https://www.faz.net/-gum-xrz9

Brisbane : „Arbeitslos durch die Flut? Komm rein auf ein Bier“

  • -Aktualisiert am

In dem Vorort Rosalie geht gar nichts mehr Bild: dpa

Die meisten Einwohner Brisbanes tragen die Überflutung ihrer Stadt mit großer Fassung. Zum Teil hat das Desaster Bilder von schauriger Schönheit kreiert, andernorts aber stehen die Menschen fassungslos vor ihren zerstörten Häusern.

          5 Min.

          Im „Boundary Hotel“ dröhnt ein Song von Queen aus den Lautsprechern. Vor dem rauen Pub im Stadtteil Westend stapeln sich Sandsäcke, drinnen wird getrunken und gelacht wie schon seit fast 150 Jahren in dieser Kneipe.

          Viele Gäste sind tätowiert, manche haben nur noch wenige Zähne und alle ein kaltes Bier. Auf der Speisekarte stehen Spezialitäten wie der „Kater-Grill“ für den Morgen danach und vor der Tür ein Hand gemaltes Schild. „Von der Flut arbeitslos gemacht? Komm rein auf ein Bier. Wir haben immer noch geöffnet!“ Der Barkeeper kommt mit dem Zapfen kaum hinterher und schaut nur kurz auf, als er gefragt wird, ob der Pub bei der Flutkatastrophe in Brisbane gelitten hat. „Nein, wir haben Glück gehabt, Gott sei Dank haben wir die Sandsäcke nicht gebraucht“, sagt er und wendet sich wieder dem Zapfhahn zu. Nur die schlammigen Stiefel vieler Gäste deuten darauf hin, dass sie sich in unmittelbarer Nähe einer in Australien beispiellosen Naturkatastrophe befinden und einige von ihnen selbst betroffen sind.

          Ärgerlich gurgelt der Fluss durch die Mitte der Hauptstadt

          Nur ein paar hundert Meter die Straße hinunter waren andere Restaurants nicht so gut davon gekommen wie der Pub aus dem Jahr 1864 und standen unter Wasser. Der angeschwollene Brisbane River war in der Nacht zum Donnerstag auf 4,46 Meter gestiegen, zwar fast einen Meter niedriger als befürchtet, aber so hoch wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. Noch Stunden später gurgelte der Fluss ärgerlich durch die Mitte der Hauptstadt des Bundesstaates Queensland. Das Rauschen des gewaltig angeschwollenen Flusses ließ die vielen Schaulustigen erschrecken. „Oh mein Gott“, stieß eine Frau hervor, die den entfesselten Brisbane River zum ersten Mal mit eigenen Augen sah und mit eigenen Ohren hören konnte wie anders sich die schnell dahinfließenden Wassermassen im Vergleich zum sonst eher gemächlichen Tempo des Flusses anhörten. Nur die Wasserpolizei und Boote der Küstenwache patrouillierten auf dem Fluss, der am Morgen einen riesigen Ponton abgerissen hatte, der gerade noch von einem Schlepper gestoppt werden konnte, bevor er eine der Brücken beschädigen konnte.

          Ganze Stadtteile Brisbanes liegen unter Wasser

          Am Kangaroo Point, einer Klippe gegenüber der Innenstadt, drängelten sich derweil die Schaulustigen und konnten gleichzeitig diversen Fernsehteams bei der Arbeit zusehen, die alle von dort aus berichteten. Generatoren brummten, Kameras wurden geschwenkt, ernst dreinblickende Reporter sprachen in Mikrofone, einer hatte gar ein halbes Dutzend frisch gebügelter Hemden in Reserve mitgebracht, die lustig im Wind flatterten. Und sogar Geschäfte wurden gemacht, ein mobiler Händler verkaufte Hotdogs und Eis.

          Noch die Dächer der Häuser schauen heraus

          Das gelblich-braune Wasser hatte seit den Abendstunden am Mittwoch unaufhaltsam seinen Weg in die ufernahen Stadtteile wie Westend gefunden. Auch hunderttausende Sandsäcke, die in fieberhafter Eile von Freiwilligen vollgeschaufelt und in der ganzen Stadt verteilt worden waren, hatten nur wenig geholfen. Fast die komplette Innenstadt stand unter Wasser, und an vielen Orten war das Wasser höher als die Verteidigungslinie gestiegen und hatte Häuser und Geschäfte gefüllt. In den am schlimmsten betroffenen Gegenden schauten nur noch die Dächer der Häuser aus der undurchsichtigen Brühe heraus. Insgesamt wurden 27 000 Häuser überflutet.

          Mancherorts kreierte das Desaster aber auch Bilder von schauriger Schönheit wie im Stadtteil Rosalie. Dort paddelten Einwohner und Schaulustige durch die überfluteten Straßen, Palmen und Bougainvilleas spiegelten sich im Wasser, die Spitzen von Gartenzäunen waren sichtbar, nur die hässlich-schmutzigen Linien an einigen Häuserwänden zeigten, wie hoch das Wasser gekrochen war.

          Die meisten Menschen sind nicht einmal versichert

          Catherine Uhr war um vier Uhr morgens zu dieser Kreuzung gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen wie ihr kleines Stadtteilzentrum mit seinen Geschäften und Restaurants versank. 13 Geschäfte und zwei Bottleshops (nur dort kann man in Australien alkoholische Getränke kaufen) befänden sich dort, berichtete die Frau den Zuhörern, rund zwei Dutzend Schaulustigen und einigen Nachbarn, die am Nachmittag gekommen waren, um sich selbst ein Bild zu machen. „Die meisten sind nicht mal versichert, das war einfach viel zu teuer hier in der Gegend so nahe am Fluss“, erklärt Uhr, die in sechster Generation von deutschen Einwanderern abstammt.

          Weitere Themen

          Die Trump-Insulaner

          Wähler auf Staten Island : Die Trump-Insulaner

          New York ist Donald Trumps Heimatstadt, aber bei der Wahl 2016 hatte er hier nichts zu lachen. Ausnahme war der Stadtteil Staten Island, wo viele Bürger ihm auch jetzt die Treue halten.

          Topmeldungen

          Abwahl Brandners : Hetzen als System

          Der Rechtsausschuss hat seinen Vorsitzenden Stephan Brandner abgewählt. Seit Jahren beschimpft der AfD-Politiker alle politischen Gegner – und zeigt dabei eine Vorliebe für sexuell aufgeladene Pöbeleien.
          Baukräne stehen auf einem Baugrundstück neben neugebauten Wohnhäusern in Köln.

          Pläne der KfW : Wer baut, bekommt Geld geschenkt

          Die Staatsbank will erstmals Kredite mit Negativzinsen vergeben. Profitieren sollen Privatleute, Mittelstand und Kommunen. Bis die Negativzinsen beim Endkunden ankommen, könnte es allerdings noch dauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.