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Ulf Merbold: Vor 25 Jahren zum ersten Mal im All : Von oben sieht man keine Grenzen

Bild: F.A.Z.

Vor 25 Jahren flog Ulf Merbold ins All – als zweiter Deutscher und erster Westdeutscher. Am Kölner Astronautenzentrum ist der pensionierte Astronaut noch heute anzutreffen. Dort findet erstmals seit sechzehn Jahren wieder eine Bewerbungsrunde für neue Astronauten statt.

          Der Weg ins All führte durch diese Zeitung. Im Jahr 1977 kaufte sich Ulf Merbold eine Samstagausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und blätterte durch den Stellenmarkt. Und da war es: Die europäische Weltraumbehörde Esa suchte einen „Wissenschaftler im Weltraumlabor“.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Unbedingt wollte er gar nicht in den Weltraum, sagt Merbold. Seine feste Anstellung am Max-Planck-Institut ließ damals kaum Wünsche offen: „Das war ein Paradies für Forscher.“ Mitte dreißig war er damals, und alles lief auf ein geregeltes Leben hinaus. Warum er sich dann doch als Astronaut bewarb? „Aus Neugierde.“

          Der einzige Deutsche, der drei Mal im All war

          Merbold ließ im Laufe der Jahre 700 Mitbewerber hinter sich. Am 28. November 1983 startete er mit dem amerikanischen Space-Shuttle „Columbia“ als erster Astronaut aus dem Westen Deutschlands ins Weltall – vor genau 25 Jahren. Fünf Jahre vor ihm flog zwar der DDR-Bürger Sigmund Jähn schon mit den Sowjets ins All.

          Ulf Merbold

          Eines aber hat Merbold seinen Landsmännern im All bis hin zu Thomas Reiter voraus: Er ist der einzige Deutsche, der drei Mal im Orbit war. Überhaupt, sagt Merbold, sei ihm vor allem eines in Erinnerung geblieben, wenn er – sofern ihm die 72 Experimente im Spacelab-Modul Zeit ließen – auf die Erde hinabblickte: Grenzen sieht man von oben nicht.

          Merbold empfängt in der Ausbildungshalle des Europäischen Astronautenzentrums (EAC) in Köln. Sitzgelegenheiten finden sich im Nachbau eines Moduls der Internationalen Raumstation (ISS). Auch wenn die angefressenen Waschbetonbauten aus den siebziger Jahren nicht so aussehen: Hinter den Siebziger-Jahre-Fassaden befindet sich Spitzentechnologie und eine neue Generation ambitionierter Raumfahrer. Im Juni fand erstmals seit 16 Jahren wieder ein Auswahlverfahren für neue Astronauten statt.

          Weil Merbold nicht der SED angehören wollte, durfte er nicht studieren

          Seit 1987 ist Merbold hier in Köln am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt beschäftigt gewesen. Er baute das EAC mit auf. Leiter der Astronautenabteilung wurde er 1995. In den Jahren 1992 und 1994 war er noch einmal ins All geflogen, zuletzt an Bord einer russischen Sojus zur Raumstation Mir. Die Raumfahrt hält Merbold zwar für nicht politisch. „Aber für die Völkerverständigung ist ihr Wert kaum hoch genug einzuschätzen.“

          Für die Politik instrumentalisieren lassen wollte sich Merbold nie. Überhaupt bewundere er seinen vermeintlichen Konkurrenten Jähn, nicht bloß, weil beide 40 Kilometer entfernt voneinander im Vogtland aufgewachsen waren. Weil Merbold nicht der SED angehören wollte, durfte er nicht studieren. Und so ging er über die noch offene Grenze nach West-Berlin, später nach Stuttgart, wo er Physik studierte und darin auch promoviert wurde. Jähn wurde Kosmonaut, Merbold Astronaut.

          „Auch eine Marsmission traue ich mir noch zu“

          Am EAC ist der pensionierte Raumfahrer heute noch ehrenamtlich beschäftigt: „Ab und zu mache ich mit den Astronauten noch Flugübungen mit ein- oder zweimotorigen Flugzeugen“, sagt Merbold. Fliegen ist die Leidenschaft des 67 Jahre alten Pensionärs, der zehn Jahre jünger aussieht. Gerade kommt er aus Ägypten und aus dem Sudan zurück. Geflogen ist er dort selbst. Bis heute absolviert er den medizinischen Test für Astronauten erfolgreich. „Auch eine Marsmission traue ich mir noch zu.“

          Noch viel lieber aber streitet Merbold heute für das Wohl der Raumfahrt und für die kulturellen Errungenschaften, die sie mit sich bringt. Merbold wird nicht müde, einen Satz zu wiederholen: „Wenn wir unseren Wohlstand nur dazu nutzen würden, in der Toskana zu wandern und gut zu essen, dann würden wir in der Geschichte keine Spur hinterlassen.“

          Der unmittelbare wissenschaftliche Nutzen der Raumfahrt ist möglicherweise gering. Überhaupt, sagt Merbold, sei vor allem Kultur der Grund, bemannte Raumfahrt durchzuführen. Ein Dienst an der Menschheit, so meint er, sei kaum in Geld zu bemessen. Doch von einer Diskussion um Geld und Raumfahrt hält Merbold nicht viel: „Wenn man bedenkt, dass die EU nach wie vor die Hälfte ihres Budgets für Agrarsubventionen ausgibt, dann ist das eine scheinheilige Diskussion.“ Rückwärtsgewandte Zahlungen nennt das der Astronaut. Raumfahrt hingegen sei eine Vision der Zukunft. Noch bleiben die Budgets der Europäischen Raumfahrtagentur stabil. Auch das Ende des Kalten Krieges konnte der Raumfahrt wenig anhaben: Seit dem Jahr 2000 befinden sich permanent Menschen im All.

          8000 Interessierte für die nächste Astronautenausbildung

          Um Nachwuchs muss sich niemand sorgen. Mehr als 8000 Interessierte haben ihre Bewerbungsunterlagen am EAC eingereicht. „Ich bin begeistert von dem Potential, das wir in Europa haben“, Ausbildungsleiter Gerhard Thiele, der selbst noch von Merbold ausgebildet wurde. Zur Zeit sind noch 192 Bewerber im Rennen. Im Frühjahr wird das EAC dann mindestens vier Astronauten fest einstellen. Einer von ihnen, sagt Thiele, werde gute Chancen haben, der erste Europäer auf dem Mond zu sein.

          Zum Mars fliegen – das sei die Herausforderung des 21. Jahrhunderts, sagt Merbold. Er selbst hätte dazu Lust, schließlich ist auch John Glenn mit 77 Jahren noch mal ins All geflogen. „Die Reisezeit ist mir allerdings zu lang. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die froh sind, wenn sie mal weg sind von ihrer Frau.“ Erst sollte man den Ionenantrieb für Raumschiffe erfinden. So ein elektrischer Antrieb könnte die Reisezeit auf wenige Monate verkürzen.

          Merbolds Nachfolger Thiele sieht es ganz klar: „Die ersten Mars-Astronauten sind bereits geboren. Sie wissen bloß noch nichts von ihrem späteren Job.“ Das Geld für eine Marsmission – rund 100 Milliarden Euro – sei auch keine utopische Summe: „Das ist ein Siebtel des Hilfspakets Amerikas für seine Wirtschaft“, meint Thiele. Die Nachfolger Ulf Merbolds könnten also fast per Billig-Ticket in unendliche Weiten entschweben.

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