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Ukraine-Krise : Steinmeier reicht’s

Wutrede: Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Berlin Bild: dpa

Erst hält Frank-Walter Steinmeier eine Wutrede und landet einen Youtube-Hit, dann bittet er auf Facebook um eine respektvolle Diskussion. Der Außenminister hat offenbar genug von den Putin-Verstehern, die ihn zum Kriegstreiber erklären.

          Wer in der Ukraine-Krise auf Seiten der Majdan-Bewegung steht und nicht auf Seiten Russlands, sollte dieser Tage ein dickes Fell haben. Die Argumente der Putin-Versteher lassen sich auf einige griffige Schlagworte bringen. Die Gegenseite besteht wahlweise aus Faschisten-Unterstützern, Vasallen Washingtons oder Kriegstreibern. Die Kommentarspalten deutscher Nachrichtenseiten und die sozialen Medien quellen über vor derlei Einlassungen.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Das bekommen auch Politiker zu spüren, mehr als die meisten anderen vermutlich Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), dessen Gesicht besonders für die Unterstützung Deutschlands der Majdan-Bewegung steht. Dass er der Anfeindungen überdrüssig ist, zeigt ein Beitrag auf seiner Facebook-Seite vom späten Dienstagabend, der um ein respektvolles Miteinander der Diskutanten wirbt – und mit Löschung unpassender Beiträge droht.

          „Ein unglaublich ekliger Widerstand“

          So heißt es etwa: „Beleidigungen, sexistische oder rassistische Äußerungen und antisemitische Beiträge werden von uns gelöscht. Ebenso Beiträge mit vulgärer, missbräuchlicher oder hasserfüllter Sprache.“ Viele Facebook-Nutzer zeigen in ihren Kommentaren Verständnis, einer schreibt: „Frank-Walter, dir begegnet hier, auf Facebook, ein unglaublich ekliger Widerstand aus allen verschiedenen Ecken, von 'Friedensdemonstranten', die Ursache und Wirkung der Ukrainekrise durcheinander bringen. Lass dir gesagt sein, dass dies NICHT die Meinung der Deutschen repräsentiert.“

          Der Verdacht liegt nahe, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Steinmeiers Bitte um ein gedeihliches Miteinander auf Facebook und einer Veranstaltung zum Europawahlkampf am Tag zuvor auf dem Berliner Alexanderplatz. Dort nämlich ist Steimeier, kurz gesagt, die Hutschnur gerissen.

          Kaum hatte Steinmeier seine Rede begonnen, da versuchte ihn eine Gruppe mit Trillerpfeifen und „Stoppt die Nazis in der Ukraine“-Schildern niederzubrüllen. Demonstranten riefen immer wieder „Kriegstreiber“. Was danach geschah, erfreut sich im Internet unter dem Stichwort „Wutrede“ mittlerweile einiger Beliebtheit. Ein Video der Rede auf Youtube wurde mehr als 400.000 Mal geklickt.

          Steinmeier brüllt zurück

          Das Video zeigt eine ganze neue Seite des sonst so besonnen Außenministers. Steinmeier brüllt zurück: „Ihr solltet euch überlegen, wer hier die Kriegstreiber sind. Wer eine ganze Gesellschaft als Faschisten bezeichnet, der treibt den Krieg, der treibt den Konflikt.“ Anstatt einfach zu seinem Text zurückzukehren, verteidigte Steinmeier dann seinen Kurs des Dialogs in der Ukraine-Krise: „Weil wir den Frieden wollen, dürfen wir es euch nicht so einfach machen. Die Welt besteht nicht auf der einen Seiten aus Friedensengeln und auf der anderen Seite aus Bösewichten.“

          Und dann gelingt Steinmeier, was er trotz Europawahlkampf so ohne Störer wohl nicht hinbekommen hätte: ein flammendes Plädoyer für die europäische Idee. „Dieser Protest dahinten zeigt, dass es immer noch Menschen gibt, die Europa nicht verstanden haben“, ruft er. „Europa, das ist die Lehre aus Zeiten, in denen man sich nicht zugehört hat, in denen man aufeinander geschossen hat.“

          Die Reaktionen auf die Rede fallen geteilt aus. Neben Kommentaren wie „Danke, Herr Steinmeier! Es passiert viel zu selten, dass ein Spitzenpolitiker so deutlich und engagiert Europa verteidigt!“ finden sich auf Youtube und in den sozialen Medien auch die Einlassungen derer, die sich vom Ausbruch des Außenministers direkt angesprochen gefühlt haben dürfen. „Die wahren Faschisten sitzen nach wie vor im Reichstag“, schreibt ein Nutzer. „Wir sollen die Klappe halten, damit er und seine Kollegen seelenruhig tun und lassen können wie ihnen beliebt.“

          Auch Steinmeiers Facebook-Beitrag zur Netiquette wird rege diskutiert, freilich nicht nur lobend. „Und dann stelle ich mir schon die Frage, ob es wirklich der Tonfall war, der Ihnen missfallen hatte, oder doch eher der Inhalt, da er unbequeme Wahrheiten dargelegt hatte?“, schreibt ein Nutzer. Richtig fiese Anfeindungen sucht man jedoch vergebens. Die wurden wohl allesamt gelöscht. Man kann sich vorstellen, wie die Betroffenen zuhause toben und ihrem Bildschirm etwas über Propaganda und die Doppelmoral des Westens erzählen.

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