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Bilanz der ersten marinen Volkszählung : Fische wie Sand am Meer

Zehn Jahre lang ein Suchen und Sammeln in den Ozeanen der Welt. Jetzt steht die erste Volkszählung vor dem Abschluß: „Census of Marine Life“. In ihrer ersten Bilanz freuen sich die Meeresforscher über viele Neuentdeckungen. Dennoch: Im Weltatlas der Meeresvölker klaffen riesige Lücken.

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          Es sollte, als alles begann, zum „Jahrzehnt der Entdeckungen“ werden. Mehr als achtzig Küstenländer nahmen 650 Millionen Dollar in die Hand, um Hunderte ihrer Meeresforscher loszuschicken und zum ersten Mal in der Geschichte eine Art Volkszählung vor den Küsten zu veranstalten: „Census of Marine Life“. Es ging nicht ums Köpfe-Zählen in den Weltmeeren, auch nicht darum, die Biomasse der Organismen exakt zu vermessen, sondern einzig um die Erfassung der Lebensvielfalt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Auf der Pariser Gründerkonferenz unter dem Dach der Vereinten Nationen im Jahr 2000 wusste noch niemand so recht, auf was man sich da einließ. Gerüchte kursierten: Lediglich 0,1 Prozent der vermuteten Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten in den Ozeanen seien bekannt. Die Lücken zu schließen war also von Beginn an eine gewaltige Aufgabe. Doch im Hinblick auf die moderne Entdeckungsgeschichte auch eine lohnenswerte. Denn ein ehrgeizigeres Forschungsprojekt zur systematischen Katalogisierung der Lebensvielfalt auf diesem Planeten gibt es nicht. So wurde es tatsächlich eins, ein Jahrzehnt der Entdeckungen.

          Mehr als funfhundert Meeresexpeditionen

          Zehn Jahre, 538 Meeresexpeditionen und mehr als 2600 wissenschaftliche Publikationen später ziehen die Organisatoren des Meeres-Zensus jetzt eine erste umfassende Bilanz. Eigentlich sollte erst in wenigen Monaten, wenn die noch ausstehenden Berichte der Regionalgruppen aus Indonesien, Madagaskar und dem Arabischen Meer vorliegen, in London ein offizieller Schlussstrich gezogen werden. Dem ist man nun mit einer Serie von Veröffentlichungen in den Wissenschaftszeitschriften „Plos One“ und „Nature“ zuvor gekommen, die seit Montagabend zugänglich sind.
          Der neue virtuelle Weltatlas der marinen Vielfalt enthält jede Menge Zahlen, Prozente und Ranglisten. Einige sind besonders wichtig: So sind annähernd 185.000 Namen von Tier- und Pflanzenarten in den zehn Jahren des Projektes in das vom Zensus organisierten Weltregister der Meeresorganismen („Worms“) eingeflossen.

          Drachenfisch (lat. Name wurde nicht genannt)

          1200 neu entdeckte Arten

          Wenn alle Endberichte vorliegen, dürften es Ende des Jahres sogar 230.000 Arten sein. Darunter sind nicht weniger als 1200 Spezies, die als Neuentdeckungen klassifiziert wurden, darunter viele bislang unbekannte Arten aus der Tiefsee. Aber noch beeindruckender bleibt die Zahl, die solchen Erfolgsmeldungen gegenüber steht: 70 bis 80 Prozent der Lebensformen sind immer noch unentdeckt. Auf jede, in der öffentlichen Datenbank „Obis“ registrierte Art kommen mindestens vier unentdeckte Arten. Insbesondere in den tropischen Gewässern, in der Tiefsee und in den Ozeanen der südlichen Hemisphäre vermutet man noch Hunderttausende Organismen, die der Entdeckung und Beschreibung harren. So schätzt man, dass der Anteil der nicht erfassten Spezies in der Antarktis zwischen 39 und 59 Prozent liegt, vor Südafrika 38 Prozent, vor den ohnehin schon artenreichen Gewässern Japans gar 70 Prozent und in der Tiefsee des Mittelmeers gut 75 Prozent.
          Viele der jüngsten Entdeckungsgeschichten sind beeindruckend, dennoch lassen sich die grenzen eines Zehn-Jahres-Projektes leicht erkennen. Beispiel Fische: Auf 16.764 Arten wird die Fischvielfalt in den Meeren momentan global taxiert, jedes Jahr kamen zuletzt hundert bis hundertfünfzig Arten dazu. Doch zu entdecken gibt es vermutlich noch reichlich: Mit rund 5000 unbeschriebenen Arten rechnet man - doppelt so viele, wie allein in den vergangenen zwei Dekaden in die taxonomischen Datenbanken aufgenommen worden sind.

          Regional bis zu 33.000 Arten

          Wie gewaltig die Vielfalt ist, wenn man alle Lebensformen wie im Zensus mit einbezieht, angefangen von den tierischen Einzellern, den Protozoa, und den mikroskopischen Algen bis zu den Walen, das macht der Vergleich des australischen Chefwissenschaftlers der Volkszählung, Ian Poiner, deutlich: „Ein biologisch interessierter Laie könnte bei einem Strandspaziergang vielleicht zwanzig Arten identifizieren, ein Fischer vielleicht hundetr. Aber selbst in den artenärmsten Regionen der Erde gibt es fünfzig- bis hundertmal so viele Arten wie ein Meeresfachmann ohne die Zuhilfename eines Feldführers benennen könnte.“

          Selbst in den vermeintlich artenarmen Gebieten wie den nördlichen Küsten des amerikanischen Kontinents und die arktischen Regionen zählt man Tausende Tier- und Pflanzenarten.
          Über die geografische Verteilung der im „Census of Marine Life“ registrierten Vielfalt gibt eine interaktive Weltkarte der 25 marinen Schlüsselgebiete des Zensus Auskunft. Die Wissenschaftler haben daraus eine Art Rangliste der Artenvielfalt erstellt - eine Liste freilich, die mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, weil sowohl die Methoden der Artenerfassung nicht immer einheitlich sind, als auch die Forschungsschwerpunkte, was die Organismengruppen angeht, voneinander abweichen. Hinzu kommt: Der von den Zensus-Wissenschaftlern eingeführte „Index der unbekannten Arten“ zeigt, dass die Lücken von Gebiet zu Gebiet, von Gruppe zu Gruppe enorm abweichen - was keineswegs immer mit der Zahl der beteiligten Forscher zusammenhängt:

          Australien zu neunzig Prozent unbeschrieben

          In Australiens Küstenzone beispielsweise, wo vergleichsweise viele Meeresforscher unterwegs sind, soll allenfalls zehn Prozent der Lebensvielfalt bislang erfasst sein.
          Dabei gelten die Gewässer vor Australien neben denen vor Japan, China, dem Mittelmeer und dem Golf von Mexiko schon heute als absolute „Hotspots“ der Biodiversität - Brennpunkte der weltweiten Artenvielfalt: Annähernd 33000 Arten hat man dort schon katalogisiert, darunter jeweils mehr als achttausend Mollusken - insbesondere Muscheln, Tintenfische und Schnecken - und gut sechstausend Arten von Krebstieren: Krabben, Krebs, Garnelen, Krill und Rankenfüßer. Diese beiden zoologischen Großgruppen allein stellen weltweit mehr als ein Drittel aller bisher beschriebenen Meeresarten. Mit den Fischen, die etwa zwölf Prozent der Vielfalt ausmachen, sind damit bereits knapp die Hälfte der Biodiversität erfasst. Kleinstlebewesen inklusive Einzeller und Mikroalgen sollen rund ein Fünftel zur Biodiversität beitragen, auch wenn ihre schiere Biomasse die der größeren Organismen oft um ein Vielfaches überragt.

          Erwärmung forciert und bremst die Biodiversität

          Die mit dem Meereszensus begonnene Katalogisierung soll nach Aussagen der Forscher auch nach dem vorläufigen Schlussbilanz weitergehen. Was allerdings viele Experten und nicht zuletzt die Artenschützer und Umweltpolitiker interessiert, ist die Frage, welche Zukunft der Meeresvielfalt bevorsteht. Denn dass sich die Verhältnisse mit dem globalen Wandel, der weltweiten Erwärmung, derzeit rasch verändern, gilt in der Wissenschaft als hinreichend belegt. So hat ein Team von kanadischen und deutschen Forschern kürzlich ind er Zeitschrift „Nature“ berichtet, dass die Menge an pflanzlichen Kleinlebewesen - Phytoplankton - in den Weltmeeren, die schon mehr als hundert Jahre lang systematisch erfasst wird, in dieser Zeit um durchschnittlich vierzig Prozent abgenommen hat. Nur wenige Regionen im Indischen Ozean sind davon ausgenommen. Hauptursache höchstwahrscheinlich: Die Erwärmung der Weltmeere um rund ein halbes grad im Mittel. Wärmeres Wasser führt zu einer stärker ausgeprägten Schichtung an der Oberfläche, die nährstoffreichen Wassermassen aus den tieferen Meeresschichten erreichen seltener die oberen „Etagen“.

          „Wüsten in den Ozeanen“

          Der deutsche Meeresforscher Boris Worm von der Dalhousie University in Halifax, Kanada, der zuletzt Gastwissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung war, spricht von „Wüstenbildung“ in vielen Meeresregionen. Eine Entwicklung, die vor allem die sesshaften Organismen wie die Korallen treffen dürfte. „Bei vielen Arten wird man mit der sukzessiven Erwärmung weniger ein Verschwinden als ein Verschieben ihres Verbreitungsgebietes feststellen können“, sagt Worm. In „Nature“ haben er und seine kanadischen Kollegen die Datenbanken der marinen Volkszählung separat ausgewertet und globale Verteilungsmuster der Biodiversität für dreizehn Gruppen - von Walen bis zu Seegräsern - ermittelt.

          Ergebnis: Die Vielfalt an Küstenbewohner kulminiert in den warmen Gewässern Ostasiens, die der Bewohner des offenen Ozeans wie der Wale und Thunfische in den mittleren breiten. Die entscheidende Kraft hinter einer großen Vielfalt auch hier: die Temperatur. Wärme erhöht den Stoffwechsel, lässt mehr Spielraum für biologische Experimente - eine alte These. Je wärmer, desto reicher. Was allerdings nach Überzeugung der Zensus-Forscher und nach der Kenntnis der Phytoplankton-Entwicklung im zurückliegenden Jahrhundert für die Zukunft nicht automatisch ein Zuwachs an Vielfalt bedeutet. Vielmehr sehen die Forscher besonders viele der heute artenreichen Meeresregionen durch Überfischung, Verschmutzung, Lebensraumzerstörung und die Verdrängung durch eingeschleppte Arten bedroht.

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