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Bilanz der ersten marinen Volkszählung : Fische wie Sand am Meer

Selbst in den vermeintlich artenarmen Gebieten wie den nördlichen Küsten des amerikanischen Kontinents und die arktischen Regionen zählt man Tausende Tier- und Pflanzenarten.
Über die geografische Verteilung der im „Census of Marine Life“ registrierten Vielfalt gibt eine interaktive Weltkarte der 25 marinen Schlüsselgebiete des Zensus Auskunft. Die Wissenschaftler haben daraus eine Art Rangliste der Artenvielfalt erstellt - eine Liste freilich, die mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, weil sowohl die Methoden der Artenerfassung nicht immer einheitlich sind, als auch die Forschungsschwerpunkte, was die Organismengruppen angeht, voneinander abweichen. Hinzu kommt: Der von den Zensus-Wissenschaftlern eingeführte „Index der unbekannten Arten“ zeigt, dass die Lücken von Gebiet zu Gebiet, von Gruppe zu Gruppe enorm abweichen - was keineswegs immer mit der Zahl der beteiligten Forscher zusammenhängt:

Australien zu neunzig Prozent unbeschrieben

In Australiens Küstenzone beispielsweise, wo vergleichsweise viele Meeresforscher unterwegs sind, soll allenfalls zehn Prozent der Lebensvielfalt bislang erfasst sein.
Dabei gelten die Gewässer vor Australien neben denen vor Japan, China, dem Mittelmeer und dem Golf von Mexiko schon heute als absolute „Hotspots“ der Biodiversität - Brennpunkte der weltweiten Artenvielfalt: Annähernd 33000 Arten hat man dort schon katalogisiert, darunter jeweils mehr als achttausend Mollusken - insbesondere Muscheln, Tintenfische und Schnecken - und gut sechstausend Arten von Krebstieren: Krabben, Krebs, Garnelen, Krill und Rankenfüßer. Diese beiden zoologischen Großgruppen allein stellen weltweit mehr als ein Drittel aller bisher beschriebenen Meeresarten. Mit den Fischen, die etwa zwölf Prozent der Vielfalt ausmachen, sind damit bereits knapp die Hälfte der Biodiversität erfasst. Kleinstlebewesen inklusive Einzeller und Mikroalgen sollen rund ein Fünftel zur Biodiversität beitragen, auch wenn ihre schiere Biomasse die der größeren Organismen oft um ein Vielfaches überragt.

Erwärmung forciert und bremst die Biodiversität

Die mit dem Meereszensus begonnene Katalogisierung soll nach Aussagen der Forscher auch nach dem vorläufigen Schlussbilanz weitergehen. Was allerdings viele Experten und nicht zuletzt die Artenschützer und Umweltpolitiker interessiert, ist die Frage, welche Zukunft der Meeresvielfalt bevorsteht. Denn dass sich die Verhältnisse mit dem globalen Wandel, der weltweiten Erwärmung, derzeit rasch verändern, gilt in der Wissenschaft als hinreichend belegt. So hat ein Team von kanadischen und deutschen Forschern kürzlich ind er Zeitschrift „Nature“ berichtet, dass die Menge an pflanzlichen Kleinlebewesen - Phytoplankton - in den Weltmeeren, die schon mehr als hundert Jahre lang systematisch erfasst wird, in dieser Zeit um durchschnittlich vierzig Prozent abgenommen hat. Nur wenige Regionen im Indischen Ozean sind davon ausgenommen. Hauptursache höchstwahrscheinlich: Die Erwärmung der Weltmeere um rund ein halbes grad im Mittel. Wärmeres Wasser führt zu einer stärker ausgeprägten Schichtung an der Oberfläche, die nährstoffreichen Wassermassen aus den tieferen Meeresschichten erreichen seltener die oberen „Etagen“.

„Wüsten in den Ozeanen“

Der deutsche Meeresforscher Boris Worm von der Dalhousie University in Halifax, Kanada, der zuletzt Gastwissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung war, spricht von „Wüstenbildung“ in vielen Meeresregionen. Eine Entwicklung, die vor allem die sesshaften Organismen wie die Korallen treffen dürfte. „Bei vielen Arten wird man mit der sukzessiven Erwärmung weniger ein Verschwinden als ein Verschieben ihres Verbreitungsgebietes feststellen können“, sagt Worm. In „Nature“ haben er und seine kanadischen Kollegen die Datenbanken der marinen Volkszählung separat ausgewertet und globale Verteilungsmuster der Biodiversität für dreizehn Gruppen - von Walen bis zu Seegräsern - ermittelt.

Ergebnis: Die Vielfalt an Küstenbewohner kulminiert in den warmen Gewässern Ostasiens, die der Bewohner des offenen Ozeans wie der Wale und Thunfische in den mittleren breiten. Die entscheidende Kraft hinter einer großen Vielfalt auch hier: die Temperatur. Wärme erhöht den Stoffwechsel, lässt mehr Spielraum für biologische Experimente - eine alte These. Je wärmer, desto reicher. Was allerdings nach Überzeugung der Zensus-Forscher und nach der Kenntnis der Phytoplankton-Entwicklung im zurückliegenden Jahrhundert für die Zukunft nicht automatisch ein Zuwachs an Vielfalt bedeutet. Vielmehr sehen die Forscher besonders viele der heute artenreichen Meeresregionen durch Überfischung, Verschmutzung, Lebensraumzerstörung und die Verdrängung durch eingeschleppte Arten bedroht.

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