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Tübingen : Als die roten Kommandos rollten

  • -Aktualisiert am

In den Jahren von 1966 bis 1969 war Ratzinger Professor in Tübingen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Zeit als Professor in Tübingen war für Papst Benedikt XVI. eine einschneidende Erfahrung. Weggefährten sprechen sogar von traumatischen Erlebnissen. Dabei war er ein gefeierter Jungstar in der Theologie.

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          Vermutlich denkt Papst Benedikt XVI. nicht so gerne an die Jahre von 1966 bis 1969 zurück, in denen er Professor in Tübingen war - ein blitzgescheiter Jungstar der Theologie, der mit seinem brillanten Vortragsstil Massen von Studenten in die Hörsäle lockte.

          Als fortschrittlich und aufgeschlossen galt der Theologe damals, der während des Zweiten Vatikanischen Konzils für die Annäherung der Kirche an die moderne Welt stand. Dennoch wurde er stärker als andere zur Zielscheibe der Proteste, als sich die mittelalterliche Universitätsstadt am Neckar 1968 zu einem der Zentren der Studentenbewegung entwickelte. „Ich hatte immer den Eindruck, daß Joseph Ratzinger im Zweiten Vatikanischen Konzil zu naiv die Zukunftsperspektiven betrachtet hat“, sagt der Tübinger Theologe Peter Hünermann, der damals in regelmäßigem Austausch mit Ratzinger stand. „Die andere Erfahrung der Realität leitete eine Wende in seinem Denken ein.“

          Ein Trauma

          Grölende Studenten stürmten seine Vorlesungen, schrien ihm ins Gesicht und hinderten ihn daran zu unterrichten. „Es ging damals ordinär zu, und er ist übel behandelt worden. Er hat uns leid getan“, erinnert sich sein damaliger Kollege Max Seckler, der als Dekan den aufstrebenden Jungprofessor 1966 der Fakultät als einzigen Kandidaten für den Parallel-Lehrstuhl in Dogmatik vorgeschlagen hatte. Das habe Ratzinger insbesondere deshalb verletzt, „weil er glaubte, eine reformatorische Einstellung zu haben, und sah, daß dies nicht gewürdigt wurde“. Ratzinger habe damals gemerkt, „wie sich ein Höllenschlund auftat“. Danach habe er seine reformorientierten Ideen nicht mehr so unbefangen vertreten können.

          Auch der Papstkritiker Hans Küng erinnert sich daran, daß damals sowohl seine eigenen Vorlesungen als auch die seines Kollegen von roten Rollkommandos gestürmt wurden. Allerdings habe Ratzinger das tragischer genommen als er selbst. „Er hat damals ein Trauma davongetragen“, sagt Küng. „Seitdem sieht er alles, was von unten kommt, als Bedrohung.“ Verstärkt wurden diese Erfahrungen durch die Persönlichkeit Ratzingers, der zeitlebens mehr ein Mann der intellektuellen als der konkreten Auseinandersetzung war. „Er war nie verlegen, sich argumentativ auseinanderzusetzen“, sagt Seckler. „Aber wenn es emotional zuging, wußte er nicht, was er machen sollte.“

          Hat er sich gewandelt?

          Ein Wesenszug, der sich offensichtlich durch das ganze Leben Ratzingers zieht. Darin sieht Hünermann auch einen wesentlichen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Papst: „Johannes Paul II. ging direkten Konfrontationen nie aus dem Weg. Ratzinger vermeidet dagegen direkte Auseinandersetzungen und zieht sich in Distanz zurück.“ Entsprechend sei er auch mit seinen aufmüpfigen Studenten umgegangen. Wenn jemand etwas kritisierte, habe sich Ratzinger eine Notiz gemacht und erklärt: „Sie werden morgen die Antwort bekommen.“ Das habe manchmal böses Blut gegeben.

          Der Saarbrücker Theologe Gotthold Hasenhüttl, von 1964 bis 1969 Assistent bei Hans Küng in Tübingen und eng mit Ratzinger vertraut, glaubt indessen nicht an die Wandlung vom ehemals liberalen zum konservativen Theologen. Vielmehr habe Ratzinger von einem statisch konservativen Fundament aus immer wieder liberale Gedanken diskutiert. „Wenn man ein festes Fundament im Glauben und in der Wahrheit hat, kann man sich von dort aus verschiedenen Strömungen gegenüber offen zeigen und vieles diskutieren“, habe ihm der Professor damals anvertraut. Im liberalen Klima Tübingens habe sich der spätere Kardinal nicht wohl gefühlt, weshalb er schon nach drei Jahren an die theologisch weniger bedeutende, aber dafür ruhigere Universität Regensburg wechselte.

          Eine außergewöhnliche Selbstdistanziertheit

          Dementsprechend kritisiert Hasenhüttl die Wahl Ratzingers zum Papst. „Ich hoffe wider alle Hoffnung, daß er sich als Benedikt XVI. wandelt, aber die Zeichen, die er setzt, deuten nicht darauf hin.“ Peter Hünermann beschreibt Ratzinger dagegen als einen Menschen, der große Zusammenhänge leicht und eingängig formulieren kann, aber primär in der Lehre und Forschung der katholischen Theologie zu Hause ist. „Daher glaube ich, daß es ihm schwerfallen wird, sich in sein neues Amt zu finden. Aber ich hoffe, daß er als Papst seinen Blickwinkel noch mal erweitert.“ Hans Küng nennt die Wahl Ratzingers eine „Riesenenttäuschung für alle Reformorientierten“. 1979 wurde Küng unter anderem auf Betreiben Ratzingers vom Vatikan die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen, weil er die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen anzweifelte. Als Papst könnte Ratzinger den Theologen rehabilitieren. Küng sagt am Morgen nach der Papstwahl noch immer sichtlich erregt: „Ich hoffe, daß er sich an die gemeinsame Zeit erinnert und seinem früheren Tübinger Kollegen ein Gespräch gewähren wird.“

          Ratzingers Weggefährte Max Seckler sagt dagegen, er kenne niemanden, dem er mehr zutrauen könnte. „Ratzinger ist kein Hardliner. Nichts liegt ihm ferner, als intolerant zu sein.“ Den neuen Papst zeichne eine ebenso feine wie verbindliche Art und eine außergewöhnliche Selbstdistanziertheit aus. „In seinem bisherigen Amt konnte er diese Qualitäten nicht zum Tragen bringen. Als Papst wird er eine andere Erscheinung abgeben.“

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