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Überwachung in China : Punkte für gefälliges Verhalten

Sieht so ein guter Bürger aus? Und vor allem: Konsumiert er genug? Bild: AFP

In China wird der digitalisierte Mensch ins Raster eingepasst: Für sozial erwünschtes Verhalten gibt es Punkte, für Punkte gibt es Leistungen. Es klingt wie eine Dystopie. Wird es zum Pflichtprogramm?

          Das klinge so, als setze jemand eine Dystopie aus allen seinen Romanen zusammen und mache sie zum Leitfaden seiner Politik, schrieb der kanadische Schriftsteller Cory Doctorow dieser Tage in seinem Blog. Es sei alles drin und dran: „Bevormundung, Überwachung, soziale Kontrolle, Sippenhaft, Aufbau einer Verhaltensökonomie, ideologisch bestimmtes Verschweigen und Isolation“. Wer macht so etwas?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Chinesen beziehungsweise die Online-Konzerne Alibaba und Tencent, die das chinesische Internet dominieren und eine App mit Kreditpunkten aufgelegt haben. Deren Prinzip lautet: Für sozial erwünschtes Verhalten gibt es Punkte. Bei 350 Punkten geht es los, maximal zu erreichen sind 950. Von sechshundert Punkten an gibt es günstige Kredite, man kommt aber nicht nur an Geld, sondern auch leichter an ein Visum. Von 700 Punkten an darf man nach Singapur, eine Reise nach Europa steht dem Nutzer von 750 Punkten an offen. So funktioniert der „Citizen Score“.

          Richtiges und falsches Verhalten

          Die Frage ist selbstverständlich, wofür Punkte vergeben und warum sie einem Bürger womöglich abgezogen werden. Und da könnte das chinesische Bürgerbewertungsportal alle Vorgaben eines Regimes erfüllen, das mittels totaler Datentransparenz das perfekte Überwachungssystem errichten und auf jeden Einzelnen so lange einwirken will, bis er sich der herrschenden Lehre vollständig angepasst hat. So gebe es Punktabzüge für Kritik an der Kommunistischen Partei oder an sozialen und gesellschaftlichen Missständen, ein Punkteplus wiederum stehe für Jubeläußerungen ins Haus, erwünschte soziale Aktivitäten und das richtige Einkaufsverhalten.

          Die Daten kann jeder einsehen, in die Wertung fließt nicht nur das eigenen Verhalten ein, sondern auch das von Freunden und Bekannten, mit denen man über soziale Medien verbunden ist. Noch ist das System freiwillig, von 2020 an soll es für alle, die einen chinesischen Pass besitzen, obligatorisch sein. Gibt es das wirklich? Der „Citizen Score“ ist unbestritten, wie weit er reicht, ist aufgrund der Quellenlage aber unklar. Ist es eine chinesische Schufa, also eine Auskunftei, die sich auf pekuniäre Angaben zur Kreditwürdigkeit beschränkt, oder lassen die Dokumente, die der belgische China-Experte Rogier Creemers, der an der Universität Oxford arbeitet, schon vor einigen Monaten aufgetan hat, vermuten, dass es tatsächlich um die vollständige Vermessung des Menschen geht?

          „Big Brother“ lässt grüßen

          Naheliegend ist es und den Überlegungen des Schriftstellers und Google-Stipendiaten Douglas Coupland sehr ähnlich, der Punkte verteilen will, mit denen Menschen sich Freiheitsrechte verdienen können. Sehr weit entfernt von dem Status quo der digitalen Verhaltensüberwachung, die uns von Firmen und Institutionen in der freien Welt schmackhaft gemacht werden, ist das nicht mehr: Versicherungskonzerne belohnen eine gesunde Lebens- oder eine umweltverträgliche Fahrweise, wer das empfohlene tägliche Workout nicht macht, sich schlecht ernährt und nicht im Schritttempo mit der Hybridkutsche durch die Tempo-30-Zone zuckelt, zahlt höhere Beiträge, wird beim Chef gemeldet, hat bei der nächsten Beförderungsrunde schlechte Karten oder bekommt keinen Operationstermin.

          Gerade war der Aufschrei groß, als die beiden kanadischen Startupperinnen Julia Cordray und Nicole McCullough ihr App-Projekt namens „Peeple“ lancierten, bei dem man nach Belieben andere Menschen bewerten können soll. Nach massiver Kritik ist nun die Rede davon, dass Punkte (in diesem Fall Sterne) nur für Leute verteilt würden, die freiwillig mitmachten, und es nur um positive Urteile gehe. In China sollen Nutzer derweil mit ihrem „Citizen Score“ schon angeben. Ich habe Punkte, also bin ich - ein „guter“ Mensch. George Orwells „1984“ liegt in chinesischer Übersetzung immerhin vor.

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