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Blizzard „Nemo“ : Winterzeit tief verschneit

Schneeberge in Boston, Massachusetts Bild: AFP

Ein Blizzard zieht über Amerikas Ostküste. Mindestens fünf Personen kommen ums Leben, mehr als 600.000 Haushalte sind zeitweise ohne Strom. Das Land versinkt im Schnee, doch die große Katastrophe bleibt aus.

          3 Min.

          Der Wintersturm Nemo hat am Wochenende den Nordosten der Vereinigten Staaten unter einer dicken Schneedecke begraben. Mindestens fünf Personen kamen ums Leben, mehr als 600.000 Haushalte waren zeitweise ohne Strom, mehrere tausend Flüge in Städten wie New York und Boston wurden gestrichen. Besonders hart wurden Bundesstaaten wie Connecticut und Massachusetts getroffen, einige Regionen meldeten sogar Rekordschneefälle von bis zu einem Meter.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Millionenmetropole New York kam vergleichsweise glimpflich davon, im Central Park wurden knapp 30 Zentimeter Schnee gemessen. „Wir haben viel Glück gehabt“, sagte Bürgermeister Michael Bloomberg. Viel schlimmer traf es die Insel Long Island vor New York. Dort kam der Schnee am Freitagabend mit solcher Gewalt, dass Hunderte von Autos auf den Straßen stecken blieben. Viele Menschen verbrachten die Nacht in ihren Autos, die Hauptverkehrsader Long Island Expressway war noch am Samstag voll von gestrandeten Fahrzeugen.

          24 Stunden Fahrverbot

          Die Gouverneure von Massachusetts und Connecticut hatten am Freitag ein 24 Stunden langes Fahrverbot auf allen Straßen der beiden Bundesstaaten verhängt. In Massachusetts sorgte der Blizzard für die größten Ausfälle im Stromnetz: 400000 Haushalte hatten zwischenzeitlich keinen Strom. In dem Bundesstaat kam es auch zu einem besonders tragischen Todesfall: In Boston starb ein elf Jahre alter Junge in einem Auto an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Er hatte mit seinem Vater Schnee geschaufelt und sich zum Aufwärmen ins Auto gesetzt, offenbar war der Auspuff mit Schnee verstopft.

          Die New Yorker Region, die den katastrophalen Wirbelsturm Sandy vom Oktober noch frisch in Erinnerung hat, hatte sich schon vor Nemos Ankunft auf das Schlimmste eingestellt. New Yorker Supermärkte erlebten am Freitag einen Andrang von Menschen, die sich mit Vorräten eindeckten, vor Tankstellen gab es lange Schlangen. „Natürlich war ich besorgt“, sagt Aischa Mitchell, die mit ihrer Familie Harlem wohnt. „Wir haben noch extra Milch und Brot gekauft, damit wir genügend zu Essen haben. Und der Supermarkt war auch voller als sonst.“ Manche Grundnahrungsmittel wie Bohnen seien schnell ausverkauft gewesen.

          Winterstiefel statt High Heels

          Am Samstagnachmittag steht Mitchell im Morningside Park und schaut zu, wie ihre beiden Kinder in Plastikschlitten einen verschneiten Hügel hinabsausen. Die Sorgen des Vortags sind vergessen. „Ist es nicht ein Winter-Wunderland?“ fragt sie. Für die Kinder ist der erste Schnee des Jahres eine große Freude. Schon morgens fliegen Schneebälle über die Seitenstraßen. Und die hügeligen Parks von Manhattan sind wie gemacht zum Rodeln. Klassische Schlitten aus Holz gibt es kaum - schon weil New Yorker notorisch wenig Platz in ihren Wohnungen haben. Runde, flache und kaum zu steuernde Plastikschalen sind viel populärer. Wer auch das nicht hat, improvisiert. Mülltüten und Pappe sind als Untersatz nicht selten. Ein Kind klemmt sich kurzerhand eine Schneeschaufel unter, hält sich am Stiel fest und schafft es auch nach unten. Einigen Bewohnern drängt sich der Eindruck auf, dass die Medien die Nemo-Geschichte etwas aufgebauscht haben. „Uns haben besorgt Verwandte aus Virginia angerufen, weil sie im Fernsehen vom Sturm gehört haben“, sagt die New Yorkerin Katrina Parris. „Dabei haben wir uns hier doch auf etwas Schnee gefreut.“

          Auf den Straßen Harlems war schon am Samstag früh das Kratzen von Schneeschaufeln und das Geschrei von Kindern zu hören. Während in den Straßen Müllwagen mit vorgespanntem Bulldozer-Schild die Schneemassen zur Seite schieben, müssen Bewohner der Stadthäuser in der Gegend selbst Hand anlegen, um die breiten Treppen und den Bürgersteig von der weißen Pracht zu befreien. Das ist für einige Leute eine gute Gelegenheit, auf die Schnelle ein paar Dollar zu verdienen. Teenager und Erwachsene ohne festen Job ziehen mit Schaufeln durch die Straßen und bieten ihre Dienste an. „Sir, ich habe am Montag Geburtstag. Brauchen sie Hilfe?“ Das eingeschneite Auto freilegen - zehn Dollar. Straße und Treppe ohne Schnee und Eis - 20 Dollar.

          Der Schneesturm ließ auch die seit Donnerstag in New York stattfindende „Fashion Week“ nicht unberührt. Viele Besucherinnen und Models im Lincoln Center trugen Winterstiefel statt der üblichen High Heels. Und Designer Marc Jacobs verschob seine für Montag geplante Schau auf den Donnerstag, weil einige Stoffe und Modeaccessoires wegen des Sturms nicht rechtzeitig geliefert wurden.

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