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Bundesgartenschau in Gera : Blühende Landschaften

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Alles gut gegossen: Die Buga in Gera beginnt Bild: ddp

Zu Zeiten der DDR wurde auf dem Gelände der Bundesgartenschau Uranerz abgebaut. Doch inzwischen sind rund um Gera und Ronneburg wahrhaft blühende Landschaften entstanden. An diesem Freitag beginnt dort die Bundesgartenschau.

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          Jede Bundesgartenschau ist eine Leistungsschau. So ist es auch dieses Mal in Gera und wenige Kilometer östlich in Ronneburg: 920.000 Kubikmeter Erdmassen wurden bewegt, etwa 1600 Bäume gepflanzt und 4960 „Gehölze zur Aufforstung“, 110.000 Stauden wurden gesetzt und 283.500 Blumenzwiebeln gesteckt. Doch eine Gartenschau ist längst mehr als eine Blümchenolympiade. Schon die ersten Bundesgartenschauen 1951 (Hannover), 1953 (Hamburg) und 1955 (Kassel) standen für den Aufbruch aus dem Zusammenbruch: Zehn Jahre nach der Vernichtung war aus einer Trümmerschutthalde an der Kasseler Karlsause der Rosenhang geworden. Arnold Bode inszenierte seine Documenta als Beiprogramm zur Gartenschau. Heute ist die Gartenschau von 1955 in Kassel eine Reminiszenz, aber die Documenta, das Museum der 100 Tage, öffnet in diesem Juni zum zwölften Mal und blüht prächtig in der Kunstlandschaft.

          Die Bundesgartenschau des Jahres 2007 korrespondiert mit jenen der fünfziger Jahre. Während zum Beispiel die Kasseler Schau den Beginn der Nachkriegsblüte im Westen markierte, soll jene in Gera und Ronneburg den Schlussstein der Nachkriegszeit in einer ostdeutschen Region setzen, die ein Opfer des Kalten Krieges war. Gera und Ronneburg waren Zentren des Uranbergbaus. Mit dem Rohstoff aus dem östlichen Thüringen und dem südwestlichen Sachsen begann die Sowjetunion nach Kriegsende ihre atomare Aufrüstung. Die einst bäuerliche Region wurde vom 19. Jahrhundert an industriell überformt, über Jahrzehnte ausgebeutet und gesellschaftlich deformiert. Die Gegend um Gera, gezeichnet von strukturellen Verwerfungen, wurde mit der Freiheit beschenkt - und von ihr überfordert.

          Tarnname „Wismut“

          Schon im Frühjahr 1945 nahmen die Russen die Erkundung auf. Es entstand eine sowjetische Aktiengesellschaft unter dem Tarnnamen „Wismut“ - so blieb die eigentliche Tätigkeit des Unternehmens unerwähnt. Von 1954 an war die Wismut eine Sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft. Sie verhalf der Region östlich von Gera und der wiedervereinigten Nation zu einem Superlativ: Nach Amerika und Kanada war Deutschland der drittgrößte Uranproduzent des Planeten. 231.000 Tonnen Uran holten die Kumpel aus der Erde. Zunächst wurden die Arbeiter zwangsverpflichtet, dann aus der ganzen DDR angeworben. Die Arbeit war begehrt, denn Bezahlung und Versorgung waren gut. Die Wartezeiten für Autos und Farbfernsehgeräte waren kürzer als für andere Werktätige. Für Wismut-Kumpel gab es immer Spee, das Markenwaschmittel, sagt der Bürgermeister von Ronneburg, Manfred Böhme (CDU), und sechs bis acht Liter Schnaps im Monat. Im Volksmund hieß der Tropfen „Wismutfusel“ oder „Kumpeltod“.

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          Bundesgartenschau in Gera : Blühende Landschaften

          Der Kumpeltod war auch bittere Realität. Bevor von den siebziger Jahren an in den Bergwerken nass gebohrt wurde, war das Risiko hoch, an einer Staublunge zu erkranken. Das Strahlenrisiko blieb. Vor allem radioaktive Edelgase wie Radon führten zur „Schneeberger Krankheit“, zu Lungenkrebs. Mindestens 5000, vielleicht sogar 17.000 Bergleute starben an den Folgen der Strahlenbelastung. Die Wismut durchörterte den Grund, auf dem die Menschen lebten, bis sich die Grubenanlagen über 1500 Kilometer in bis zu 2000 Meter Tiefe erstreckten. Sie zerfurchte mit dem Tagebau den kostbaren Boden und hinterließ Absetzanlagen. Diese Schlammteiche, die Rückstände aus der Uranaufbereitung fassen, haben eine Fläche von 570 Hektar und eine Mächtigkeit von bis zu 60 Meter. Die Wismut setzte gigantische Abraumhalden, spitz wie Zipfelmützen, in die liebliche Landschaft am Übergang von der sanft gewellten Ebene südlich von Leipzig zu den Mittelgebirgen des Vogtlandes.

          Vollständig vom Bahnnetz abgeschnitten

          Vor allem aber veränderte die Wismut die Gesellschaft. Sie war ein Staat im Staate. Tausende Menschen kamen ins Uranrevier, die Plattenbausiedlungen wuchsen. Gera, die Industriestadt, nicht Jena, die bürgerliche Universitätsstadt, wurde von der SED zur Bezirkshauptstadt erhoben und ausgebaut. Heute schwindet in den Kunst-Städten die Bevölkerung schneller als andernorts, denn mit der Wende endete der Uranbergbau. Gera hatte 1989 nahezu 140.000 Einwohner, heute sind es noch gut 100.000. Das sind kaum noch mehr als in Jena, das sich als Boomtown fühlt.

          Schwerer als den Thüringern im nahen Jena oder Erfurt fällt es fast zwei Dekaden nach der Wende vor allem den „Gerschen“, Mut und Selbstvertrauen zu fassen. Die Stadt hat sich in der Verliererrolle eingerichtet. Die Erfurter nahmen sich das Landesfunkhaus; den „Goldenen Spatz“, einen Fernsehfilmwettbewerb; beanspruchten für sich die Nord-Süd-Verbindung des ICE, für die es bessere Gründe gegeben hätte, sie durch Ostthüringen zu legen. In Wikipedia stellen Ortskundige ihr Gera dar und den Superlativ im Negativen heraus: „Gera ist nach Lübeck die größte deutsche Stadt ohne elektrifizierten Bahnanschluss sowie die erste deutsche Großstadt, die vollständig vom Fernbahnnetz der Deutschen Bahn AG abgeschnitten wurde.“ Das allerdings hat sich mit dem neuen Buga-Bahnhof nun geändert.

          Gründungsstadt der Hertie-Kaufhauskette

          Dabei gab es einst auch richtige Superlative. Gera war von 1564 an Residenzstadt der Linie der jüngeren Reuß. Es hatte ein Schloss über der Aue an der Weißen Elster. In Gera gründete Oscar Tietz 1882 mit dem Geld seines Onkels Hermann ein Geschäft, aus dem sich die Kaufhauskette Hertie entwickeln sollte. Zehn Jahre später war Gera die zweite Stadt in Deutschland nach Halle, in der eine elektrische Straßenbahn fuhr. Im Krieg blieb Gera weitgehend verschont. Es waren die Sozialisten, die im Frieden das Schloss sprengten und die Innenstadt im Stil des Arbeiter-und-Bauern-Staates schleiften. Sie legten einen Zentralplatz an und bauten ein Kulturhaus. Die Veränderung gelang nachhaltig. Die PDS errang in der jüngsten Kommunalwahl mit 36,7 Prozent der Stimmen den Status der stärksten Fraktion im Stadtrat. Im Stadtbild gibt es Villen wie aus dem Bilderbuch, die vom einstigen Reichtum Geras aus der Zeit der Industrialisierung zeugen, aber es fehlt das Bürgertum.

          Das Gessental aufwärts liegt Ronneburg. Es wurde freigeräumt, die einstige Abraumhalde in den Tagebau Lichtenberg verfüllt. Das zurückgewonnene Tal ist das beste Symbol der „Buga 07“. Denn der Bergbau hatte die kleine Stadt in eine Insellage gezwungen. Im Süden war der Urantagebau, das Gessental im Westen war von der Halde verstellt, im Norden verlief die Autobahn von Gera nach Dresden. Nur Autostraßen führten nach Ronneburg, keine Geh- oder Radwege. Allein in Ronneburg arbeiteten 20.000 Werktätige bei der Wismut. Sie wurden mit Busflotten aus einem Umkreis von 80 Kilometern, sogar von der tschechischen Grenze, zur Arbeit in drei Schichten an sieben Tagen in der Woche nach Ronneburg gefahren. Die Stadt war im 17. Jahrhundert mit 7000 Einwohnern so groß wie Altenburg und Jena. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es 8500 Einwohner, in den sechziger Jahren zählte Ronneburg als Bergbaustadt 12 500, heute sind es 5500.

          „Das graue Ronneburg“

          Die Wismut hatte eigene Baubetriebe, eine eigene Handelsorganisation (HO), eigene Ferienheime auf Usedom, ein eigenes Gesundheitswesen, eine eigene Parteileitung und eine eigene Stasi. Die Wismut räumte die gewachsene Gesellschaft leer. „Das Bürgertum war weg“, sagt Bürgermeister Böhme. „Lehrer und Ärzte, Gewerbetreibende und Einzelhändler wurden nicht gebraucht.“ Das Ackerbürgerstädtchen sei Bergarbeiter- und Proletenstadt geworden. Fortan hieß es „Das graue Ronneburg“. Nach der Wende wurden Gewerbegebiete ausgewiesen. „Aber das war wohl zu zeitig“, sagt der Bürgermeister. „Die Abraumhalden ragten noch auf, und die Investoren fürchteten sich.“ Dabei hat Ronneburg einen hübschen mittelalterlichen Stadtkern, eine imposante Schlossanlage, die Erinnerung an eine eigene Autofabrik, die den Rex Simplex baute, eine Leerstandsquote von nur fünf Prozent und wieder einen freien Wanderweg durchs Gessental, der bis nach Gera führt.

          Die Wismut überstand die Wende als Staatsbetrieb in der Rechtsform der GmbH. Die Einstellung der Produktion sei damals schwergefallen, denn die Wismut sei für viele der Lebensinhalt gewesen, sagt Frank Wolf. Er ist Physiker und kam als junger Wissenschaftler zur Wismut. Heute ist er Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Wismut. Sie saniert, was sie zuvor an Schäden angerichtet hat. 1900 Bergbau- und Sanierungsspezialisten sowie 300 Lehrlingen gibt sie Arbeit. Etwa 6,5 Milliarden Euro stellte allein der Bund für die Sanierung bereit. 4,8 Milliarden sind ausgegeben.

          „Neue Landschaft Ronneburg“

          Die Wismut verfüllte die Gruben oberflächennah bis zu einer Tiefe von 100 Metern rund um Ronneburg und bis zu 30 Meter im Erzgebirge. Dann schaltete sie die Pumpen ab, die das Eindringen von Wasser ins Grubenbauwerk verhindern sollten. Die Gruben wurden geflutet. Das Flutungswasser muss noch gereinigt werden. Es ist radioaktiv und enthält Schwermetalle. Im Erzgebirge ist es mit Arsen angereichert und rund um Ronneburg mit Schwefelverbindungen. Diese Stoffe hat freilich nicht die Wismut dort eingebracht. Es sind natürliche Vorkommen. 48 Halden waren abzutragen oder zu sichern. In Ronneburg wurden die Halden in das Tagebaurestloch Lichtenberg umgelagert. 120 Millionen Kubikmeter Haldenmaterial werden dort verwahrt. Die „Neue Landschaft Ronneburg“ entstand und gab diesem Teil der Gartenschau den Namen.

          Schwierig ist die Sanierung der Absetzanlagen. Die Löcher mit dem wabbelnden Schlamm werden mit Geotextilien abgedeckt, um sie zu festigen. Dann rücken Raupen mit Bohrmaschinen an, um das Wasser abzuziehen. Nach und nach werden Schotter oder Haldenmaterial aufgebracht, um das Absetzbecken zu befestigen und weiteres Wasser wie aus einem Schwamm herauszupressen. Auch das Wasser aus den Absetzbecken ist zu reinigen. Die Rückstände werden mit Zement gebunden, bevor sie im früheren Tagebau eingebaut werden. Die Wismut beauftragte das Darmstädter Ökoinstitut, die geleistete Arbeit zu bewerten. Das Urteil der Gutachter: „Wenn Sie die Buga 2007 besuchen, ist für Sie damit kein erhöhtes Risiko verbunden. Die Strahlung auf dem Gelände ist nicht höher als in weiten Bereichen Deutschlands aufgrund des natürlichen Urangehalts in Böden.“ In Deutschland schwanke die Ortsdosisleistung zwischen 50 und 170 Nanosievert in der Stunde. Auf dem Bugagelände beträgt der Mittelwert 90 Nanosievert.

          Wo einst die Autos fuhren ...

          Mit der Bundesgartenschau begann auch in Gera die Stadtreparatur. Die Auenlandschaft entlang der Elster wird den Bürgern als Park zurückgegeben, und die Bundesstraße 2 ist verlegt worden. Wo einst die Autos fuhren, erstreckt sich nun ein Blütenkorso. Die Orangerie ist im Stadtbild wieder wahrzunehmen, der barocke Park davor als solcher wieder zu erkennen. Das Theater wurde saniert und pünktlich zur Buga wiedereröffnet. Eine neue Straßenbahnlinie entstand und verbindet den Stadtteil Zwätzen mit jenem Ort, wo Gera am schönsten ist: mit dem Stadtteil Untermhaus unterhalb der gesprengten Burg. Über Jahrzehnte lag der Stadtteil westlich der Elster im Verborgenen. Auch hier ist die Kultur der Angelpunkt, hier steht das Otto-Dix-Haus, und man träumt von einem Künstlerviertel. Nebenan werden verfallene Bauten wiederhergestellt. Nicht alles wird bis zum Freitag, wenn die Buga eröffnet wird, gerichtet sein. Aber die Gartenschau ist für die Geraer ein Ansporn, sich endlich wieder ihrer Stadt anzunehmen.

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