er mal bei Greenpeace gearbeitet.

          Gesucht wird in den Abfalltonnen von Supermärkten

          Bad Oldesloe ist eine Schlafstadt für Menschen, die im 50 Kilometer entfernten Hamburg arbeiten. FDP und Grüne haben hier 15 Prozent, die Linke ist nicht vertreten. Ideal, um in Ruhe gelassen zu werden. Aus dem Ruhrpott, aus Berlin, aus Hannover sind sie nach Bad Oldesloe gezogen. Kennengelernt haben sich die Mitglieder der Wohngemeinschaft bei gemeinsamen Aktionen wie etwa dem Protest gegen den G8-Gipfel.

          Bad Oldesloe zieht die Gardinen zu

          Sie gehen systematisch vor. Heute ist der äußere Ring von Bad Oldesloe dran. Das Industriegebiet und die drei großen Supermärkte Lidl, Aldi und Famila. So zwischen acht und 26 Menschen leben in der Kommune, sagt Hauke. Meist gehen sie in einer größeren Gruppe los. Heute bleiben schlussendlich zwei dabei. Die Presse ist bei den meisten unerwünscht.

          Eine Höhlenlampe um die Schirmmütze, Handschuhe mit der Aufschrift der örtlichen Sparkasse, Lebensmittelkörbe und ein Fahrrad mit großem Anhänger - Hauke ist ausgerüstet. Um kurz nach zehn Uhr geht es los. Die Kunden sind längst gegangen und die Angestellten im Feierabend. Bad Oldesloe zieht die Gardinen zu und schaut fern.

          Nach zehn Minuten ist der erste Korb voll

          Die erste Station ist der Lidl-Supermarkt in einer gottverlassenen Gegend in der Nähe einer Schnellstraße. Vier große Container und drei kleine Mülltonnen stehen am Ende der Verladerampe. Ein Bewegungsmelder springt an. Neonlicht erhellt den tristen Hinterhof. Geübt wiegt Hauke diverse Paprika, Avocados und eine Melone in der Hand hin und her. Eine Mitstreiterin hält ihre Taschenlampe in den Container. Einiges wird zurückgeworfen, vieles wandert in den Plastikkorb im Fahrradanhänger.

          Nach kaum zehn Minuten ist der erste Korb voll. Das Gemüse im Korb sieht aus wie gerade eingekauft. „Es ist doch so“, erklärt Hauke, „nur weil auf irgendwelchen Plantagen Arbeiter ausgebeutet werden, lohnt es sich, das hier wegzuschmeißen.“ Manchmal, sagt Hauke, gehen sie auch in Supermärkte und zeigen alten Frauen, die mutmaßlich schon zu Kriegszeiten gelebt haben, Kohlköpfe, die sie im Abfall gefunden haben. „Da geht manch eine Frau zum Marktleiter und macht den dann zur Sau.“

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