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Tunnel im Trommelfeuer : Deutsche Stellung aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt

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In Carspach nahe Altkirch werden die Überreste deutscher Soldaten freigelegt, die am 18. März 1918 bei einem französischen Angriff verschüttet wurden. Bild: dapd

Archäologen haben im Elsass eine verschüttete deutsche Stellung aus dem Ersten Weltkrieg freigelegt. Bauarbeiten hatten das Grab von 21 Soldaten zutage gebracht.

          An manchen Stellen hat der Bagger den Lößboden glänzend gepresst. Im gelben Erdreich tun sich zähe Risse auf. Holzplanken ragen aus dem Boden. "Das alles hier ist eine Momentaufnahme", sagt Michaël Landolt vom Amt für Archäologie in Sélestat. "Unter der Erdschicht wurde der Zustand des Stollens nahezu unverändert konserviert." 93 Jahre lang waren wenige Meter entfernt von einem Kreisverkehr zwischen Altkirch und Carspach im elsässischen Sundgau 21 dort begrabene deutsche Soldaten in Vergessenheit geraten. Erst der Bau einer Umgehungsstraße in dem hügeligen Landstrich im Süden Mülhausens hat ihr Grab aus dem Ersten Weltkrieg zutage gebracht.

          Archäologen im Elsass wussten, dass die Männer damals in diesem Sektor verschüttet worden sein mussten, auch ihre Namen waren dokumentiert. Erste Untersuchungen bei der Vorbereitung der Straße im Jahr 2006 brachten Grabungsleiter Landolt und sein Team nicht weiter. Der Unterschlupf lag viel zu tief. Das technische Gerät, mit dem sie den Boden damals absuchten, gab keine Hinweise. Vor einem Jahr aber, als die Bagger mit der Arbeit für die Straße begannen, legten sie die oberen Bereiche des als Kilianstollen bekannten Unterschlupfs frei.

          Grabungsstätte lockt Touristen an

          Einer hatte es schon früher und auch besser gewusst. Jürgen Ehret, Krankenpfleger in der Schweiz und Hobbyhistoriker mit Spezialgebiet Sundgau-Front, hatte den Kilianstollen mit Hilfe einer Karte aus dem Stuttgarter Landesarchiv und einer Wanderkarte längst verortet. Landolt war über das Internet auf den Deutschen, der im Südelsass lebt, aufmerksam geworden. Jetzt hat sich Jürgen Ehret eigens freigenommen und hilft bei der Grabung.

          Sonst hält das Denkmalamt Geschichtsinteressierte auf Distanz. Nachts schottet ein Sicherheitsdienst den Ort ab. Trockene Herbsttage haben seit dem Beginn der Grabung am 13. September günstige Voraussetzungen geschaffen. Die Stelle am nördlichen Ende, wo die Toten gefunden wurden, schützt ein Zelt vor Wind, Sonne und Blicken. Touristen haben eigentlich keinen Zugang. Eine kleine Gruppe lässt sich an diesem Morgen nicht abwimmeln und wird denn doch an den Kilianstollen geführt. "Ja, wir haben eine dritte Marke gefunden", sagt Landolt in sein Handy, beendet das Gespräch und springt am südlichen Ende des Stollens vom planierten Weg neben der Anlage hinunter in die Grube. Die Holzdecke des Unterschlupfs fehlt, darunter tun sich Feldbetten mitsamt Drahtgeflecht auf. Holzstützen sind zu erkennen, in die Wand eingeschlagene Sitze, eine Glocke, ein Spaten. Der feuchte Löß hat sie gut konserviert.

          Stahlhelm und Stiefel: Fundstücke aus dem deutschen Kilianstollen Bilderstrecke

          Explosionen hatten die Soldaten begraben

          Was sich damals ereignete, hatte ein Militärhistoriker in einem 1934 veröffentlichten Band festgehalten: "Um ein Ausweichen der Besatzung zu verhindern, wurde durch die feindliche Artillerie eine starke Feuerglocke von Granaten und Schrapnells um den Stollen gelegt." Drei Explosionen an jenem 18. März 1918 brachten die Anlage auf einer Länge von etwa 60 Metern zum Einsturz und begruben 34 Männer. Etwa 150 Meter hinter der vordersten Frontlinie lag der Kilianstollen am Rand des Lerchenbergs, einer Anhöhe zwischen deutschen und französischen Geschützstellungen. Mitunter waren die feindlichen Soldaten nicht mehr als 20 Meter voneinander entfernt. Ein badisches Regiment grub den Unterschlupf im Januar 1916 und legte ihn wie einen Bergwerksstollen an: 125 Meter lang, 1,80 Meter hoch, auf einer Grundfläche von 150 Quadratmetern und mit 16 Eingängen. Die Treppen sind teils noch erhalten.

          Nach den Explosionen holten die Kameraden 13 der Verschütteten tot aus den Trümmern. Man kann bis heute sehen, wo sie Balken herausrissen. Danach stellten sie ihre Versuche ein - unter dem Druck des französischen Beschusses und wegen "technischer Schwierigkeiten": So wird in dem Dokument die Gefahr eines weiteren Einbruchs umschrieben. Nun sieht man bei Licht die Geographie des Kilianstollens, wie ihn das 94. Regiment am 4. April 1918 in Richtung Picardie verließ. Zwischen dem näher am Kreisverkehr gelegenen eingebrochenen Abschnitt und der nahezu intakten nördlichen Holzverschalung ließ die Macht des französischen Geschützfeuers die Wände in sich zusammenfallen. Eine Weinflasche, ein Senfglas, Stromkabel, ein Spaten und persönliche Gegenstände erzählen vom Alltag der Männer im Unterschlupf. Man fand sogar das Skelett einer Ziege ohne Hörner - die Soldaten hielten sie vermutlich um der Milch willen.

          Angehörige der Opfer sollen ausfindig gemacht werden

          Bezahlt wird die Arbeit der Archäologen vom Conseil Général, der politischen Vertretung des Départements Haut-Rhin (Oberelsass) in Colmar. Über die genaue Summe will man sich dort nicht äußern. Die Kosten für die Ausgrabung seien von Anfang an im Budget der Umgehungsstraße berücksichtigt gewesen. Die Archäologen hoffen nun auf weitere wertvolle Arbeitswochen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hätte die Toten aus eigenen Mitteln nicht bergen können, sagt Michel Fuhrer, der Vertreter des Volksbunds im Elsass. Dafür wird er die Männer identifizieren, die Familien ausfindig machen und Kontakt mit ihnen aufnehmen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Stiefel und Helme, Knochen und Schädel nun einem Namen zugeordnet werden. Helfen können dabei persönliche Gegenstände wie Uhren oder Essbesteck, die jeder Soldat für die Zeit in den Schützengräben mit seinem Namen versah.

          Die Namen der Verschütteten waren seit jeher bekannt. Eine von zwei bekannten Abbildungen einer ersten Holztafel mit den Namen der Gefallenen findet sich in der historischen Darstellung der Kämpfe vom März 1918 wieder. Zuletzt erinnerte der Volksbund an sie mit einem steinernen Denkmal. Mit Beginn des Straßenbaus zog es dorthin, wo auch jene Männer eine letzte Ruhestätte finden sollen, deren Familien keine Überführung in ihre deutsche Heimat wünschen: auf den Soldatenfriedhof von Illfurth im Südelsass.

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