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Türkei : In heikler Mission

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Seelsorger in der Türkei: Prälat Rainer Korten Bild: F.A.Z.-Axel Wermelskirchen

Lange war es undenkbar: Türkische und deutsche Christen feiern gemeinsam Oster-Gottesdienste. In Antalya kämpft ein deutscher Prälat für die erste christliche Gemeinde in der Türkei seit 80 Jahren.

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          Die Lautsprecherstimme des Muezzins schallt von den Minaretten der Moscheen über Antalya. In der Altstadt um den Fischerboothafen erwehren sich die ersten Ostertouristen auf Schritt und Tritt der vielsprachigen Nice-price-Anbieter von Teppichen, Lederjacken und Lammspießmenüs.

          Prälat Rainer Korten schlendert nicht durch die Gassen, er hat ein Ziel, ein weißgestrichenes zweistöckiges Haus, dessen Holzfensterläden gegen die Nachmittagssonne geschlossen sind. Oben im zweiten Stock feiert er sonntags Gottesdienst. Regelmäßig finden sich dreißig, vierzig Christen ein. An Ostern werden es mehr Gottesdienste sein und mehr Besucher, weil dann schon Zehntausende deutsche Touristen an der „türkischen Riviera“ die Wärme genießen.

          Korten setzt sich in dem friedlichen Garten hinter dem Haus an einen Tisch in den Schatten, und ein junger Mann bringt dem „Papas“ türkischen Kaffee. „Das ist einer von den etwa 120 türkischen Christen hier, die unter dem Dach dieses Hauses Schutz finden“, sagt der Prälat, „sie sind vom Islam zum Christentum konvertiert. Das ist in der türkischen Gesellschaft das Undenkbare, das Unvorstellbare.“

          Sechsmonatiger Kampf für „christlichen“ Paßeintrag

          Die geschiedene Türkin, die draußen im Stadtteil Lara seine weitläufige Wohnung in einem zwölfstöckigen Haus am Meer in Ordnung hält, ist auch zum Christentum konvertiert, zu einer amerikanischen Freikirche. Sechs Monate hat sie mit den Behörden gekämpft, bis der im türkischen Paß übliche Religionsvermerk „muslimisch“ bei ihr in „christlich“ geändert war. Ihr vierzehn Jahre alter Sohn kam zum Vater, und das gewiß nicht nur, weil der Mann als Hotelmanager ordentlich verdient, sondern auch weil er Muslim ist.

          Es ist auch kein Zufall, daß an dem Haus in der Altstadt, dem „St. Paul Cultural Center“ der amerikanischen Freikirchen, immer wieder die Wagen mit dem schwarzen Kennzeichen der Sicherheitspolizei vorbeifahren. Korten amüsiert: „Das Schild 'International Church of Antalya' am Eingang dürfte eigentlich gar nicht sein. Für die Behörden ist das keine Kirche, sondern ein Kulturzentrum. Das haben die Amerikaner, von denen ich den Raum gemietet habe, unter der Hand gemacht, so wie in Deutschland manchmal aus Versehen die Minarette zu hoch werden.“

          „Urlauberpfarrer“ zwei Mal im Jahr genügt nicht

          Daß der 63 Jahre alte Katholik Rainer Korten der erste ausländische Geistliche mit offizieller Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung seit der Gründung der Türkischen Republik vor achtzig Jahren ist, verdankt er einer neuen politischen Konstellation und einem evangelischen Christen. Der evangelische Christ ist Manfred Gerwinat, der deutsche Konsul in Antalya. Er ist als einziger Beamter zuständig für 14.000 meist verrentete deutsche Dauerresidenten an der türkischen Riviera und für die deutschen Touristen. In diesem Jahr wird der sommerliche Zustrom aus Almanya wohl auf 2,7 Millionen anschwellen; vor sechs Jahren waren es noch 800.000, und die Zahl der Dauerresidenten lag bei 3.000.

          Gerwinat ist seit langem mit Korten befreundet, seit gemeinsamen Zeiten im koreanischen Seoul, wo er die rechte Hand des Botschafters war und von wo der Prälat eine heute florierende Gemeinde im chinesischen Schanghai aufbaute. In der Sache der deutschen Christen in der Türkei wandte sich der Konsul mit Verve an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und an das Auswärtige Amt in Berlin: Es könne doch nicht angehen, die vielen Deutschen in den urchristlichen Landen am türkischen Mittelmeer ohne seelsorgerischen Beistand zu lassen, und es reiche nicht aus, zweimal im Jahr für ein paar Wochen den evangelischen „Urlauberpfarrer“ Volkmar Metzner zu entsenden.

          Minderheitenpoltik wegen EU-Beitritt überdenken

          Prälat Korten, 1971 in der Diözese Hildesheim zum Priester geweiht, war derweil gerade einmal nicht in Afrika, Asien oder Südamerika, sondern zuständig für dreieinhalb Pfarreien in Salzgitter. Er mußte seinen Bischof Josef Homeyer dazu bewegen, ihn trotz der katastrophalen Personallage in Deutschland noch einmal in die Fremde zu schicken.

          Er durfte, und die Politik stand günstig, weil seit den Wahlen im November 2002 der Reformer Erdogan Ministerpräsident ist. Dessen islamisch-konservative „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) festigte bei den Kommunalwahlen gerade abermals ihre Position. Auch in Antalya mit seinen weit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern stellt sie jetzt den Bürgermeister. Korten: „Ich bin hier, weil die Türken in die EU wollen und deshalb ihre Minderheitenpolitik überdenken.“

          Wie lange es allerdings dauern kann, bis ein Reformgesetz aus Ankara über die noch osmanisch-üppige Bürokratie „unten“ ankommt, erlebte Prälat Korten dann hautnah. Mit seiner Arbeitsgenehmigung ging es nicht etwa deshalb voran, weil die deutsche Politik fleißig Menschenrechte und Religionsfreiheit anmahnte. Der Durchbruch kam, als der niederländische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende im Herbst 2003 klipp und klar sagte, die Niederlande stimmten gegen die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, wenn Ankara nicht endlich auch in der Praxis Schluß mache mit der Benachteiligung der ausländischen Christen. Da ging es auf einmal schnell.

          „St.-Nikolaus-Kirche“ in Antalya dank Oranjes

          Die türkische Seite erschien mit einer Delegation ranghoher Beamter des Innenministeriums - sogar der Chef der Sicherheitsabteilung war dabei - und tat kund, in aller Stille habe die Regierung einen Erlaß an die Gouverneure der Provinzen geleitet: Wo ausländische Christen seien, könnten sie auch eine Gemeinde gründen. Als dann nach nur eineinhalb Monaten die Satzung für den interkonfessionellen christlichen Verein „St.-Nikolaus-Kirche Antalya“ auf türkisch fertig war, stellte sich heraus, daß die Behörden aus der „Nikolaus-Kirche“ ein „Nikolaus-Haus“ gemacht und die Zwecke des Vereins auch sonst verwässert hatten. Konsul Gerwinat drohte damit, das werde er in der Presse an die große Glocke hängen. Ende Februar stand dann der „richtige“ Vertrag: Der Verein „St.-Nikolaus-Kirche“ darf sich frei versammeln, ohne „Besuch“ der Polizei.

          Die christliche Seelsorge ist gewährleistet, mit allem, was dazugehört, etwa Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Die Einfuhr von Gesangbüchern, christlichen Zeitungen und christlicher Literatur ist nicht verboten. Der Verein kann ein Grundstück kaufen und darauf eine christliche Kirche errichten. Korten: „Wir müssen wie jeder türkische Verein vier Bücher führen, die ein Notar Seite für Seite siegelt. Jedes Vereinsmitglied hatte für die Satzung 52 Unterschriften zu leisten und ein Paßfoto zu liefern.“

          Der Name des Vereins ist nicht zufällig: Der heilige Nikolaus, Bischof von Myra, wirkte im vierten Jahrhundert nicht weit von Antalya im heutigen Kocademre. In der Vereinssatzung steht zwar auch, daß Korten für die Seelsorge an deutschen Gefangenen in türkische Haftanstalten darf, aber das haben ihm die Behörden bislang nicht gestattet: „Das ist für die Türken einfach noch unvorstellbar, da muß man Geduld haben.“

          Katholische und evangelische Trautheit

          Vielleicht könne man zusammen mit den Amerikanern das Nachbarhaus neben dem „St.-Paul-Center“ kaufen, hofft der Prälat, eine ehemalige orthodoxe Kirche aus dem Jahr 1889, die dann zu „St. Nikolaus“ würde. Die Denkmalpflege für die Altstadt Antalyas hat allerdings präzise Vorstellungen, und billig würde es nicht. Seinem Bischof in Hildesheim habe er geschrieben, daß man sich jetzt entscheiden müsse, wenn man die Dinge schnell vorantreiben wolle, auch mit Geld. Bedenken in Deutschland wegen der Interkonfessionalität des Vereins seien weltfremd: „Wenn wir den Türken auch noch getrennt als Katholiken und Evangelische gegenüberträten, würden sie ganz irre.“

          Abends in seiner Wohnung stellt Korten ein Glas Wein auf den afrikanischen Beistelltisch neben der neuen türkischen Sitzgruppe. Er überlegt, ob er morgen nach Antalya fahren soll, 300 Kilometer hin und zürück. Dort ist eine Deutsche gestorben, und der Sohn hat ihn telefonisch gebeten, bei der Beerdigung eine Art „Würdigung“ vorzunehmen. „Wie soll ich die Frau ,würdigen'? Ich kannte sie doch gar nicht.“

          Deutsche Seelsorge auch an der Sonnenküste gefragt

          Als Seelsorger kämpft der Prälat mit denselben Schwierigkeiten, der sich auch seine Heimatkirche in Deutschland gegenübersieht. „Die meisten Deutschen hier sind entchristlicht und entkirchlicht. Die wissen nix. Da komme ich mir vor wie Paulus auf Missionsreise.“ Jetzt sei er aber allmählich bekannter geworden, vor allem nach einem Begräbnis in Alanya, an dem auch der Mufti teilgenommen habe. „Das ging durch die nationalen Fernsehsender und stand groß auf der Eins der ,Hürriyet'.“ Vor allem ältere Dauerresidenten, die schon fünfzehn, zwanzig Jahre hier leben, wenden sich an ihn. „Sie merken langsam, daß das Leben nicht nur aus Sonne und Boutiquen besteht.“

          Vor ein paar Tagen mußte er sich nach einem nächtlichen Busunfall um eine schwerverletzte Frau kümmern, deren Mann bei dem Zusammenstoß ums Leben gekommen war. Elend und Not gibt es auch unter den Deutschen an der Sonnenküste zur Genüge. Unlängst etwa hat er einem Ehepaar buchstäblich das Nötigste zum Überleben der nächsten Tage zugesteckt. Der Mann war in Deutschland Bauunternehmer, und die beiden wollten den Lebensabend in der Sonne genießen, als er krank wurde. Die schönen Ersparnisse waren bei der kostspieligen Behandlung bald aufgefressen. Jetzt hoffen die beiden, bald nach Deutschland zurückkehren zu können, mittellos und krank.

          Kein rasendes Reformtempo für die Türken

          Einmal im Monat muß Korten jetzt auch für drei, vier Tage nach Istanbul fliegen und dort „vorübergehend“ den Leiter der deutschsprachigen Gemeinde ersetzen, der in den Ruhestand geht. Die Türken mag Korten sehr. Ihm gefallen vor allem die noch intakten Familien mit den vielen Kindern, die guterzogenen jungen Leute. Das ist für Korten ein wohltuender Kontrast zum Westen mit den Erscheinungen von Glaubensverfall, Familienzerfall und Kinderlosigkeit.

          „Ein ganz anderes Lebensgefühl hier. Man kann es aber auch politisch betrachten: Wenn die Türken in ein paar Jahren in die EU aufgenommen werden, sind sie dort bald das größte Volk. Hundert Millionen Muslime, ein Drittel der Bevölkerung unter zwanzig Jahre alt. Wie wird das alternde Europa darauf reagieren?“ Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ hat Korten selbstverständlich gelesen.

          Aber das sind die großen Fragen, und Rainer Korten hat schon genug damit zu tun, die erste christliche Gemeinde in der Türkei seit achtzig Jahren aufzubauen. Er hält jedenfalls nichts davon, den Türken jetzt ein rasendes Reformtempo abzuverlangen. „Das wäre westlicher Hochmut, wenn ich etwa höre, was in Deutschland für ein Geschrei gemacht wird, wenn die Leute eine einzige Stunde in der Woche mehr arbeiten sollen.“

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