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Ufo-Verdacht : „Das kommt aus dem Nichts und vergeht im Nichts“

Kein Grund zur Panik: So schön kann ein Meteor sein Bild: AP

Eine Großsternschnuppe hat in mehreren Bundesländern eine Vielzahl von Beobachtern verunsichert: Sie glaubten, ein Ufo gesehen zu haben. In Mannheim beschäftigt sich eine Gruppe von Hobbyastronomen seit 1976 mit solchen Meldungen.

          Als ein ehemaliger Berufssoldat am Montagabend etwa um 21.30 Uhr in Stockach zum Wäscheabnehmen auf den Balkon tritt, fühlt er sich an eine Panzerschießübung erinnert: Was der 54 Jahre alte Mann etwa fünf Sekunden sieht, ist eine Großsternschnuppe, also ein kirschkerngroßes Stück Gestein, das in die Atmosphäre eintritt und verglüht. Die Astronomen sprechen von einem Meteor. Wenige Minuten später steht das Telefon beim „Centralen Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene“ (Cenap) in Mannheim nicht mehr still.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Werner Walter, 49 Jahre alt, Einzelhandelskaufmann und Hobbyastronom vom Cenap, findet in dieser Nacht keine Ruhe mehr. Bis zum frühen Morgen melden sich immer wieder Bürger, die von ihren Erlebnissen berichten wollen. „Der Soldat war der Erstbeobachter, der konnte zackig seine Eindrücke schildern. Die meisten Anrufer machen die Aussage, so etwas hätten sie noch nicht gesehen“, sagt Walter.

          Eine „Untertasse“, die „am Himmel explodiert“

          Anrufer aus den baden-württembergischen Städten Trossingen und Rastatt, aus dem rheinland-pfälzischen Edenkoben und später auch aus dem niedersächsischen Hildesheim berichten über das Lichtphänomen am Himmel. Manch ein beunruhigter Himmelsbeobachter telefoniert über Stunden, ruft erst die Verwandten, dann die Polizei, die Lokalzeitung und schließlich die Mannheimer Ufo-Forscher an.

          Manche Anrufer hätten von einem „Ufo“ gesprochen, was ja nur ein laienhafter Versuch sei, ein astronomisches Phänomen ohne Fachvokabular zu beschreiben. „Ufo, das heißt ja nur unidentifiziertes Flugobjekt“, sagt Walter. Eine Frau aus Colmar habe von einer „Untertasse“ erzählt, die „am Himmel explodiert“ sei. „Nach den ersten Berichten gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder es war ein Reentry-Phänomen, ein Teil Weltraumschrott, der in die Atmosphäre eintritt, oder eben ein Meteor.“ Weil Flugkörper, die wieder in die Erdatmosphäre eintreten, wegen der Erdumdrehung sich zumeist von Westen nach Osten bewegten, sei ihm nach wenigen Telefonanrufen klar gewesen, dass es ein Meteor war.

          „Auch Jimmy Carter glaubte an ein Ufo“

          Typisch für einen Meteor seien das geräuschlose Verpuffen und der rotorangefarbene Verpuffungsregen, von dem fast alle Anrufer berichtet hätten. „Es ist ein Schauspiel und jagt den Puls hoch.“ Die Beobachter schilderten eine Sternschnuppe mit weißem Kopf, die grünlich schimmerte und einen roten Schweif hatte. Gewissheit gab Walter auch ein Bild einer Schweizer Wetterstation. „Das kommt aus dem Nichts und vergeht im Nichts“, sagt Walter. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200.000 Stundenkilometern treten die Gesteins- oder Metallbrocken aus dem Weltraum in die Atmosphäre ein. Die grüne Farbe dieser Sternschnuppe könnte ein Hinweis auf ein kupferhaltiges Material sein.

          Seit 1976 gibt es das Cenap, das eigentlich nur aus den Gründern Werner Walter und Hansjürgen Köhler in Mannheim, ihren Privatwohnungen und zahlreichen weiteren Falluntersuchern besteht. Walter und Köhler sind Hobbyastronomen. Mehr als 1500 vermeintliche „Ufo-Meldungen“ haben sie untersucht. Oftmals steckten hinter den Berichten über vermeintliche Ufos nur die Scheinwerfer der Dorfdiskothek oder die Positionslichter von Flugzeugen. Die Gründer des Forschungsnetzes sind Kinder des Raumfahrtzeitalters: Die Mondlandung verfolgten sie als Jugendliche am Fernsehgerät. Seit mehr als zwanzig Jahren versuchen sie nun, das „Mysterium unidentifizierter Flugobjekte“ aufzuklären, von der esoterischen Ufo-Szene halten sie sich fern.

          Vielleicht seien die Ufos und die „Ufologie“ eine Narrheit, über die man in späteren Jahrhunderten lachen werde wie über die Phrenologen. Die hätten versucht zu beweisen, dass sich die Intelligenz eines Menschen an der Zahl der Wölbungen auf seinem Schädel ablesen lasse. Walter und Köhler finden es nicht peinlich, wenn die Anrufer von ihren zum Teil merkwürdigen Beobachtungen berichten. „Auch Jimmy Carter glaubte im November 1969, ein Ufo entdeckt zu haben“, sagt Walter. „Und dann war es doch nur die Venus. Präsident ist er ja dennoch geworden.“

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