https://www.faz.net/-gum-8j7gy

Mitte des Lebens : Bereit für die zweite Halbzeit?

„Eine eigene Welt erschaffen“: Andreas Huth hat sich neu erfunden und verkauft nun Tipis. Bild: Julia Zimmermann

Das Glücksgefühl ist wie eine U-Kurve: In der Mitte des Lebens kommt der Mensch oft an seinen Tiefpunkt. Manch einer macht dann radikale Änderungen – und findet seine wahre Passion.

          6 Min.

          Kerstin Humberg war 28, als sie Beraterin bei McKinsey wurde. Sie war gelernte Journalistin, hatte Geographie studiert und plötzlich das Gefühl, die Welt stehe ihr offen. Fortan reiste sie um den Globus, soziale und ökologische Fragen waren ihr Thema. So beriet sie eine afrikanische Umweltorganisation in Finanzfragen, entwickelte die Nachhaltigkeitsstrategie für ein globales Textilunternehmen und baute die Stiftung für ein saudisches Familienunternehmen mit auf. „Ein Traumjob“, erinnert sie sich. „Aber irgendwo in meinem Hinterkopf hatte schon immer der Wunsch geschlummert, mich irgendwann selbständig zu machen“, sagt die heute 38-Jährige. Als sie im Rahmen eines McKinsey-Trainings einen Harvard-Professor kennenlernte, der sie in die Positive Psychologie einführte – die erforscht, was den Menschen stärkt, sein Wohlbefinden steigert und das Leben lebenswerter macht –, da wusste sie, was sie als Nächstes tun wollte: „Glück produzieren.“ Sie kündigte, nach neun Jahren als Beraterin, „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, wie sie heute sagt. Und gründete „Yunel“, ein Unternehmen, das Erkenntnisse der Glücksforschung nutzt, um Menschen in der Lebensmitte bei der weiteren Planung zu unterstützen.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch Andreas Huth, 35, hat eine Hundertachtzig-Grad-Wende in seinem Dasein vollzogen. Bis vor kurzem war er als Visual Brand Manager bei einem großen Modelabel für die Konzeption der Stores und Messestände verantwortlich. Dann kam, nach elf Jahren, die Kündigung. Statt sich schnell eine neue Stelle zu suchen – sein erster Sohn war gerade vier Wochen alt –, ging Huth mit Frau und Säugling auf eine Wohnmobiltour durch Europa und anschließend noch für sechs Monate nach Bali. „Da haben wir überlegt, was wir ändern wollen in unserem Leben“, sagt Huth. „Wir haben schon immer sehr viele Ideen gehabt und in unserer Freizeit viele kreative Dinge ausprobiert, aber durch die Komfortzone der Festanstellung nie den Mut gehabt, uns an was Neues zu wagen.“ Nun aber war zumindest er frei – seine Lebensgefährtin arbeitet auch heute noch Vollzeit, sie ist wie Huth gelernte Gestalterin für visuelles Marketing und inzwischen Managerin bei einem Modelabel.

          „Entwicklungshelfer Ideenlabor“

          Weil sie ihre vielen Ideen nicht zu einer einzigen bündeln konnten, wandten sich Huth und seine Lebensgefährtin schließlich an Profis: Barbara Rörtgen und Tim Prell vom Düsseldorfer „Entwicklungshelfer Ideenlabor“ beraten Menschen, die sich ein ganz neues Leben vorstellen können, weil sie als Coachs für Berufstätige zunehmend die Erfahrung gemacht haben, „dass die Fragen, die unsere Klienten hatten, nicht mehr nur ihre berufliche Entwicklung, sondern ihre gesamte Zukunft betrafen. Die fragten nicht mehr nur: Wie will ich arbeiten? Sondern: Wie will ich leben?“, erzählt Rörtgen.

          Huth und seine Lebensgefährtin schilderten im Gespräch mit Rörtgen und Prell ihre Wertvorstellungen und überprüften ihre Ansprüche ans Leben. Und sie stellten dabei fest, was sie eigentlich schon wussten: dass sie sich sehr ähnlich sind, aber ein unterschiedliches Temperament haben. „Ich bin eher so ,Hau drauf‘ und ,Alles groß‘, und sie ist eher so ,Vorsichtig‘ und ,Warte mal‘. Das ergänzt sich gut“, erzählt Huth. Mit Hilfe von Rörtgen und Prell konnten sie dann aber endlich auch formulieren, was sie in Zukunft tun wollten: „Alle Skills in einen Topf werfen und eine eigene Welt erschaffen“, so formuliert es Huth.

          Wie die aussehen könnte, das haben sie inzwischen auch herausgefunden: Sie haben eine Firma für Interior Design gegründet, Tipiyeah heißt die, und sie verkauft online „Design-Wandschmuck und traumhafte Vintage-Strick-Tipis in unterschiedlichsten Variationen“, so Huth. Seine Entscheidung bereut hat er noch nie: „Das, was ich vorher gemacht habe, war nicht das, was ich am allerliebsten gemacht habe“, sagt er. „Ich habe meine Passion gefunden.“

          Weitere Themen

          Wer darf leben? Video-Seite öffnen

          F.A.Z.-Woche : Wer darf leben?

          Das Coronavirus stellt die Medizin vor ein ethisches Dilemma. Was passiert, wenn wir mehr Patienten als Intensivbetten haben? Finden Sie es heraus in der neuen Ausgabe der F.A.Z. Woche.

          Topmeldungen

          Ein Bild aus besseren Tagen: Olaf Scholz, Christine Lagarde, Paolo Gentiloni und Bruno Le Maire Mitte Februar in Brüssel

          Ideen von Scholz und Le Maire : EU-Kompromiss zu Corona-Hilfen in Sicht

          Die Politik will den schrillen EU-Streit um Maßnahmen in der Coronakrise deeskalieren. Deutschland und Frankreich verständigen sich auf drei Schritte, die Niederlande machen ein Friedensangebot. Umstritten bleiben die Corona-Bonds.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.