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Botanische Gärten in Singapur : Die Bäume der Welt für den Garten am Meer

Es ist der zweite botanische Garten in Singapur: Gebaut auf Land, das dem Meer abgerungen wurde Bild: Hill & Knowlton

Singapur investiert fast eine Milliarde Euro in Botanische Gärten. Für den neuesten stand auch der Frankfurter Palmengarten Pate.

          Christopher Dalzell hat in den vergangenen Monaten mehr als 150.000 Flugmeilen zurückgelegt - auf der Suche nach Pflanzen. "Ein toller Job! So was gibt's nur einmal auf der Welt", sagt der Südafrikaner begeistert. Er leitet eines der beiden riesigen Gewächshäuser, die im neuen Botanischen Garten Singapurs gebaut werden. Überall suchte Dalzell nach passenden Bäumen, in Amerika und Spanien, im Senegal und auf Bali, auf den Kanarischen Inseln und in Australien.

          Mit Durchschnittsware geben sich die Singapurer nicht zufrieden. Zwar hat der Stadtstaat längst einen Botanischen Garten, der Weltruhm genießt und gerade erst erweitert wurden. Nun aber kommt ein zweiter Garten hinzu, gebaut auf Land, das Singapur dem Meer abgerungen hat. Und weil die Regierung des Finanzzentrums am Äquator erstens reich und zweitens schlau ist, lässt sie sich den neuen Garten rund eine Milliarde Singapur-Dollar kosten. Gemeinsam mit dem Ausbau des alten Botanischen Gartens hat der Kleinstaat damit in wenigen Jahren trotz der Wirtschaftskrise gut 1,5 Milliarden Singapur-Dollar (867 Millionen Euro) in Grünanlagen investiert.

          Der Papst des grünen Singapurs

          "Natürlich haben wir vorher eine Studie über den Wertzuwachs des Geländes gemacht", sagt Kiat W. Tan. Der Achtundsechzigjährige ist der Papst des grünen Singapurs: "Als ich 1983 aus Amerika nach Hause zurückkam, war der Botanische Garten nicht mehr als ein Park. Über Jahre haben wir ihn zu dem gemacht, was er heute ist." Ein Lehrgarten, ein Erholungsgebiet, ein Ort der Erziehung zum grünen Denken. So will er es auch mit den "Gardens by the Bay" halten. Der Aufwand spielt kaum eine Rolle, es zählt das Ergebnis. Das aber würde auch auf der reichen Äquator-Insel nicht gelingen, ließe sich der Wert des neuen Gartens und seines Umlandes nicht auf den Cent berechnen.

          Auch für die Bürger wird er sich lohnen: Sie bekommen ein gewaltiges Erholungsgebiet - von einer „Gartenstadt“ zu einer „Stadt im Garten“ Bilderstrecke

          Vor dem Baubeschluss haben die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young ermittelt, dass das Land rund um den neuen Garten bis zu 30 Prozent an Wert gewinnen werde. Da dort schon jetzt ein Luxushotel steht, bald die Kreuzfahrtschiffe anlegen und ein Einkaufszentrum zum Bummeln lädt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis teure Immobilien mit Blick auf den Garten heranwachsen. In sie dürften Banker ziehen, die ein paar hundert Meter weiter im Finanzdistrikt arbeiten. Dann hat sich der Aufwand für den Staat gerechnet.

          Von einer „Gartenstadt“ zur Stadt im Garten

          Auch für die Bürger wird er sich lohnen. Sie bekommen ein gewaltiges Erholungsgebiet. Die Tropeninsel will sich von einer "Gartenstadt" zu einer "Stadt im Garten" entwickeln. Im vergangenen Vierteljahrhundert wuchs der Anteil der Grünflächen von etwa einem Drittel auf nun die Hälfte der Stadtfläche. 101 Hektar misst Gardens by the Bay. Sie verteilen sich auf drei Landstreifen rund um eine künstlich geschaffene Meeresbucht, die zu einem Süßwasserreservoir und Freizeitpark umgebaut wurde. Allein Bay South, der eigentliche neue Botanische Garten, misst 54 Hektar. Eine sechsspurige Straße wird in den Garten führen, 2013 folgt ein U-Bahn-Anschluss, eine Freiluftbühne bietet 30.000 Menschen Platz. 13 Restaurants sind geplant, eines davon geführt vom Londoner Sterne-Koch Jason Atherton.

          Der Eintritt in den Garten ist frei. Die Planer rechnen mit rund fünf Millionen Besuchern im Jahr - das sind so viele, wie die Stadt Einwohner hat. Sie bekommen Außergewöhnliches geboten. Die Planer sind rund um die Erde geflogen, um sich inspirieren zu lassen. "Auch der Palmengarten in Frankfurt hat uns Anstöße gegeben", sagt Tan. Für gut 30.000 Dollar hat er in China unter anderem eine 500 Jahre alte Kamelie eingekauft, die vor Jahrhunderten aus Japan importiert worden war. "Wenn solch eine Pflanze zum Verkauf steht, erfahren Sie davon nur über ein Netzwerk, über jahrelange Beziehungen." Auch die Steine, die den Garten schmücken und für Chinesen großen symbolischen Wert haben, stammen aus China: "Wir haben sie nach den Olympischen Spielen 2008 preiswert in Peking bekommen."

          260.000 Pflanzen unter Glas

          Aus Senegal stammt ein 34-Tonnen-Baum, der in eines der beiden Gewächshäuser gepflanzt wurde: Für die ist allerdings Eintrittsgeld fällig. Die Besucher erleben dann aber eine neue Atmosphäre in der Äquatorstadt: Die Glashäuser werden heruntergekühlt auf 20 Grad, Blüteperioden sollen künstlich durch Temperaturschwankungen eingeleitet werden, und die Tropenluft wird entfeuchtet. So können die Gäste die gut 260.000 Pflanzen unter Glas bestaunen - und die Jahreszeiten kennenlernen, die es am Äquator nicht gibt.

          Dafür zeichnet unter anderem Christian Oberdorf verantwortlich. Er ist Projektleiter des Ingenieurbüros Transsolar in München, das sich auf Klimakonzepte konzentriert und Prototypen in Singapur baute. "Gewächshäuser in den Tropen zu bauen, die das ganze Jahr gekühlt werden müssen, ist schon eine ungewöhnliche Aufgabe", sagt Oberdorf. "So etwas gab es auf der Welt noch nicht. Immerhin überspannen die Glasdächer der Gewächshäuser eine Fläche von zwei Hektar. Sie sollten energieeffizient sein, Licht für die Pflanzen zulassen und zugleich den Besuchern ein angenehmes Klima bieten."

          Deshalb bauten die Münchner in einem anderen Park zunächst sechs kleinere Gewächshäuser, um Glassysteme und Lüftungen auszuprobieren. Das jetzt verwendete Glas lässt 66 Prozent der Tropensonne durch, aber nur 33 Prozent der Hitze. Zugleich wollten die Gartenbauer neue Standards für nachhaltige Energieversorgung setzen. Das passt politisch ins Bild, weil Singapur zu einer grünen Metropole werden will.  

          Eröffnung im Juni 2012 

          Die riesigen Glashäuser werden dank einer Biomasse-Anlage im Untergeschoss gekühlt, die mit dem organischen Abfall des Gartens gespeist wird. Rohre mit gekühltem Wasser laufen unter den Beeten und sorgen für eine niedrige Temperatur. Zugleich wird der Tropenluft unter den Glasdächern die Feuchtigkeit entzogen. "Unsere Biomasse-Anlage ist so kraftvoll, dass wir gar nicht alle von ihr gelieferte Energie nutzen", sagt Andrew Grant von Grant Associates, die als Landschaftsarchitekten den südlichen Garten konzipiert haben.

          Die Besucher werden von den Anlagen im Keller nichts zu sehen bekommen. Dafür bestaunen sie den 35 Meter hohen Wasserfall, der in einem der beiden Häuser entspringt. Vor der Tür fallen bis zu 50 Meter hohe künstliche Bäume auf. An den 18 Stahlriesen wachsen 163.000 Hängepflanzen, die aus mehr als 200 Arten ausgewählt wurden. Ihr wahrer Zweck aber bleibt verborgen: In den "Supertrees" befinden sich unter anderem die Abluftkamine der Gewächshäuser, sie bieten den Gartenfreunden aber auch Schatten vor der Tropensonne auf den mehr als sieben Kilometern durch den Hauptgarten.

          Noch arbeiten gut 10.000 Menschen auf der Baustelle. Eröffnen werden die Gärten im Juni 2012. Doch schon in diesem Monat, zum Internationalen Orchideenfestival, wird eines der großen Gewächshäuser geöffnet. "Wir sind vorbereitet, hier ist alles angewachsen", sagt Dalzell. Als wollte er seine Standfestigkeit prüfen, legt er die Hand dabei auf einen Olivenbaum. "Der ist mehr als 1000 Jahre alt. Wir haben ihn aus Italien."

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