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Brennende Müllberge : Das stinkt zum Himmel

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Brennende Müll in Neapels Straßen (Bild aus dem Januar 2011): In der Region fehlt es an Verbrennungsanlagen Bild: dpa

Das Müllproblem ist noch immer nicht gelöst: In manchen Regionen Italiens steigen wegen des brennenden Abfalls die Krebsraten. Im Norden der Stadt Neapel ist die Lage besonders kritisch.

          Vor allem an heißen Sommertagen brechen die Brände aus. Eine unachtsam weggeworfene Zigarettenkippe entzündet eine trockene Wiese oder gar ganze Wälder. Das kann ungeahnt katastrophale Folgen haben. So verbreiten die Brände vor allem im Norden der Stadt Neapel giftigen Rauch. Das ergibt eine Studie des Sbarro-Instituts für Krebsforschung an der Temple University von Philadelphia unter Antonio Giordano und Giulio Tarros, dem Chefarzt des Cotugno-Krankenhauses in Neapel. Die gut drei Jahrzehnte, in denen die Camorra den Abfall sammeln und verschwinden lassen konnte, sind zwar vorbei - aber jetzt machen sich die Folgen bemerkbar. Nach der Studie ist die Krebsrate in einigen Orten um 80 Prozent höher als im Durchschnitt. Frauen erkranken um rund 47 Prozent häufiger an Brustkrebs als in anderen Regionen.

          Schon 2006 schrieb der bis heute von der Mafia gejagte Roberto Saviano in seinem Buch „Gomorrha“, wie bisweilen in der Nacht die Mafia aufs Land kam und Giftmüll unter die Felder pflügte. Die Camorra ließ sich den Abtransport des Mülls von den Produzenten gut bezahlen und wurde den Dreck günstig los. Manche Bauern merkten erst Tage später, was in der Nacht passiert war. Die meisten hatten Angst und schwiegen. Die Camorra entlud den Müll oft auch in schwer zugänglichem Gebiet. Darum hat es heute die Feuerwehr oft schwer, bis zum Feuer vorzudringen, während der giftige Rauch sich in alle Winde zerstreut. Vor einigen Jahren wurde bekannt, dass die Mafia Kalabriens Giftmüll auf ausgedienten Schiffen einlagerte und diese Wracks vor den Küsten versenkte. Seither wird stetig die Wasserqualität auf Gifte hin untersucht.

          Lebenserwartung etwa zwei Jahre kürzer

          Die Camorra transportierte sogar den Dreck aus anderen Teilen Italiens nach Kampanien, wo sie ungestört agieren konnte. Das Müllproblem der Region ist noch immer nicht gelöst. Aber die Mafia hat darauf keinen Einfluss mehr. Da es in der Region an Verbrennungsanlagen fehlt, wird Neapels Müll heute bis in die Niederlande versandt. Denn im Grundsatz, so setzte es die Regierung unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi unter dem Druck der Lega Nord fest, muss jede Region mit ihrem Dreck alleine fertig werden. Nördliche Regionen in Italien nehmen selten südlichen Müll, auch wenn es mancherorts im Norden weniger Müll als Brennkapazität gibt.

          Jetzt im Sommer brennen wieder überall im Land vor allem zur frühen Abendstunde die Feuer. In den Orten nördlich Neapels bei Nola, Acerra und Magliano ist die Lage besonders kritisch. Man spricht vom „Dreieck des Todes“. Die Lebenserwartung der Menschen sei etwa zwei Jahre kürzer als im Schnitt der anderen Regionen. Schon frühere Untersuchungen maßen eine unnormal hohe Anzahl von Geburtsdefekten. Lungen-, Leber- und Atemwegs-Erkrankungen kommen hier weit häufiger vor als anderswo. Im vergangenen Jahr berichtete der Umweltverband Legambiente, 2010 hätten die Behörden der vier südlichen Regionen Kampanien, Apulien, Kalabrien und Sizilien gut zwei Millionen Tonnen illegal deponierten Mülls sichergestellt. Die Region um Neapel war nach der Statistik am stärksten von den Müllverbrechern der Mafia betroffen.

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