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Abgeschoben : Berlin und die Schmetterlinge im Bauch

Auf dem Flughafen Rostock-Laage startet eine Maschine, die rund 100 abgeschobene Asylbewerber in ihre Heimatländer zurückbringen soll (Archivbild). Bild: dpa

Diana und ihre Familie kommen aus Moldau. Ein Jahr lang lebten sie in Deutschland, dann wurden sie ausgewiesen. Wir haben die vier in dieser Zeit begleitet. Eine Geschichte über die Absurditäten des deutschen Asylsystems.

          9 Min.

          An dem Samstag, an dem wir zum letzten Mal gemeinsam durch Berlin spazieren, veranstaltet die Partei Die Linke einen Graffiti-Contest im Mauerpark. Diana, meine 15 Jahre alte Freundin aus Moldau, macht mit. Jeweils zwei Teilnehmer müssen ein vorgegebenes Wort in verschiedenen Schreibstilen an die Wand sprühen; wer den lauteren Applaus bekommt, gewinnt. Anschließend wird die Wand für die nächsten beiden Kandidaten weiß übertüncht. Die Sonne scheint, irgendwoher groovt Musik, Parteiaktivisten verschenken Gummibärchen. Es gibt schlechtere Orte, sich mit einer Jugendlichen den Nachmittag und die Wehmut zu vertreiben.

          Julia Schaaf
          (sha.), Leben

          Diana schnappt sich eine Spraydose in hellem Lila. Allerdings sind dem Moderator die Kampfbegriffe ausgegangen. „Liebe“, „Berlin“ und „Power“ waren schon, jemand im Publikum ruft „Würde“. Ich überlege, „Abschied“ oder „Zukunft“ vorzuschlagen. Der Moderator schreibt „Antifa“ an die Wand. Das, denke ich, werde ich später übersetzen müssen. Meine Freundin verliert, obwohl wir klatschen und pfeifen wie die Verrückten. Weiß ja keiner, dass am Vortag der Asylantrag ihrer Familie abgelehnt worden ist. Und wenn schon: Was macht das für einen Unterschied?

          Nichts gegen die Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Diana und ihre Familie sind weder ungerecht behandelt worden noch Kandidaten für die Härtefallkommission. Meine Freunde müssen ausreisen, und das werden sie auch tun. Ich bin sogar erleichtert, dass sie keinen Anwalt nehmen wollen, was die Zeit des Wartens auf eine absehbare Enttäuschung unnötig verlängern würde. So beherzt, tüchtig und lebensbejahend, wie diese Eltern mit ihren zwei Töchtern vergangenen Sommer nach Deutschland gekommen sind, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen, stellen sie sich nun der Rückkehr. Während Diana mit mir durch die Stadt spaziert, gibt ihre Mutter am Busbahnhof sechs große Koffer nach Moldau auf. Gleich am Morgen nach der Ablehnung haben sie gepackt. „Vor einem Jahr, als ich herkam, hatte ich einen Traum“, sagt Dianas Mutter. „Nun ist er zu Ende.“

          Symptome eines bizarren Systems

          Ich weiß: Das deutsche Asylrecht ist für Menschen gemacht, die Schutz vor politischer Verfolgung suchen, und angesichts der gigantischen Zahl an Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr ins Land gekommen sind, können natürlich nur jene dauerhaft bleiben, denen in ihren Heimatländern tatsächlich Gefahr für Leib und Leben droht.

          Trotzdem finde ich es bitter, dass meine Freunde jetzt auf die Rückflugtickets warten. Ihr Schicksal ist symptomatisch für die Absurditäten, die dadurch entstehen, dass eine führende Wirtschaftsnation in einer globalisierten Welt zwar ein großzügiges Asylrecht, aber kein Einwanderungsgesetz besitzt.

          Man muss sich das einmal klarmachen: Erst füttert dieser Staat Menschen durch, verdammt gesunde Erwachsene zur Untätigkeit und zahlt Unterkunft, Schulbesuch, Arztkosten, am Ende sogar die Heimreise. International verbreitete Zerrbilder von Deutschland als dem gelobten Land, in dem Wohlstand so selbstverständlich und frei verfügbar wäre wie die Luft zum Atmen, werden auf diese Weise verstärkt. Dummerweise hat die Flut der Anträge dazu geführt, dass dieser Wartezustand in der Vorhalle des vermeintlichen Paradieses zuletzt immer länger geworden ist.

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