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Baumpflege : In der Krone der Schöpfung

  • -Aktualisiert am

Vor der Behandlung betrachtet Frank den Baum und sein Umfeld ganz genau Bild: Frank Röth

Was früher Gärtner erledigten, übernimmt heute der „European Tree Worker“. Er analysiert den Zustand eines kranken Baumes und behandelt ihn anschließend professionell. Mit Motorsäge, Kletterseil und physikalischen Berechnungen.

          6 Min.

          Fast 300 Jahre alt sind die Kenneleichen am Rande von Kaiserslautern und nun im besten Rentenalter: nicht mehr ganz vital, aber auch noch kein Pflegefall. Eine der Eichen, direkt an der Straße, kränkelt jedoch, viele Äste sind abgestorben. Das sieht zwar romantisch aus. Aber was, wenn das Holz eines Tages herunterfällt? Unter dem Baum ist ein Biergarten, da hat die Stadt als Eigentümer des Naturdenkmals eine Sicherungspflicht.

          „Wenn ein Baum in der Natur steht, darf er einfach Baum sein“, sagt Baumpfleger Fabian Frank. „Der braucht uns nicht, der schneidet sich selbst. Der einzige Grund, warum es Baumpfleger gibt: weil aufgrund der räumlichen Enge ziemlich viele Bäume und ziemlich viele Menschen aufeinandertreffen.“ Sobald jemandem etwas auf den Kopf fallen könnte, besteht rechtlich gesehen Handlungsbedarf.

          Visual Tree Assessment oder die Körpersprache des Baumes

          Kurz war sogar im Gespräch, den Baum zu fällen. Aber das muss nicht sein, findet Frank, der Standfestigkeit und Gesundheit der Eiche prüfen und schauen soll, was zu tun ist. Zuerst sieht er sich die Körpersprache des Baumes an – „Visual Tree Assessment“ oder Baumansprache heißt das fachlich korrekt. Fabian Frank geht um den Baum herum und sucht nach Merkmalen, die Hinweise auf Gesundheit und Stabilität geben.

          Fabian Frank begutachtet den Gesundheitszustand einer Eiche

          Wie viel Zuwachs wo gebildet wird, verrät die Borke: In den Furchen sieht man frische, noch nicht bemooste Rinde, oder auch nicht, wenn der Baum sich kaum entwickelt. Bäume spüren Zug und Druck und reagieren mit ihrem Wachstum. Fäulnis erkennt man an Stauchungen: Wenn die Stabilität nachlässt und der Ast zu schwer zum Tragen wird, bilden sich Falten und Wellen in der Achsel.

          Viel verrät auch schon das Umfeld. Der Grund für den schlechten Zustand des Baums sind vor allem Straßenbauarbeiten, die Verletzungen an den Wurzeln verursacht haben. Baumaschinen sorgen für unsaubere Schnitte, durch die Pilzsporen eindringen können und die Holzzellen zersetzen. Der Baum kann sich dagegen schützen: „Die Eiche hat einen eingebauten Holzschutz, nämlich Gerbsäure. Daher ist das Holz so beständig.“ Und deshalb spürt man die Auswirkungen solcher Verletzungen oft erst Jahrzehnte später.

          Nährstoffmangel und Vitalitätsverlust

          Das Totholz in der Krone geht auf Schädigungen in den sechziger oder siebziger Jahren zurück. „Und es kann sein, dass an einer daumendicken Wurzel die Bodenfläche einer Doppelgarage hängt.“ Wenn dann der Schadpilz arbeitet, fällt eine Fläche nach der nächsten aus, und die Blätter werden nicht ausreichend mit Wasser versorgt. Fallen die Blätter ab, bildet der Baum nicht mehr genug Nährstoffe. „Er kann weniger gut Holz anbauen“, erklärt Frank. „Er kann aber auch weniger gut Wunden verschließen, verliert also an Vitalität.“

          Auch frühere Rückschnitte in der Krone sind der Eiche nicht bekommen. An den schlecht verheilten Schnittstellen kam es zu Weißfäule, die das Holz aufweicht. Um sich zu schützen, baut der Baum im Holz eine „barrier zone“ auf. Durch die festen Ablagerungen kann die Fäule nicht weiter wachsen. „Das Kernholz ist zwar verloren, aber für den Baum ist das egal“, sagt Frank. „Weder für seine direkte biologische Funktion, also Wassertransport in die Krone und Nährstofftransport in die Wurzel, braucht er den inneren Holzbereich, noch für seine Standsicherheit.“

          Wichtig ist eine dünne Wachstumsschicht direkt unter der Rinde, das Kambium: Nach außen bildet es Bast, nach innen Holz. Darunter befindet sich das Splintholz, darin laufen die Leitungsbahnen wie ein Bündel Strohhalme. Oben verdunstet die Feuchtigkeit und saugt dadurch das Wasser nach. Das Kernholz hat dagegen keine unmittelbar lebensnotwendige Funktion. „Dort können überschüssige Nährstoffe für schlechte Zeiten eingelagert werden.“

          Die Spezialisten sind sich uneinig

          Was früher Gärtner erledigten, übernehmen heute immer häufiger Spezialisten wie Fabian Frank. Etwa 500 „European Tree Worker“ gibt es in Deutschland. Die Spezialisten sind sich nicht immer einig, wie Bäume richtig untersucht werden. „Es gibt die Bohrer und die Zieher“, sagt Frank. Die eine Gruppe bohrt den Baum an und prüft seine Statik nur anhand der Fäulnis in seinem Inneren, der Restwandstärke. „Nach diesen Regeln würde ich wetten, dass ich den Baum fällen müsste“, sagt Frank. Die Zieher meinen, das sei egal, es zähle nur, wie sich der Baum unter Last verhält: Kronenfläche, c/w-Wert, Neigung und Dehnung werden gemessen und berechnet. Anhand eines Katalogs lässt sich daraus die Standfestigkeit bestimmen.

          Die Kenneleiche hat also Glück, nicht an einen Bohrer geraten zu sein, sondern an Fabian Frank, der noch einige Pläne für ihre Zukunft hat. „Jetzt holen wir das tote Holz heraus und reduzieren den Baum gleichzeitig etwas, weil er die dünnen Äste nicht versorgen kann.“ Das würde der Baum früher oder später selbst tun, aber der Baumpfleger macht’s schonender: „Einen kleinen Schnitt kann der Baum besser verheilen als einen riesigen Ausriss im Stamm.“

          Er hat schon Baumbesetzer von Robin Wood ausgebildet

          Es muss also so viel wie nötig weggeschnitten werden, um die Standfestigkeit zu gewährleisten, gleichzeitig so wenig wie möglich, damit der Baum sich mit seiner grünen Blattmasse noch gut versorgen kann. Wasserschosse, die quer durch die Krone schießen, werden ebenso herausgenommen wie einzelne sehr dichte Äste. Dann werden die Spitzen eingekürzt, um die Äste zu entlasten, damit nichts bricht.

          Fabian Franks Kollege fühlt sich am wohlsten, wenn er oben im Korb des Hubsteigers steht. Er bearbeitet die Stämmlinge, bis zu 30 Zentimeter dick, die dumpf auf dem Boden aufschlagen. Oben in der Krone wiederum ist Frank gefragt: Er wirft Seile über Astgabeln, schnallt sich einen Gürtel mit Arbeitsgerät um, auch eine Kettensäge hängt daran, und begibt sich selbst in den Baum. So erreicht er, halb schwingend, halb kletternd, auch dichte Kronen direkt am Stamm. Viele Baumpfleger können Seilklettern, Frank bietet selbst Kurse an. Er hat schon Baumbesetzer von Robin Wood ausgebildet – und in der Woche darauf dann Polizisten, um Baumbesetzer wieder herunterzuholen.

          „Ich bin gar nicht so doof mit der Motorsäge“

          Im Jahr 2002, mit 20 Jahren, hat Frank sein Gewerbe angemeldet. „Ich wurde schon ganz früh angefixt.“ Als Zwölfjähriger verdiente er sich sein erstes Taschengeld damit, einem Baumschneider beim Häckseln zu helfen. „Dann war mal ein kleinerer Baum zu schneiden, und es stellte sich heraus, dass ich gar nicht so doof bin mit der Motorsäge.“ Es folgte eine Lehre als Forstwirt und die Einsicht, doch lieber nicht Förster werden zu wollen.

          Stattdessen ging es zurück zu den Bäumen und auf die Walz: im Auto schlafen, durch Europa fahren, Klettern lernen, Bäume schneiden. „Für mich ist die Vermittlung wichtig. Ich bin manchmal eine halbe Stunde beim Kunden. Die müssen wissen, warum ich das mache. Die müssen ihren Baum verstehen.“ Und warum er zum Beispiel den Baum nicht einfach irgendwo kappen möchte. Die Kunden, die Bäume, das Klettern – das macht für Frank den Reiz an seiner Arbeit aus. „Ich liebe meinen Job. Aber ich habe in meiner Wohnung keine Grünpflanze, weil ich zu Hause kein Grün mehr sehen kann.“

          Die Ausbildung zum Tree Worker ist noch recht jung, aber Baumpflege gab es schon immer. „Die Dorflinden wurden immer von ihren Bewohnern gehegt und gepflegt“, sagt Frank. Erst in der Zeit der Industrialisierung war plötzlich alles im Weg, viele alte Bäume wurden gefällt. In den Weltkriegen war es nicht besser, Bäume wurden weggebombt oder zu Brennholz verarbeitet. Naturdenkmäler haben sich vor allem abseits der Städte erhalten, in Dörfern oder auf freiem Feld.

          Radikale Maßnahmen zur Baumsanierung

          In den sechziger und siebziger Jahren waren Bäume vor allem Schmuckwerk und wurden oft auf zu kleine Pflanzflächen gesetzt. Straßen wurden repariert, dabei Wurzeln beschädigt. Oder es wurde zu viel des Guten getan, etwa mit der Baumchirurgie, die mit radikalen Maßnahmen Bäume sanierte: Wundstellen wurden großflächig ausgefräst, verplombt oder sogar ausgegossen und mit wachsartigem Holzschutz eingepinselt. Dadurch entsteht vor allem ein Biotop für Pilze und Bakterien. Mit den Folgen kämpfen die Baumpfleger bis heute.

          Erst Anfang der achtziger Jahre kam man mit der „Neuen Baumpflege“ zu der Erkenntnis, dass Bäume sich selbst helfen können und sich mit den Barrier Zones gegen Fäulnis abschotten. „Man soll einfach die Finger weglassen und den Baum nur in seiner Statik unterstützen“, sagt Frank. Und vernünftig schneiden.

          Die Klimabedingungen für Schädlinge wie Pilze sind gut

          Die Kenneleichen in Kaiserslautern haben zwei Weltkriege, Industrialisierung, bayerische und französische Herrschaft, Napoleonische Kriege und den Spanischen Erbfolgekrieg durchgestanden und dabei einen Stamm ausgebildet, den zwei Menschen nicht umfassen können. Unter optimalen Bedingungen können einige Baumarten, Linden oder Eichen, älter als tausend Jahre werden.

          In Deutschland ist das eher schwierig, denn die Klimabedingungen für Schädlinge wie Pilze sind zu gut. Jeder Baum hat einen Lebenszyklus, der ist nicht unendlich. „Wir Baumpfleger sind da zerstritten. Wir sind, obwohl ich den Vergleich nicht mag, darin wie Ärzte“, sagt Frank. „Man sollte einen Baum auch in Würde sterben lassen. Oder, wenn er eine Gefahr ist, irgendwann einmal fällen, und nicht ständig intensivmedizinisch betreuen und um jeden Preis erhalten.“

          Die Kenneleiche kann in Würde altern

          Die Kenneleiche bekommt einen normalen Rückschnitt, das sind sechs Stunden Arbeit, und sie kann in Würde altern. „Das ist wie ein älterer Herr, der hat zwar ein paar Schmerzen, er ist vielleicht am Krückstock unterwegs, aber er kann noch rausgehen und hat noch ein lebenswertes Leben. Das ist für mich wichtig. Man kann viel machen, aber man sollte nie alle Möglichkeiten ausreizen.“

          Es gibt aber auch Sonderfälle, etwa die über die 600 Jahre alte Bartek-Eiche, ein Naturdenkmal in Polen. Da sei es berechtigt, den Baum so lange wie möglich zu erhalten, meint Frank – und eine Bogenkonstruktion zu bauen, an denen die Äste wie Marionetten hängen, um den Stamm zu entlasten.

          Gegen zwei Uhr sind die Arbeiten fast abgeschlossen. Der Häcksler wird von einem weiteren Kollegen Franks mit kleineren Ästen gefüttert, die Schnitzel fliegen seitlich ins Gebüsch. Die großen Stücke werden als Brennholz verwendet und aufgeschichtet. Die Kenneleiche sieht gerupft aus, aber sie wird die kahlen Bereiche bald schließen. Sie hat jetzt beste Voraussetzungen, sich zu erholen und den Biergarten noch lange zu beschatten – ohne dass jemandem etwas auf den Kopf fällt.

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