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Bayern : Streit um die Sicherheit des Atomkraftwerkes Isar I

  • Aktualisiert am

Die beiden Atomkraftwerke Isar I und II Bild: dpa/dpaweb

Die Aussage eines vertraulichen Gutachtens der Gesellschaft für Reaktorsicherheit zu dem Kraftwerkstyp von Isar I „Keine explizite Auslegung gegen Flugzeugabsturz“ sorgt in Bayern für Streit.

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          Entgegen der Aussage von Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) ist das Atomkraftwerk Isar I bei Landshut offenbar nicht gegen Flugzeugabstürze gesichert. In einem vertraulichen Gutachten der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) heißt es zu dem Kraftwerkstyp von Isar I: „Keine explizite Auslegung gegen Flugzeugabsturz“. Dies bestätigte am Donnerstag auch der Atomkritiker Klaus Traube, der in den 60er Jahren an der Entwicklung des betreffenden Typs von Siedewasserreaktoren beteiligt war. Das bayerische Umweltministerium erklärte dazu, Traube sei möglicherweise falsch informiert.

          Sechs Kraftwerke ohne expliziten Schutz vor Flugzeugen

          In der Kurzfassung des GRS-Gutachtens zur Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke bei Terrorangriffen mit Passagierflugzeugen steht, daß insgesamt sechs deutsche Kernkraftwerke bei ihrer Planung nicht gegen Flugzeugabstürze ausgelegt wurden - drei Siedewasserreaktoren und drei Druckwasserreaktoren. Alle anderen seien zumindest gegen den Aufprall von Militärjets ausgelegt.

          Bei den Siedewasserreaktoren handelt es sich neben Isar I um die typgleichen Meiler Philippsburg I bei Karlsruhe und das in der Nähe Hamburgs gelegene Brunsbüttel. Bei diesem Kraftwerkstyp sind nach GRS-Einschätzung die schwersten Schäden bei einem Luftangriff mit einer Passagiermaschine zu erwarten. Die Studie belegt, daß der Aufprall eines Airbus A320 das kastenförmige Reaktorgebäude von Isar 1 zerstören und Radioaktivität freisetzen könnte - „Beherrschung fraglich“. Falls ein Wrackteil die Decke durchschlägt, könnte es zu einer „begrenzten Freisetzung“ von Radioaktivität kommen. Bei den drei Druckwasserreaktoren handelt es sich um Biblis A (Hessen), Obrigheim (Baden-Württemberg) und Stade (Niedersachsen).

          Flugzeugabstürze seit 1970 als Risiko gesehen

          „Die Fachwelt hat die Möglichkeit eines Flugzeugabsturzes auf ein Atomkraftwerk überhaupt erst ab 1970/71 erfaßt“, sagte dazu Traube. „Damals fielen die Starfighter wie Fliegen vom Himmel.“ Es gebe aber eine Reihe von Anlagen, die vorher bereits genehmigt waren - darunter auch Isar I. Traube arbeitete damals nach seinen Angaben als Direktor des Bereichs Siedewassereaktoren bei AEG. Baubeginn bei Isar I war 1972.

          Politische Verwerfungen

          Umweltminister Schnappauf hatte in einer Pressekonferenz am Mittwoch gesagt, Isar I sei gegen den Absturz eines Starfighters ausgelegt und von einem „soliden Grundschutz“ gesprochen. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) forderte das Land Bayern am Mittwoch auf zu ermitteln, „ob die Anlage Schadenspotenziale aufweist“. Der Landshuter SPD-Bundestagsabgeordnete Horts Kubatschka forderte Trittin auf, die Studie vorzulegen und eine öffentliche Diskussion zu ermöglichen.

          Dagegen sagte der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf am Mittwoch, Isar 1 habe keine Sicherheitsmängel und weise einen soliden Grundschutz gegen Flugzeugabsturz auf. Die Betreiber hätten weitere Maßnahmen vorgeschlagen, darunter Nebelwände zur Tarnung bei akuter Gefahr sowie Verbesserungen beim Notfallschutz und im Brandfall. Die GRS prüfe die Vorschläge noch. Die Länder hätten Bundesumweltminister Jürgen Trittin schon vor einem Jahr aufgefordert, zum Schutz vor terroristischen Flugzeugangriffen ein Gesamtkonzept „von der Flughafensicherung über die Gefahrenabwehr in der Luft bis zu den Kernkraftwerken“ zu entwickeln, sagte der CSU-Politiker. Trittin warf Schnappauf ein Ablenkungsmanöver und Untätigkeit vor. Bayern müsse gegebenenfalls zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen gegen die Betreiber von Isar 1 durchsetzen.

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