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Tsunami-Warnsystem : Japaner reagieren drei Sekunden nach dem Beben

  • -Aktualisiert am

Tsunami-Schäden auf Hokkaido Bild: AP

In Japan lassen sich innerhalb kürzester Zeit Bedrohungen durch Flutwellen prognostizieren und der Bevölkerung kommunizieren. Das beste Tsunami-Warnsystem der Welt soll nun auch auf andere Länder ausgedehnt werden.

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          Hundertundachtzig seismographische Sensoren liegen wie ein Netz in und um Japan. Sie messen den gefährlichen, unregelmäßigen Puls der Erdkruste. Wenn es in der Region bebt, werden die Meßdaten dieser Stationen in sechs Computerzentren des Landes verarbeitet. Kommen die Rechner zu dem Ergebnis, daß ein Tsunami droht, eine von einem Seebeben verursachte Flutwelle auf die Küste zurast, gehen Warnungen automatisch an die betreffenden Gemeinden, den Katastrophenschutz, die Küstenwacht, öffentliche und private Rundfunkanstalten.

          Radioprogramme werden unterbrochen, Fernsehsender lassen die Warnung wie große Untertitel eines Films über den Bildschirm ziehen, fahren alle paar Minuten den Ton des normalen Programms herunter, um sie zu verlesen - nicht nur auf japanisch, ab und zu auch auf englisch.

          Eine der seismisch aktivsten Regionen der Welt

          Kurz und eindringlich, in ständiger Wiederholung, wird über die Stärke des Bebens berichtet, welche Küsten mit einem Tsunami zu rechnen haben, wann und in welcher Höhe er auf Land treffen wird. „Bitte bringen Sie sich in Sicherheit, suchen Sie höhergelegene Orte auf.“

          Japaner sind solche Meldungen gewohnt, schließlich bebt um ihr Archipel Hunderte Male im Jahr die Erde. Nicht alle sind zu fühlen, die meisten bleiben ohne Folgen. Doch noch im Oktober kamen im westjapanischen Niigata mehr als 40 Menschen bei einem Erdbeben ums Leben. Die Region um Japan zählt zu den seismisch aktivsten der Welt, mehrere Erdplatten stoßen hier gefährlich aneinander.

          Tsunamis geht ein klares Signal voraus

          Hunderte Wissenschaftler beschäftigen sich mit Ursachen und Folgen der „Jishin“. Doch bislang sind ernsthafte Erdbebenvoraussagen nicht möglich. Für Tsunamis aber ist das anders. Ihnen geht ein klares Signal voraus, ein Seebeben. Um die Inselnation Japan, die auch Heimat aktiver Vulkane ist, ziehen sich mehr als 30 000 Kilometer Küste. Seit Menschengedenken fürchtet man die verheerenden Auswirkungen der Tsunami, die nicht von ungefähr in aller Welt einen japanischen Namen tragen: Tsunami steht für Hafen-Welle.

          Wenn Tokio-Touristen den großen Buddha im nahe gelegenen Kamakura besuchen, ahnen nur wenige, daß dieses Heiligtum einst in einem Holztempel stand, den eine Flutwelle fortriß. Weniger weit liegt die Katastrophe an der Sanriku-Küste zurück, als 1960 ein Tsunami mehr als 100 Menschen in den Tod riß, der seinen Anfang an der chilenischen Küste nahm.

          Frühwarnsystem kontinuierlich verbessert

          Der letzte schwere Tsunami traf 1993 auf Japan. Nach einem Seebeben vor der wenig besiedelten nördlichen Hauptinsel Hokkaido brach eine 29 Meter hohe Welle über Okushiri herein. In dem Gebiet, das bis dahin nicht als erdbebengefährdet galt, kamen 200 Menschen ums Leben. Seither sucht Japan systematisch sein Tsunami-Frühwarnsystem zu verbessern und investiert jährlich vierzehn Millionen Euro.

          Abermals zeigte Okushiri, daß es um Sekunden geht. Nur drei Minuten nach dem Beben mit der Magnitude 7,8 traf der Tsunami auf die Küste. Erst Minuten später wurde die Evakuierung angeordnet. Inzwischen steht vor Okushiri eine vierzehn Kilometer lange und zwölf Meter hohe Schutzmauer aus Stahlbeton. Viele japanische Küsten sind aus Furcht vor den verheerenden Flutwellen zubetoniert: Aus einst idyllischen Buchten und Stränden ragen riesige graue Wellenbrecher.

          Ergebnisse nach drei Sekunden

          Seit 1999 folgen die Tsunami-Warnungen in Japan einem ausgeklügelten System aus historischen Datenbeständen und Computersimulationen. Etwa 100 000 Erdbeben in Küstenregionen dienen als Muster und Abgleich für die Entstehung und Bewegung eines neuen Tsunami. Wenn sich ein schweres Erdbeben ereignet, werden die aktuellen Meßwerte mit der Datenbank verglichen, die ähnlichste Simulationsrechnung gesucht und eine entsprechende Warnung ausgegeben.

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