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Überlebende des 11. September : Willkommen im zweiten Leben

Leokadia Glogowski auf der Führung "Triute WTC 9/11 in Manhattan New York Bild: ©Helmut Fricke

Leokadia Glogowski überlebte den Angriff auf das World Trade Center. Ihr Büro war im 82. Stockwerk des Nordturms. Nur wenige Stockwerke über ihr war das Flugzeug eingeschlagen. Heute führt sie Gedenktouristen über das Gelände.

          Auch sie sei betroffen, sagt Leokadia Glogowski gleich zu Beginn, als sie vor der Erinnerungstafel für die 343 Feuerwehrleute steht, die vor zehn Jahren am World Trade Center ums Leben kamen. „Aber Fragen dazu bitte später.“ Leokadia Glogowski geht schnellen Schrittes voran, 40 Gedenktouristen hinterdrein. Wenn diese Frau etwas aufhält in ihrem neuen Leben, dann höchstens der Schaufelradbagger, der von Ground Zero kommt und bei Rot und bei Regen mit Holzbohlen am Haken über die Greenwich Street fährt.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Ob sie in ihrem ersten Leben auch so war? Immerhin floh sie in den achtziger Jahren aus ihrem Heimatland Polen. Lebte zwei Jahre lang, von 1987 bis 1989, in Rheinland-Pfalz. Bekam dann eine Green Card und zog mit ihrem Mann Marek und ihrem Sohn Michael nach New York. Schon damals hielt sie nichts in ihrem langen Lauf zu sich selbst auf. Und so war es dann sicherlich auch göttliche Fügung, wie sie selbst es heute sieht, dass sie am Morgen jenes 11. September 2001, nachdem sie um sechs Uhr aufgestanden war und mit ihrem Mann gefrühstückt hatte, doch nicht zu den High-Heels griff, wie eigentlich geplant, sondern zu den sportlichen flachen Schuhen. Vielleicht wollte sie auch einfach nur vorankommen.

          „Und jetzt habe ich ein zweites Leben“, sagt Leokadia Glogowski, als sie auf dem überdachten Fußgängerüberweg über der West Street steht, die größte Baustelle New Yorks in ihrem Rücken, sechseinhalb Hektar mit ein paar halbfertigen Hochhäusern und den Gedenkgewässern, wo früher die beiden Türme standen. „Aber erst einmal die Frage: Woher stammen Sie denn alle?“ Aus Australien, Spanien, Großbritannien, Deutschland, dem Mittleren Osten, aus Kalifornien, Massachusetts, New Jersey und Harlem. „So ist das bei jeder Führung: Wir haben immer Gäste aus aller Welt. Und das passt ja auch: Denn diese Katastrophe war nicht nur ein New Yorker, sondern ein internationales Ereignis.“

          Der Ort, den man nicht mehr Ground Zero nennt

          Als Ingenieurin liebte sie diese Türme

          Leokadia Glogowski, mit Nike-Turnschuhen, Jeans und roter Regenjacke auf alles eingestellt, zeigt mit vagen Handbewegungen auf die Bagger, Kräne, Lastwagen. „Da ungefähr habe ich gearbeitet. Und ganz oben“, sie zeigt in den Himmel, „da war ein teures Restaurant. Einmal war ich dort, ich war eingeladen.“ Ihr Büro war im 82. Stockwerk des Nordturms. Wenn sie an Regentagen den Expressaufzug in den 78. Stock nahm, dann den „local elevator“ in den 82. Stock, kam sie oben bei schönstem Sonnenschein an. „Die Wolken waren oft unter mir. Oben wussten wir gar nicht, was für ein Wetter unten war. Wir sahen ja nur bunte Punkte: Das konnten Menschen oder Regenschirme sein.“

          Zur Einführung auch die Frage: „Was passierte hier am 26. Februar 1993?“ Eine Frau meint: „Der erste Anschlag!“ Und Leokadia macht einen Witz: „Sie ist smart, sie ist aus Harlem.“ Damals, als Islamisten eine Autobombe explodieren ließen, sieben Menschen getötet und Tausende verletzt wurden, arbeitete Leokadia Glogowski ein paar Blocks weiter nördlich. Sie bemerkte nichts, bis ihre Schwester aus Polen besorgt anrief. Ihren Kollegen berichtete sie, im World Trade Center habe es eine Explosion gegeben. Woher sie das wisse, wollten die Kollegen wissen. „Aus Polen.“ Eine solche Unwissenheit sei typisch gewesen für die Stadt in der Stadt: „Auch am 11. September wussten viele Menschen in den Türmen nicht, was eigentlich geschah.“

          Vor zehn Jahren war unten und oben schönes Wetter. Mit ihrem Mann war sie von Brooklyn herübergekommen und hatte sich aus dem Auto die Skyline angeschaut, das weiß sie noch genau. Als Ingenieurin liebte sie diese Türme. Im schmucklosen Baustil erkannte sie Schönheit und Würde. Ihr Mann ließ sie am Fuß des Nordturms aus dem Wagen. Sie fuhr nach oben. Um 7.30 Uhr war sie im Büro, an der Ostseite des Turms. Um 8.46 Uhr, da waren schon etwa 17. 000 Angestellte in den beiden Türmen, gab es einen Knall, der Turm neigte sich, die Bücher flogen aus den Regalen, der Turm neigte sich zurück und pendelte sich wieder ein. „Raus, raus“, schrie ein Kollege, sie öffnete die Tür - und stand vor einer Wand aus schwarzem Rauch. Nur wenige Stockwerke über ihr war das Flugzeug eingeschlagen. Niemand, der über der Einschlagstelle war, überlebte. Insgesamt kamen etwa 2700 Menschen an Nord- und Südturm um. Und auch sie dachte: „Das war's.“

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