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China : Bären leiden, weil ihre Galle als Heilmittel gilt

In Sicherheit: Die Britin Jill Robinson überwacht die Ankunft eines geretteten Bären. Bild: AFP

Sie wiegen bis zu 200 Kilogramm, leben auf zwei Quadratmetern, und täglich wird ihnen Gallenflüssigkeit abgenommen. In Chinas Bärenfarmen leiden 7000 Tiere, weil sie zur Behandlung von Fieber und Augenkrankheiten gebraucht werden.

          Auf der Stirn hat der Bär sich das Fell abgewetzt. Immer wieder reibt er die kahle Stelle an den Käfigstäben. Die Ohren sind am Rand zerfetzt, die Sohlen ausgetrocknet und eingerissen. Auch Monate nach der Befreiung aus einer Bärenfarm steht Dongfang Haiwai noch unter Stress. Über Jahre hinweg hatte sein Besitzer ihm Gallenflüssigkeit abgezapft, jeden Tag ein Gläschen, ohne Betäubung, durch ein eitriges Loch in der Bauchdecke. „Der Farmer öffnet die Wunde jedes Mal neu, wenn er über ein Rohr oder einen Schlauch Gallenflüssigkeit abnimmt“, sagt die Britin Jill Robinson, die seit zehn Jahren Bären aus solchen Farmen im Südwesten Chinas befreit - und auch Dongfang Haiwai, der nach Jahren der Quälerei röchelt, ein neues Leben geschenkt hat.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Der rot gestrichene Käfig mit Dongfang Haiwai ist einer von elf in einem schmalen Raum des Rettungszentrums, das Jill Robinson mit ihrer Organisation Animals Asia Foundation (AAF) 30 Kilometer außerhalb der Provinzhauptstadt Chengdu aufgebaut hat. Die Tierschützerin vergrößerte das Zentrum seit der Eröffnung im Jahr 2000 Schritt für Schritt, heute leben schon etwa 180 Bären dort. Als Gründerin und Vorsitzende von Animals Asia führt Jill Robinson ein Team von etwa 150 Mitarbeitern. Sie lebt seit den achtziger Jahren in Hongkong und pendelt nach Chengdu. Nirgendwo ist sie länger als zwei Wochen. „Ich bin eine Nomadin, aber ich bin glücklich“, sagt die Britin. Sie trägt einen blonden Pony, kurze Jeans und Gummistiefel, und wenn sie lächelt, zeigt sie zwei perfekte Zahnreihen.

          Bärengalle gegen Fieber und Augenkrankheiten

          Dongfang Haiwai war letztlich ein Opfer der traditionellen chinesischen Medizin. Bärengalle wird zur Behandlung von Fieber, Leberbeschwerden und Augenkrankheiten eingesetzt. Das Mittel lässt sich teuer verkaufen. Nun ist Dongfang Haiwai einer der Neuankömmlinge, die Animals Asia im Februar aus einer Bärenfarm in Dujiangyan holte, einem etwa 50 Kilometer von Chengdu entfernten Ort in der Provinz Sichuan. Einige Tiere trotten dauernd hin und her, andere sitzen regungslos auf den Hinterpfoten. Bei ihrer Ankunft waren sie unterernährt und krank, sagt Jill Robinson. Eines musste sofort eingeschläfert werden. Der Bauch war aufgebläht, die Lungen voll Wasser, die Leber dreimal größer als normal.

          Auch an diesem Tag erhält ein Tier den Gnadentod. Wie die meisten Gallenbären leidet es vermutlich an Leberkrebs. Außerdem ist es an der Wirbelsäule verletzt. Jetzt liegt es reglos auf dem Operationstisch. Aus dem Maul schaut ein Schlauch hervor, darunter schlaff die lange Zunge. Die mit schwarzen Zotteln behaarte Brust bewegt sich gleichmäßig auf und ab. Etwa 20 Mitarbeiter von Animals Asia, die meisten von ihnen Chinesen, aber auch europäische und amerikanische Freiwillige, stehen um den massigen Körper herum. Einige haben die Hände auf den Bauch des bewusstlosen Tieres gelegt. Eine Helferin nimmt eine Pranke in die Hände. Die Tierärztin setzt drei Spritzen unter das Fell, und die Atmung wird langsam flacher.

          Fast alle Tiere im Zentrum sind asiatische Kragenbären (Ursus selenarctos thibetanus), mit großen Ohren, schwerem Körper und langen, zotteligen Haaren, imposant, aber freundlich anmutend. Auf der Brust tragen sie eine gelbe Zeichnung in Form der Halbmondsichel, offen nach oben. Deshalb werden sie auch Mondbären genannt. Die Tiere sind in der Region heimisch, ihre Zahl ist aber merklich zurückgegangen. In ganz Asien soll es nur noch 25.000 Tiere geben. Auf den offiziell 68 chinesischen Bärenfarmen vegetieren etwa 7000 Tiere vor sich hin. Den meisten wird jeden Tag Galle abgezapft. In einer Ecke des Rettungszentrums sind wie ein Mahnmal die leeren Käfige aufgetürmt, in denen die Bären einst gehalten wurden. Mit verstellbaren Gittern drückten die Bärenfarmer die 100 bis 200 Kilogramm schweren Tiere auf den Käfigboden, damit sie besser an die Gallenblase herankamen.

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